Stolberg/Aachen: Tochter an Pädophilen verkauft: Über zwei Jahre Haft für Mutter

Stolberg/Aachen : Tochter an Pädophilen verkauft: Über zwei Jahre Haft für Mutter

Sie überließen eine Neunjährige für 400 Schweizer Franken einem Pädophilen: Wegen schweren sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und der Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger sind am Montag eine Stolberger Altenpflegerin und ihr Ex-Freund am Aachener Landgericht zu zwei Jahren und neun Monaten beziehungsweise zu drei Jahren Haft verurteilt worden.

Die Staatsanwaltschaft hatte in beiden Fällen eine höhere Strafe gefordert. Die beiden Verurteilten sollen im Jahre 2010 über das Internet ein Treffen zwischen der Tochter der Altenpflegerin und einem pädophilen Mann aus der Schweiz arrangiert haben.

Dafür, dass sich der Mann an dem Mädchen vergreifen durfte, bekamen sie 400 Schweizer Franken von ihm. Der Ex-Freund der Stolbergerin soll darüber hinaus selbst eine große Sammlung kinderpornografischer Dateien besessen haben. Im Mittelpunkt des letzten Verhandlungstages standen zwei Fragen: Wie sehr kann man sich auf die Aussagen des mittlerweile verstorbenen Schweizers verlassen, der sich an der Neunjährigen vergangen haben soll? Der Mann hatte die Mutter und deren damaligen Partner schwer belastet. Und: Schadet man der Tochter noch mehr, wenn man ihre Mutter wegen ihrer Rolle in dem Missbrauchsfall zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt?

Zu Beginn des Verhandlungstages war die Beweisaufnahme noch nicht abgeschlossen. Ein detailliertes Gutachten über die psychische und gesundheitliche Verfassung des Schweizers wurde zunächst verlesen.

Angeklagte zeigen keine Regung

Während der Vorsitzende Richter am Landgericht, Roland Klösgen, und seine Kollegin Richterin Kirstin Kaldenbach mehrere Stunden lang Details aus dem Leben des pädophilen Mannes preisgaben, zeigten die beiden Angeklagten keinerlei Anteilnahme. Dieter H. schaute zu Boden, als Richter Klösgen über die Kontakte des Schweizers F. in die pädophile Szene in Deutschland und in andere europäische Länder berichtete, auch, als es um die Kinderpornosammlung mit Abertausenden Fotos und Hunderten von Videos ging.

Michaela O. musste der Richter gar mehrfach ermahnen, während der Verlesung des Gutachtens nicht einzuschlafen, „sonst fangen wir hier gleich wieder ganz von vorne an“, betonte Klösgen. Als er vortrug, was genau der Schweizer nach eigener Aussage bei dem Treffen mit ihrer Tochter gemacht haben soll, blieb die Frau regungslos. Das Mädchen musste offenbar über sich ergehen lassen, von dem Mann berührt und gestreichelt zu werden, auch im Intimbereich. Außerdem musste das Kind ihn ebenfalls anfassen.

Dieter H., in dessen Wohnung der Missbrauch stattfand, hatte währenddessen offenbar danebengesessen, um Druck auf das Kind auszuüben. Die Mutter soll sich in der Zeit in ein Nebenzimmer begeben haben. Das Schweizer Gutachten bescheinigt dem Verstorbenen eine schizoaffektiven Störung und volle Schuldfähigkeit. Die Staatsanwaltschaft zeigte sich davon überzeugt, dass der Mann über die Vorfälle in Aachen die Wahrheit gesagt hatte. Chatprotokolle, die aus dem Rechner des Schweizers stammen, belegen dessen Aussagen.

Für den Aachener Dieter H. forderte die Staatsanwältin eine Freiheitsstrafe von insgesamt sechs Jahren, weil er die Tochter der Stolbergerin zweimal an den Schweizer verkauft haben soll, wobei es bei dem zweiten Treffen zu keinen sexuellen Handlungen gekommen sein soll. Bestraft werden sollte er auch für den Besitz und die Verbreitung kinderpornografischer Dateien. Für die Mutter forderte die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von insgesamt fünf Jahren. „Sie war skrupellos und hat aus rein materiellem Interesse gehandelt“, sagte die Staatsanwältin. Anders die Einschätzung der Verteidigung: Den Aussagen des Schweizers sei nicht zu trauen, so die beiden Anwälte.

Ob sich der Fall mit der Tochter der Angeklagten wirklich so zugetragen habe, sei nicht mehr nachvollziehbar. Das Gericht folgte den Forderungen der Staatsanwaltschaft nur teilweise: In Bezug auf das zweite Treffen, das mutmaßlich mit dem Schweizer vereinbart worden war, wurden beide Angeklagten freigesprochen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, innerhalb von einer Woche können beide in Revision gehen.

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