Straßennamen im Neubaugebiet: Alte Römer geben Namen

Straßennamen im Neubaugebiet : Zwei alte Römer geben ihre Namen her

Macht es sich nicht gut, wenn man an der Aurelius-Tertius-Straße wohnt? Die Adresse hat doch was. Auch die Acceptusstraße verfügt über einen geschichtsträchtigen Klang. Stolberg entdeckt seine römischen Wurzeln neu.

Nachdem die ersten Vorschläge zur Benennung der beiden zukünftigen Straßen im Neubaugebiet auf dem früheren Ripphausen-Gelände an der Gressenicher Straße nicht auf Gegenliebe der Politik im Ausschuss für Stadtentwicklung gestoßen waren.

Die Verwaltung hatte – brav dem früheren Willen des Rates folgend – in erster Linie eine Liste mit verdienten Stolberger Frauen vorgeschlagen und eine längere Auflistung von Herren ergänzt, die als Namensgeber im Laufe der Zeit vorgeschlagen worden waren. Alles gut und schön, befand der Ausschuss, aber für ein Neubaugebiet in Mausbach würden sich Adressen mit lokalem Bezug besser machen. Ein Bezug zur römischen Siedlung, die sich bis ins 4. Jahrhundert zwischen dem heutigen Gressenich und Mausbach erstreckte, wäre passender.

Daraufhin hat sich die Verwaltung intensiv mit der Historie befasst und legt für die nächste Sitzung des Gremiums am Mittwoch, 7. November, vier römische Varianten vor. Unter anderem beruft sie sich dabei auf den Lokalhistoriker Friedrich Holtz. Auf ihn gehen die Vorschläge „Zur Gression Weide“ und Grantiniusstraße/weg zurück. Besagter Herr Grantinius war mit seinem Landgut namengebend für das heutige Gressenich. Und die Sagenstadt „Gression“ gilt als geläufigere Abwandlung des originären Crasciniacum.

Historisch genauer geht es mit dem Herrn Aurelius Tertius zu. In einem der durch die Archäologen untersuchten Gräberfelder bei Gressenich wurde ein Teller mit diesem Namen gefunden.

Bis ins 4. Jahrhundert hinein existierte in diesem Bereich ein Vicus, eine kleine Siedlung mit bis zu 250 Bewohnern, das sich einen Namen machte mit der Serienproduktion von „Hemmoorer Eimern“, schmuck gestaltete Messinggefäße, die nach einem individuellen Design geformt von Gressenich aus in die weite römische Welt exportiert wurden. Mit dem Bau des Netto-Marktes war 2016 das Bodendenkmal noch einmal genau von Archäologen unter die Lupe genommen worden.

Wesentlich früher ans Tageslicht befördert wurde nach dem großen Erdbeben im Jahr 1755 ein Weihestein. Aufgestellt worden soll der Stein 238 n.Chr. von den Römern Masius und Marcer Acceptus. Bauer Rösseler hatte ihn beim Pflügen seines Feldes zwischen Mausbach und Gressenich gefunden und ihn seinem Landesherren, dem Abt Carl Ludwig Freiherr von Sickingen-Ebemburg im Kloster Kornelimünster übergeben.

„Der Abt gab ihm für den Stein ein Malter Korn im Wert von etwa zwei Taler clevisc“, berichtet Hermann Schümmer in einem Beitrag für die Heimatkundlichen Blätter des Brander Bürgervereins über den Inschriftenstein und seine Bedeutung. Taler clevisch, und weiter: „Dass ein römischer Inschriftenstein im Bereich Gressenich gefunden wurde, ist kein Zufall. Schon 1830 wird im Rheinischen Conversationslexikon oder Encyclopädischen Handwörterbuch für gebildete Stände umfangreich über die römische Hinterlassenschaft dort berichtet. Hier heißt es unter anderem: Die Römer machten den Ort zu einem Hauptstammplatz der Legionen und ihrer Eisen- und Bleifabriken. Ringmauern, Häuser, Tempel, Tore und Pfeiler sind noch sichtbar unter der Erde. Die Bauern, die sich im Winter damit beschäftigen, aus dem Schutt, der am nächsten an die Oberfläche reicht, urbares Land zu machen, verkaufen die gefundenen Altertümer und werfen die kupfernen Münzen in den Armenbeutel, wo man sie sonntags am leichtesten findet ...“

Schließlich ließ der Abt den Stein als Eckstein 1757 in das gerade im Bau befindliche Haus für den Schultheiß, den obersten Verwaltungsbeamten des Ländchens, einbauen, wo er auch heute noch zu finden ist. Schwiergkeiten bereitete seinerzeit die Übersetzung aus dem Lateinischen. Das dokumentiert laut Schümmer auch die untere Inschrift des Abtes mit sinngemäß folgendem Wortlaut: „Der oben angebrachte Stein, Rest einer sehr alten, aber nicht vollständig erhaltenen Inschrift, wurde in der Herrschaft Gressenig im Jahr 1755 ausgegraben. Dann sind die beiden Steine im Jahr 1757 hier Ecksteine geworden unter dem sehr ehrenwerten und berühmten Abt Ludwig Baron von Sickingen. Wer es verstehen kann, mag es verstehen.“

Im 19. Jahrhundert wurde die eigentliche Inschrift so übersetzt: „Jupiter, dem besten und größten, und dem Schutzgeist des Ortes haben für das Heil des Reiches Masius, (Freigelassener) des Januarius,und des Titianus, (Freigelassener) des Januarius, ein Gelübde gern und verdientermaßen eingelöst unter der Sorge des obenstehenden Masius und des Macer Acceptus in dem Jahr, als Pius und Proclus Konsuln waren.“ Aus dem Konsulat wurde dann das Jahr 238 n. Chr. abgeleitet.

Neben den spannenden römischen Sagen steht ein noch deutlich jüngerer Vorschlag zur Diskussion, den die FDP eingebracht hatte: Sie schlug als einen Namensgeber Johann Müllejans (12. März 1912 – 1. Februar 2017) vor. Der Träger des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland war von November 1952 bis Dezember 1971 Ratsmitglied der Gemeinde Gressenich sowie von April 1972 bis

September 1979 Ratsmitglied der Stadt Stolberg. Er gehörte in dieser Zeit zahlreichen Ausschüssen an, wobei er sich besonders für seinen Heimatort Mausbach und im Bereich des Zivilschutzes im Hauptausschuss engagierte.

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