Über 50 Prozent Leerstand in der Stolberger Fußgängerzone

Ein Ründchen durch die Stadt : Krebsgeschwür noch nicht besiegt

Der Anblick, der sich den Stolbergern im Steinweg bietet, ist nicht besonders schön. Da gibt es Ladenlokale, deren Schaufenster mit Glasfenster ausgestattet sind. In anderen hängen Holzbretter vor den Türen. Das zeigt ein Rundgang durch die Innenstadt.

Es ist fast auf den Tag genau neun Jahre her. Am 14. August 2010 war in dieser Zeitung zu lesen: „Das Potenzial in Oberstolberg schwindet zusehends. Wie ein Krebsgeschwür greift der Leerstand von Ladenlokalen immer weiter um sich. Auch im unteren Steinweg mehren sich die Anzeichen für die Schwierigkeiten der Fußgängerzone. Mittlerweile findet in mehr als der Hälfte der etwa 100 Ladenlokale kein Geschäftsbetrieb mehr statt; vor zwei Jahren war es noch gut ein Drittel.“

Und wie sieht es heute aus? Gebessert hat sich die Situation nicht. Neue Ideen, was man gegen den Leerstand unternehmen könnte, gibt es nicht wirklich. Diskutiert wird dennoch. Dass sich allerdings dringend etwas tun muss, zeigt ein Rundgang durch die Innenstadt.

Fußgängerzone Steinweg: Einst war die rund 500 Meter lange Meile, die von der Zweifaller Straße bis (offiziell bis Sonnentalstraße) zum Kaiserplatz die Hauptverkehrsachse der Innenstadt. Einst bedeutet in diesem Fall vor über 30 Jahren.

Mit Glaswolle ausgestopft und mit Brettern vernagelt: Diese beiden Ladenfenster sind die schlimmsten der Fußgängerzone. Foto: ZVA/Sonja Essers

Wie man sich das vorstellen kann? Ganz einfach: Damals zwängte sich der Verkehr auf dieser L238 als Einbahnstraße in Richtung Innenstadt. In Richtung Süden führte der Weg über die Von-Werner-Straße zum Bahnübergang Aachener Straße. Das änderte sich mit dem Bau von Rathausumfahrt und Europastraße. Der Steinweg wurde zur Fußgängerzone. Ursprünglich war „nur“ eine verkehrsberuhigte Zone geplant. Die Anlieger bevorzugten eine richtige Flaniermeile. Heute gibt es dort wirklich viel Platz zum Flanieren, nur zu sehen gibt es wenig – außer alter Baustubstanz.

Wer den Steinweg in diesen Tagen aufsucht und sich die Mühe macht, nachzuzählen, wie viele Geschäfte leerstehen, wird dennoch überrascht sein. Denn wie bereits vor neun Jahren ist die Hälfte der Ladenlokale genutzt. Die andere Hälfte steht leer, dient als Ausstellungsraum oder auch als Wohnung. Die Grenzen sind fließend. Gezählt wurden insgesamt 46 Geschäftslokale der unterschiedlichen Branchen – von der Spielhalle über Gastronomie, vom Büro bis zum Discounter und vom Friseur bis zum Einzelhändler. Sieben Geschäfte wurden oder werden in Wohnraum umgebaut. 15 Ladenlokale dienen als Ausstellungsraum oder sind dekoriert, damit der Leerstand nicht allzu sehr ins Auge springt. 32 Geschäfte stehen ganz offensichtlich leer.

Schön ist der Anblick der leeren Ladenlokale im Steinweg definitiv nicht. Foto: Jürgen Lange

Auffällig ist, dass der obere Steinweg in besonderem Maße von der Problematik des Leerstands betroffen ist. Das frühere Jagdgeschäft Fischer droht in sich zusammenzubrechen. Hinter der Burg-Apotheke reihen sich acht Leerstände in Folge: Lebensmittelladen, Boutique, Sonnenstudio, Sportstudio, Schneider & Co; sie alle gehören längst der Vergangenheit an. Und es sieht nicht so aus, dass sich der jetzige Zustand bald ändern könnte.

Erst mit Juwelier Nolte und Erika Stollenwerks „Espri“ wird erstmals wieder Ware feil geboten. Bis zur Mühlenstraße folgen weitere Leerstände, ein Büro, ein Foto-Studio, Deko-Artikel und eine Shisha-Bar. Auf der gegenüberliegenden Seite zählen Friseur Krümmel, eine Spielhalle, der „Postwagen“, das „Beer O’Clock“ und das Studio von Hellmut Müller-Schafus zum Bestand. Früher gab es hier auch einmal Unterwäsche, Rundfunkgeräte und Backwaren. Neben dem Musikstudio von Norbert Peters hat nun das Malstudio von Dennis Brandt neu eröffent. Und gelegentlich wurde in den vergangenen neun Jahren ein kleinerer Laden eröffnet, aber auch wieder geschlossen.

Ein Trauerspiel ist das Schicksal des traditionsreichen Hotelrestaurants „Burgkeller“. Der türkische Generalkonsul eröffnete im August 2008 die von den Gebrüdern Ertürk in Kombination mit einem Hamam wiederbelebte Restauration, die sich mit ihrem Konzept aber nicht durchsetzen konnte. 2009 wollten die früheren Pächter der Donnerberger „Friederichs Ecke“ in dem Vichtbachlokal neu durchstarten. Dazu kam es allerdings nicht. Der „Burgkeller“ ist dem „Zahn der Zeit“ preisgegeben.

Gemildert wird die Bilanz im oberen Steinweg nur durch den Abriss der Häuser 38 und 40, wo im Herbst die Arbeiten am neuen Quartiersplatz beginnen sollen. Freud und Leid liegen beispielsweise an der Ecke der Stielgasse nebeneinander, wo Prof. Bernhard Steinauer ein Jugendstilgebäude aufwändig sanierte, während die Fassade des angrenzenden Nothoff-Kaufhauses die Spuren der Zeit offensichtlich zeigt. Im oberen Steinweg finden sich nicht nur die meisten, sondern auch die schlimmsten Leerstände der Fußgängerzone: Ein Schaufenster ist mit Glaswolle ausgestopft, ein anderes mit Brettern vernagelt. Einladend dürfte dieser Zustand wohl kaum sein.

Die Schritte zur Mühlenstraße versüßen nur noch „Salon Er“ und ein Nagelstudio. Dann fängt im unteren Steinweg das geschäftliche Leben wieder an – der Familie Kaesmacher und ihres Möbelhauses sei Dank. Aktuell fünf Schaufenster beziehungsweise Geschäftslokale ziehen den Betrachter an – ebenso wie Lederwaren Giesen und „zwopunktnull“ von Laura Markenstein. Die Agentur Oecher Design betreibt direkt nebenan ein Büro. Neu ist ein Anbieter von E-Zigaretten und Zubehör dort, wo einst das Modehaus Stefan Akzente setzte. Etabliert hat sich augenscheinlich der Kosmetiksalon, der zuvor mit dem geschlossenen Reformhaus kooperierte. Das große Ladenlokal von Blumen Barth hat ebenso noch niemand wach geküsst wie eine geeignete Nutzung für das frühere Modehaus Fister gefunden werden konnte. Und der Umbau der früheren Apotheke in Wohnraum scheint noch immer im Gange zu sein.

Auch im ehemaligen Burgkeller tut sich heute gar nichts mehr. Foto: Jürgen Lange

An der Ecke der Kortumstraße setzt das Sanitätshaus Bajus Akzente. Es nutzt nun zusätzlich gegenüber das Schaufenster des Steinwegs 78 als Ausstellungsfläche. Und auch Nova Moden hat mit dem Copy-Shop eine Nachfolgenutzung gefunden.

Leer steht allerdings der Secondhand-Laden, den Kohler einst zusätzlich für Kindermoden nutzten. Wehmütig wird dem Stolberger zumute, wenn er auf die leeren Schaufenster des früheren Modehauses Kohler blickt. Vor 121 Jahren gegründet, war das Eckgebäude an der Kortumstraße seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine führende Adresse in Sachen Bekleidung in der Innenstadt. Seit Oktober des vergangenen Jahres setzt der Familienbetrieb auf die Präsenz im Burg-Center.

Schuhe Zohren und noch bis Anfang nächsten Jahres das Kinderhaus Dohmen zählen auf den nächsten Metern zu den alteingesessenen Einzelhändlern. Schon lange bieten der Rathaus-Grill und das Köpi-Bistro ebenfalls ihren Service an. Gegenüber gebührt dieses Label Optik Hoffmann und der Werkstatt von Leder + Pelz Creutz.

Aber es gibt auch positive Beispiele. So beispielsweise an der Ecke Stielsgasse. Foto: Jürgen Lange

Seit zwei Jahren übt sich außerdem Discounter Action als Frequenzbringer. Weitere Geschäftsräume im Rathaus-Carré liegen brach. Neben der früheren Rossman-Filiale und einer kleineren Ladeneinheit ist die Rathaus-Passage mit der beliebten „Sahneschnitte“, Aldi und Lotto/Tabak Groten (hier ist ab Oktober zudem die Post) sowie einem Friseur ausgebucht.

Vor vier Jahren eröffnete „Bella Figura“ an der Ecke zur Sonnentalstraße, und auch das benachbarte Nagelstudio gilt schon als eingesessen. Eine Institutionen ist zudem die Stolberger Bücherstube (deren Anfänge auf der Mühle lagen) und die zugleich Anlaufstelle unseres Medienhauses ist ebenso wie Bistro Platia, der Familienbetreib der Metzgerei Willi Croé und eben das traditionsreiche Stolberger Eiscafé, das heute Ermes Rovere mit Herzblut führt.

Nur kurz blieb indes Gemüsehändler Erdemir vor neun Jahren im einstigen Modegeschäft Fourne, das seit dem Abzug von Deko-Line nach Monschau schon einige Jahre leer steht.

Seit zwei Jahren gibt es auf dem Kaiserplatz das Restaurant „Living“. Derzeit ist dieses nach einem Brand geschlossen, soll allerdings noch in diesem Monat wieder eröffnen. Das Krebsgeschwür des Leerstandes in der Innenstadt hat sich in den vergangenen neun Jahren zwar nicht weiter ausgeweitet, ist allerdings auch noch nicht zurückgewichen und damit genauso gefährlich wie zuvor.