Stolberg: Stolberger Grundschüler lernen verschiedene Religionen kennen

Stolberg : Stolberger Grundschüler lernen verschiedene Religionen kennen

Und dann ist es plötzlich mucksmäuschenstill: Mit großen Augen und offenen Mündern lauschen die Viertklässler der Grundschule Hermannstraße dem Imam. Er kniet auf dem Boden und trägt mit geschlossenen Augen eine Sure aus dem Koran vor.

„Das hat sich sehr schön angehört“, wird eines der Kinder später leise seinem Nachbarn ins Ohr flüstern. Nicht nur der Besuch der Stolberger Ditib-Moschee an der Rathausstraße stand für den Nachwuchs in den vergangenen beiden Wochen auf dem Programm. Gemeinsam mit ihren Lehrern Uta Marx und Fouad El-Azrak machten sie nämlich einen sogenannten interreligiösen Spaziergang und lernten so den Islam und das Christentum besser kennen — überraschende Momente inklusive.

Fasziniert waren die Grundschüler von der Orgel in der Kirche St. Mariä Himmelfahrt auf der Mühle (Bild links). Organist Hermann-Josef Schulte nahm sich viel Zeit für die Fragen der Kinder und stimmte auch noch ein Lied an. Natürlich durfte auch ein Besuch in der Ditib-Moschee an der Rathausstraße beim Spaziergang nicht fehlen (Bild rechts). Foto: Sonja Essers

An der Hermannschule spielt das Thema Religion eine besonders wichtige Rolle. Bereits 2010 fand der erste interreligiöse Spaziergang statt. „Das Angebot werden wir in Zukunft auch noch weiter ausbauen“, sagt Schulleiterin Renate Krickel.

Fasziniert waren die Grundschüler von der Orgel in der Kirche St. Mariä Himmelfahrt auf der Mühle (Bild links). Organist Hermann-Josef Schulte nahm sich viel Zeit für die Fragen der Kinder und stimmte auch noch ein Lied an. Natürlich durfte auch ein Besuch in der Ditib-Moschee an der Rathausstraße beim Spaziergang nicht fehlen (Bild rechts). Foto: Sonja Essers

Aber was kann man sich eigentlich unter diesem Projekt vorstellen? Ganz einfach: Um den Islam sowie die katholische und evangelische Kirche einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, besuchten die Schüler die Stolberger Ditib-Moschee an der Rathausstraße, die Finkenbergkirche in der Altstadt und die Kirche St. Mariä Himmelfahrt auf der Mühle.

40 Meter hoch

Los ging es in — oder besser gesagt vor — der evangelischen Finkenbergkirche in der Stolberger Altstadt. Besonders angetan hatte es den Schülern der Kirchturm des Gebäudes — oder vielmehr die Geschichte, die sich dahinter verbarg. 40 Meter misst der Kirchturm mitsamt seiner Spitze. Mit den Glocken wurden früher die Gläubigen auf die Messe aufmerksam gemacht. Was es mit Kanzel, Taufschale und Altar auf sich hat, erklärte Pfarrer Jens Wegmann, der den Mädchen und Jungen auch ihre zahlreichen Fragen beantwortete.

Unter anderem wollten diese wissen, ob man auch in einer Kirche auf dem Boden betet und ob man eine bestimmte Kleidung in der Kirche tragen muss. Feste Vorschriften gebe es für die Kirchenbesucher nicht. Nur die Pfarrer müssten sich an gewisse Vorgaben halten, erklärte Wegmann den Kleinen.

Fasziniert waren die Schüler auch von der Orgel auf der Empore der Kirche. Die stand dann auch beim Besuch der katholischen Kirche St. Mariä Himmelfahrt auf der Mühle im Fokus. Organist Hermann-Josef Schulte nahm sich dort besonders viel Zeit, um dem Nachwuchs das Instrument zu erklären. Vor rund sechs Jahren wurde die Orgel gebaut. Natürlich kam da die Frage auf, wie sie auf die Empore der Kirche gekommen sei. Schulte erklärte, dass sie in einer Werkstatt konstruiert wurde, in Einzelteilen angeliefert und dann in dem Stolberger Gotteshaus aufgebaut wurde.

Und dann war es auch endlich soweit: Nachdem Schulte den Schülern etliche Fragen rund um die „Königin der Instrumente“ beantwortet hatte, zog er — im wahrsten Sinne des Wortes — alle Register und stimmte ein Lied an: die Melodie von Pippi Langstrumpf. Kein Wunder, dass die Schüler von dieser Auswahl besonders angetan waren.

Doch nicht nur die Musik hinterließ bei den Schülern Eindruck. Natürlich wurden an diesem Tag auch kirchliche Elemente wie der Tabanarkel, das Weihwasser- und Taufbecken und nicht zuletzt auch der Beichtstuhl genaustens von den Kindern unter die Lupe genommen. „Im Beichtstuhl können Leute über ihre Probleme reden. Oder darüber, was sie nicht so Gutes getan haben“, erklärte ein Kind seinen Mitschülern.

Eine weitere Station auf der informativen und auch unterhaltsamen Tour war die Stolberger Ditib-Moschee in der Rathausstraße. Dort wurden die Schüler mit Getränken und Knabbereien — der Ramadan hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht begonnen — sowie einem Film über den Islam begrüßt. Im Anschluss lernten die Kinder die verschiedenen Räume und Elemente der Moschee kennen. Und einige wichtige Regeln. Zum Beispiel diese: Bevor man den Gebetsraum betritt, zieht man die Schuhe aus. Das war für viele der jungen Besucher eine durchaus neue Information.

In der Stolberger Moschee gibt es gleich zwei Gebetsräume: einen für Männer und einen für Frauen. Schließlich ist es im Islam üblich, dass Männer und Frauen getrennt voneinander beten. Ein weiteres Element ist die sogenannte Gebetsnische. Sie ist nach Mekka ausgerichtet. In diese Richtung beten Muslime. Ebenfalls unerlässlich in einer Moschee ist die Kanzel, die auch als „Minbar“ bezeichnet wird. Von dort aus wird allwöchentlich das Freitagsgebet verlesen.

Und noch weitere Räume wurden begutachtet. Darunter die Waschräume. Bevor gebetet wird, muss nämlich immer eine rituelle Waschung stattfinden. Das bedeutet, dass Füße, Gesicht und auch Mund gesäubert werden. Auch eine kleine Bibliothek gibt es in der Moschee.

Aufrufe zum Gebet

In der Stolberger Moschee gibt es übrigens zwei Mal in der Woche einen öffentlichen und über Lautsprecher verbreiteten Aufruf zum Gebet: mittwochs und freitags. Wer beten möchte, kann sich dafür in der Ditib-Moschee zudem eine Gebetskette leihen. Sie besteht aus insgesamt 99 Perlen, die für die 99 Namen Gottes im Islam stehen.

Nach einem Gebet des Imams endete der Besuch der Hermannschüler schließlich. Und mit der Rückkehr in die Schule der interkulturelle Spaziergang, der den Kindern sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird.

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