Stolberg: Verein Frauen für Frauen: Durch das Ehrenamt sind sie verbunden

Stolberg : Verein Frauen für Frauen: Durch das Ehrenamt sind sie verbunden

Ihr Geburtsort ist Stolberg zwar nicht, aber dennoch fühlen sie sich hier zu Hause. Donia Sghaier, Latifa Moutaouakkil sowie Frial Mdlal und Saida Hamadache sind bereits vor etlichen Jahren in die Kupferstadt gekommen — teilweise mit und teilweise ohne ihre Familien. Schnell mussten sie lernen, sich hier zurecht zu finden.

Sie knüpften neue Kontakte und integrierten — neben Arbeit und Familie — noch eine weitere Sache in ihren Alltag: das Ehrenamt. Sie alle engagieren sich im Verein Frauen für Frauen in Stolberg und übernehmen dort verschiedene Aufgaben. Die Intention, die sich hinter ihrem Engagement verbirgt? Sie wollen Frauen und ihren Familien dabei helfen, in ihrer (neuen) Heimat Fuß zu fassen. Eine Aufgabe, die manchmal allerdings gar nicht so einfach ist, wie die Ehrenamtlerinnen in kleinen Porträts erzählen.

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Donia Sghaier und Latifa Moutaouakkil leben mittlerweile seit 26 Jahren in Stolberg. Seitdem sind sie gut befreundet und arbeiten auch zusammen. Ein Tag ohne die andere sei kaum vorstellbar, sagen die Frauen und lachen. Dabei habe ihre Freundschaft eigentlich mit einem Zufall angefangen. Donia Sghaier war damals — kurz nach ihrer Ankunft in Stolberg — in der Innenstadt unterwegs. Sie war auf der Suche nach einem Geschäft, in dem sie ein Tuch kaufen konnte und traf Latifa Moutaouakkil. „Ich habe sie dann einfach gefragt, wo ich eins bekomme“, erinnert sich Sghaier. Die beiden Frauen kamen ins Gespräch und wurden schnell Freundinnen.

Das Ehrenamt liegt ihnen am Herzen: Saida Hamadache (Foto oben, Mitte) und ihren Töchtern sowie Donia Sghaier und Latifa Moutaouakkil (Foto Mitte) und Frial Mdlal (Foto unten, Mitte) mit ihrer Tochter und Mazeena Ismail (Foto unten, rechts), Vorsitzende des Vereins Frauen für Frauen in Stolberg. Foto: Sonja Essers

Donia Sghaier kommt ursprünglich aus Tunesien. Ihr Mann fand in Stolberg Arbeit, sie folgte ihm. Wohl fühlte sie sich in der Kupferstadt zu Beginn allerdings nicht. „Am Anfang war es schlimm. Ich konnte kein Deutsch, mein Mann arbeitete auf Wechselschicht und ich war zu Hause“, sagt die dreifache Mutter. Das Deutschlernen lief zunächst ebenfalls etwas holprig. „Auch nach einigen Jahren konnte ich nur ‚jae_SSLq, ‚bittee_SSLq, ‚dankee_SSLq und ‚tschüsse_SSLq auf Deutsch sagen. Das reichte damals. Der Rest ging nur mit Händen und Füßen.“

Besuch bei der Verwandtschaft

Doch das änderte sich. Nicht zuletzt durch ihre Kinder lernte sie die Sprache und spricht sie nahezu fließend. Auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt Donia Sghaier mittlerweile. In Stolberg fühlt sie sich zu Hause. Ihre Heimat Tunesien vermisst sie dennoch. Jeden Sommer fliegt sie für sechs Wochen nach Tunesien zu ihrer Verwandtschaft. „Dort wohnen wir nur fünf Minuten vom Meer weg“, sagt sie. In diesem Jahr wird sie allerdings nur drei Wochen dort sein. Ein längerer Urlaub war in diesem Jahr einfach nicht drin, sagt sie.

Für Latifa Moutaouakkil, ebenfalls Mutter von drei Kindern, geht es in diesem Jahr nicht zum Urlaub in ihre Heimat. Dafür stand sie ihrer Tochter zur Seite, die in diesem Jahr ihr Abitur gemacht hat. Latifa Moutaouakkil kommt aus Marokko und ist ihrem Mann ebenfalls vor 26 Jahren nach Stolberg gefolgt. Er und die drei Kinder besitzen zwar die deutsche Staatsangehörigkeit, sie allerdings nicht. Die Prüfung im Rahme des B1-Sprachniveaus bestand sie nämlich nicht. „Heute gibt es viel mehr Voraussetzungen als früher“, sagt ihre Freundin Donia Sghaier.

Latifa Moutaouakkil lässt sich davon nicht unterkriegen. Sie fühlt sich in Stolberg wohl. „Mir geht es hier gut und ich habe viele Freunde. Ich muss aber sagen, dass Stolberg früher schöner war. Heute gibt es überall viel mehr Müll“, sagt sie.

Nicht nur auf der Arbeit — die beiden Frauen sind als Reinigungskräfte tätig — verbringen sie Zeit miteinander, sondern auch in ihrer Freizeit sind sie meist gemeinsam unterwegs, gehen frühstücken oder spazieren. Am Herzen liegt ihnen ihr Engagement im Verein Frauen für Frauen in Stolberg. Sie organisieren Sport-, Deutsch- und Kochkurse und helfen Zugewanderten dabei, das Radfahren zu lernen. „Das ist doch besser als zu Hause rumzusitzen“, sind sich die beiden Frauen einig.

Ortswechsel. „Herzlich Willkommen“, sagt Frial Mdlal in arabischer Sprache während sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht breitmacht. Einige Minuten hat sie zuvor in der Küche verbracht und kommt mit einem gut gefüllten Tablett zurück ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch breitet sie Tassen gefüllt mit Kaffee, Gebäck und Chips aus. Zuvor gab es bereits Orangensaft. Gastfreundlichkeit ist für die 67-Jährige das A und O — nicht zuletzt durch ihre Kultur.

Frial Mdlal ist in Syrien geboren und im Libanon aufgewachsen. Im Mai 1986 kam sie mit ihrem Mann und den fünf Kindern in die DDR und landete schließlich in einem kleinen Dorf im Kreis Soest. Seit dem 1. Februar 1996 lebt die Familie, zu der heute sechs Kinder und stolze 17 Enkelkinder gehören, in Stolberg. Ein Schritt, den Frial Mdlal auch über 20 Jahre später nicht bereut. „Hier in Stolberg ist es viel besser. Man kann hier schnell Kontakte knüpfe und sehr viel lernen“, sagt Frial Mdlal.

Übersetzerin und Freundin

Einen Kontakt, den sie bereits kurz nach ihrer Ankunft in Stolberg geknüpft hat, ist der zu Mazeena Ismail. „Sie ist eine sehr gute Freundin geworden“, sagt Mdlal. Durch Ismail — Vorsitzende des Vereins frauen für Frauen in Stolberg — habe sie auch angefangen, sich ehrenamtlich zu engagieren — und das in vielfacher Hinsicht. Bereits seit einigen Jahren ist sie Übersetzerin und begleitet Menschen, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, zu Behörden, Ärzten oder in Schulen. „Das ist doch besser als zu Hause zu sitzen und nichts zu machen“, sagt Mdlal.

Stark gefragt waren ihre Fähigkeiten vor allem im Rahmen der Flüchtlingskrise. Nicht nur als Übersetzerin half sie damals, sie sammelte auch Kleidung und half bei der Suche nach Wohnungen. Manchmal begleitete sie die Neuankömmlinge auch in den Supermarkt. Warum? „Wenn Menschen neu in einem Land sind und die deutsche Sprache nicht kennen, ist auch das Einkaufen schwer“, sagt sie. Gerade für Muslime sei es nicht einfach herauszufinden, welche Lebensmittel sie essen und trinken können und welche nicht. „Oft sind sie ganz begeistert von den bunten Flaschen, die es in den Supermärkten gibt, aber meistens ist da Alkohol drin. Woher sollen sie das wissen, wenn man es ihnen nicht erklärt?“, sagt Mdlal.

Frial Mdlal, die gelernte Näherin und Friseurin ist, engagiert sich nicht nur als Übersetzerin, sondern gibt auch Arabisch-Kurse. Eine Aufgabe, die ihr viel Spaß macht. „So lernt man auch selbst immer dazu“, sagt sie und lacht.

Zu Besuch bei Saida Hamadache. Ihre größte Schwäche? Sie könne nicht nein sagen, erklärt sie und lacht. Fast täglich ist sie ehrenamtlich tätig und hat mit ihrem Engagement auch ihre Töchter Salsabil und Hiba infiziert. Nicht nur die monatlichen Kochkurse im Helene-Weber-Haus gehören zu ihrem Alltag als Ehrenamtlerin. „Ich treffe mich jede Woche mit einer kleinen Gruppe von Frauen und dann reden wir über das Leben in Deutschland“, sagt sie. Die 53-Jährige hilft auch beim Ausfüllen von Formularen, organisiert Ausflüge, begleitet Familien bei Arztbesuchen und unterstützt ein Mal in der Woche eine Hausaufgabenbetreuung. Tochter Hiba hilft bei der Kinderbetreuung, Salsabil begleitet Familien unter anderem bei Besuchen ins Rathaus oder erklärt ihnen die Bedeutung von Unterlagen. „Die Meinung meiner Töchter ist mir sehr wichtig“, sagt Saida Hamadache.

Sprachkurse oft abgebrochen

Wichtig ist ihr bei ihrem ehrenamtlichen Engagement vor allem, dass die Frauen, die nach Stolberg kommen, schnell die deutsche Sprache lernen. Keine einfache Aufgabe, wie Saida Hamadach aus eigener Erfahrung weiß. Vor 30 Jahren kam sie aus Algerien nach Deutschland. Seit 2005 lebt sie mit ihrer Familie in Stolberg. „Ich hatte damals einen Mann, der schon fließend deutsch sprach. Heute kommen viele Frauen mit ihren Kindern alleine nach Deutschland“, sagt sie.

Hamadache hat die Erfahrung gemacht, dass es oft gerade diese Frauen sind, die Sprachkurse abbrechen, weil sie lieber schnell einen Job finden wollen. „Aber die Sprache ist sehr wichtig“, sagt sie und nennt die Themen Schule und Ausbildung als Beispiele. Deshalb fand im Juni ein Vortrag rund um das Thema Ausbildung statt. „Es ist wichtig, dass die Mütter wissen, worum es geht und worauf es ankommt, damit sie das dann auch an ihre Kinder weitergeben können“, sagt Saida Hamadache.

Wie eine zweite Mutter

Für etliche Frauen sei sie eine wichtige Ansprechpartnerin in sämtlichen Lebenslagen geworden. „Immer wieder kommen Frauen zu mir und sagen, dass ich wie eine zweite Mutter für sie wäre. Ich versuche ihnen wirklich zu helfen, wo ich nur kann“, sagt Hamadache. Mit ihren beiden Töchtern hat sie eine neue Idee entwickelt, die in Zukunft auch in Stolberg umgesetzt werde soll: eine Art Speed-Dating zum Thema Sprache. Zugewanderte und Menschen aus Stolberg sollen sich so regelmäßig treffen und deutsch sprechen.

Eine ähnliche Veranstaltung in Aachen hat Salsabil Hamadache bereits besucht. „Ich glaube, dass es in Stolberg nicht schwer sein wird Interessenten dafür zu finden“ sagt sie.

Saida Hamadache und ihre beiden Töchter wollen sich auch weiterhin ehrenamtlich in Stolberg engagieren. „Helfen macht Spaß. Es ist schön, wenn man mit einer kleinen Geste ein wenig Leid von den Menschen nehmen kann. Wenn die Familien glücklich sind, dann ist das ein schönes Gefühl“, ist sich die 53-Jährige sicher.

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