Unfallstatistik 2018: Mehr Unfälle in Stolberg

Unfallstatistik 2018 : „Es ist ein Wechselbad der Gefühle“

Dirk Weinspach spricht von einem „Wechselbad der Gefühle“. Die Verkehrsunfallstatistik des Polizeipräsidenten für das vergangene Jahr weist durchaus Erfolge aus.

Etwa der leichte Rückgang von Motorradunfällen um sechs Prozent auf 126 in der gesamten Städteregion. Verzeichnet wird auch ein Rückgang von Unfällen, die durch überhöhte Geschwindigkeit begründet sind, nämlich um 18 Prozent.

Aber unter dem Strich sind landesweit wie präsidiumsweit die Unfallzahlen angestiegen; hier leicht von 21.455 (2017) auf 21.503. Was dabei besonders schmerzt: Um sechs auf 16 angestiegen ist die Anzahl der Verkehrsunfälle mit getöteten Personen. Gestorben sind dabei 20 Menschen.

Zwei Unfälle, sechs Tote

Auf Stolberg trifft dieses Wechselbad der Gefühle besonders zu. Aufgrund des tragischen Unfalls kurz vor Weihnachten nahe Gut Schwarzenbruch verloren fünf Menschen ihr Leben. Der Fall sorgte bundesweit für Ausehen. Verursacht wurde er laut Polizei, weil der 20-jährige Verursacher die Kontaktstreifen eines „Starenkastens“ auf der Gegenfahrbahn umfahren wollte. Dabei stieß er bei der Rückkehr auf seinen Fahrstreifen mit dem entgegenkommenden Wagen zusammen, der ihm ausweichen wollte.

„Ein solch schwerer Unfall erfordert bei uns zahlreiche Ermittlungsschritte“, so Weinspach: von der Technik über Soziale Medien bis hin zur intensiven Opfernachsorge. „Solche Unfälle gehen auch an unseren Beamten nicht spurlos vorbei“, betonte der Polizeipräsident. Aber erste Hinweise auf ein Rennen konnten die Ermittlungen nicht belegen.

Den Begriff Wechselbad der Gefühle kann man auch auf den zweiten tödlich verlaufenden Unfall in der Kupferstadt beziehen. Im Januar stürzt ein 49-jähriger Mofafahrer ohne Fremdeinwirkung auf der Prämienstraße. Er geht selbst zum Arzt, klagt aber weiterhin über Kopfschmerzen und Übelkeit. Als sein Bekannter drei Tage später in der Wohnung nachschaut, ist der 49-Jährige bereits in einem so kritischen Zustand, dass er im Krankenhaus einen Tag später an den Folgen innerer Kopfverletzungen verstirbt.

Um 38 Prozent auf 40 zugenommen haben zudem Verkehrsunfälle mit Schwerverletzten, um 12 Prozent auf 103 derer mit Leichtverletzten. Wenn die Polizei auch keine Unfallbrennpunkte ausmachte, registrierte sie als häufigste Örtlichkeit von Unfällen mit Personenschäden die Europastraße (10), die Prämien- und Zweifaller Straße (je 7) sowie die Mauer- und Eschweilerstraße (je 6). Das bedeutet, die Münsterbuscher Kreisstraße 13 im Bereich von Prämien- und Mauerstraße war mit 13 Unfällen der gefährlichste Asphalt in Stolberg.

Wie im besorgniserregenden Trend der Städteregion legt auch in Stolberg die Zahl der Verunglückten bei Fahrradfahrern und jungen Erwachsenen zu, während erfreulicherweise deutlich weniger aktiv (also nicht als Mitinsasse) am Verkehrsgeschehen teilnehmende Kinder verunglückten.

Zunehmend Sorgen bereitet der Direktion Verkehr Unfälle mit Radfahrern, und dabei ganz besonders mit Pedelecs. Von 427 Fahrradunfällen anno 2017 schoss die Zahl präsidiumsweit auf 548 hoch, davon 22 (plus 4) allein in Stolberg. Allein in den Monaten September/Oktober/November verzeichnete die Polizei eine Steigerung um 20 Prozent. Für Polizeipräsident Dirk Weinspach sind die Gründe vielfältig: Radfahren wird insgesamt immer beliebter; der überaus lange Sommer ließ mehr Menschen bis in den Spätherbst aufs Rad steigen.

Gefährliche Pedelecs

Und: Die für viele Verkehrsteilnehmer noch ungewohnt schnellen Pedelecs sorgen für zusätzliche Gefahren. Allein 43 Pedelec-Fahrer waren 2018 in Unfälle verwickelt.

 Diese seien nicht nur deutlich schneller unterwegs als herkömmliche Fahrräder, sondern hätten auch einen längeren Bremsweg – allerdings sei das für Autofahrer schwer zu erkennen. „Beim ersten Blick in den Rückspiegel erkenne ich nur ein ganz normales Fahrrad. Und beim zweiten Blick sehe ich vielleicht gar nichts mehr, weil das Pedelec schon neben mir ist“, sagte Polizeioberrätin Svende Friedrichs, die Leiterin der Direktion Verkehr.

Polizeioberrätin Svende Friederichs: Beim ersten Blick glaubt man ein Fahrrad zu erkennen, beim zweiten kann ein Pedelec schon neben einem sein. Foto: Jürgen Lange

Friedrichs und ihr Team registrierten in der Region auch bei der Zahl der Verkehrsunfälle unter aktiver Beteiligung von Senioren ab 65 Jahren eine Steigerung. 933 waren dies 2017, 1036 im vergangenen Jahr. Macht ein Plus von 11,04 Prozent. Bemerkenswert dabei: In 76,5 Prozent (macht 793 Fälle) waren die Senioren auch die Unfallverursacher.

Hier, wie auch bei anderen Unfallursachen, will die Polizei vor allem präventiv ansetzen. So haben Aachener Verkehrsberater das Projekt Generationenbrücke entwickelt, bei dem Seniorenheime mit Kitas und Schulen kooperieren beim praxisorientierten Verkehrstraining. Bereits bekannt ist der Crash-Kurs, der sich vor allem an die Fahranfänger wendet und sie mit der Darstellung echter Unfallereignisse emotional ansprechen soll. „Nicht zuletzt die breite mediale Diskussion über den tragischen Unfall in Stolberg zeigt, dass die Konstellation junge Menschen und schnelle Autos die Öffentlichkeit bewegt“, betonte der Polizeipräsident.

Auch deshalb haben seine Mitarbeiter die Szene von Rasern, Tunern und Posern genau im Blick. „Den stehen wir kräftig auf den Füßen“, unterstrich Friedrichs. Zielgerichtete Kontrollen werden auch gemeinsam mit Kfz-Sachverständigen durchgeführt. Die Strafen seien empfindlich. In 20 Fällen in der Region bestand der Verdacht illegaler Autorennen. Vielfach laufen die Ermittlungen noch. In einem Fall wurde der hochwertige Pkw des Fahrers eingezogen, eine saftige Geldstrafe und ein einjähriges Fahrverbot verhängt.

Kontrolldruck verschärft

Diese Rennen seien Einzelfälle. Eine organisierte Szene sei im Aachener Raum nicht erkennbar, so Weinspach, und seine Behörde werde alles tun, Rasern das Handwerk zu legen. Der Kontrolldruck soll weiter intensiviert werden. Schwerpunktmäßig sollen Hauptverkehrsachsen und Unfallhäufungsstellen – auch in Stolberg – überwacht und gegen die Hauptursachen von Unfällen vorgegangen werden. Tempo, Alkohol und Drogen am Steuer und Fehler beim Abbiegen führen die Top 10 an.

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