Eisenbahnstraße: Viele Fragezeichen an der Schneidmühle

Eisenbahnstraße : Viele Fragezeichen an der Schneidmühle

Ob mit Auto, Bus, Euregiobahn oder zu Fuß: Tausende passieren täglich diese Stelle an der Eisenbahnstraße, direkt gegenüber des Bahnhaltepunktes „Schneidmühle“. Viel hat sich seit der Aufnahme von 1972 eigentlich nicht verändert. Und so mancher mag sich wundern, was hier einst war.

Die Verkehrszeichen, die den nahen Bahnübergang ankündigen, wurden zwischenzeitlich modernisiert, die Bushaltestelle wurde wenige Meter nach rechts verlegt, wildes Grün spießt munter nach Lust und Licht. „Genuss im Stil der neuen Zeit“ verspricht eine Zigarettenreklame auf der Rückwand des Unterstandes der Bushaltestelle — die ‚neue Zeit‘ war hier einige Jahre zuvor mit der Umstellung von Straßenbahn- auf Busbetrieb eingeläutet worden. Die „alte Zeit“ hingegen vergegenwärtigen die Hausruinen auf den verlassenen Grundstücken. Bis heute beweisen schmiedeeiserne Gitter auf Gartenmauern und mehrere Einfahrtstore, dass hier einst Häuser standen und Menschen wohnten.

Schmiedeeiserne Gitter auf Gartenmauern und mehrere Einfahrtstore beweisen, dass hier einst Häuser standen und Menschen wohnten. Foto: Christian Altena

Die teils bis ins Hochparterre erhaltenen Häuserreste, erstickend im eigenen Schutt, lassen auf hochwertige Bauwerke schließen, repräsentativ und vielleicht sogar vornehm. Geschichte ist die Wissenschaft der Überreste, selten kann sie aus dem vollen schöpfen und nie ist sie lückenlos zu rekonstruieren. Diese Häuser hier auf einem Grundstück der Vegla bzw. St. Gobain Glaswerke entziehen sich nun jeder Recherche. Es gibt keine Archivakten, keine Literatur, die etwas verraten könnten, und nur diese eine Nahaufnahme.

Zurzeit kann man nur rätseln. Wohnhäuser standen hier, soviel ist sicher. Vermutlich für Angestellte der Glasfabrik, errichtet um die Jahrhundertwende. Wer hat sie zerstört? Ein unvollständiger Abriss erscheint unwahrscheinlich. Lagen hier fünfundzwanzig Jahre nach Kriegsende noch von Granaten zerstörte Häuser als Ruinen unberührt? Möglich, denn die Wunden des Krieges heilten teils sehr langsam. Gegenüber stand bis in die 1960er Jahre das Hauptverwaltungsgebäude der Vegla, ein repräsentativer Bau aus dem 19. Jahrhundert. Die Inschrift „Spiegel-Manufactur“ wurde geborgen und an einem nahen, historischen Bau des Werkes angebracht. Schnorrenfeld ist der ältere Flurname dieses Bereichs, längst ist jedoch Schneidmühle geläufig, der auf dem Betrieb der nahen Kupfermühle Schneidmühle beruht, die in Resten noch erhalten ist. Das Schnorrenfeld wurde 1544 erstmals erwähnt und gezeichnet und war damals unbebaut.

Der Plan der Stolberger kartografischen Pioniere Johann Adam Peltzer und Johann Wilhelm Meigen von 1811 zeigt ein untergegangenes Gut, bezeichnet als „Situation de l’ancien Schnorrenfeld“. Die Lage dieses „alten Schnorrenfelds“ kann man recht genau lokalisieren. Nämlich sehr nahe an unserem gezeigten Bildausschnitt. Im 19. Jahrhundert waren davon nur rätselhafte Ruinen zu sehen, so wie wir sie nun auf dem Foto von 1972 vor uns haben. Ein Gut mit starken Mauern und eingefallenen Türmen, heißt es. Vermutlich identisch mit dem 1652 erst- und letztmals erwähnten Gut Schlossberg. Ein untergegangener Gutshof oder ein unbekannter Kupferhof? Möglich wäre beides. Türme zierten vor Jahrhunderten nachweislich zahlreiche Stolberger Kupferhöfe, die sich äußerlich mehr als Landgüter denn als Manufakturen präsentierten. Geplant ist für das unauffällige und rätselhafte Gelände eine Nutzung als P+R-Parkfläche — Fahrgenuss im Stil der neuen Zeit.

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