Stolberg: Stolberger Arbeitsmarkt ist in Bewegung

Stolberg : Stolberger Arbeitsmarkt ist in Bewegung

Erstmals seit Jahren ist im vergangenen Monat die Arbeitslosenquote in der Stadt auf unter 9 Prozent gefallen. Zunächst einmal ist diese Zahl, die regelmäßig von der Agentur für Arbeit herausgegeben wird, nur eine Zahl auf Papier. Doch der Blick hinter in die Statistiken der Agentur mit Sitz an der Roermonder Straße in Aachen zeigt: Es ist tatsächlich Bewegung im Stolberger Arbeitsmarkt.

„Ende März dieses Jahres gingen in der Stadt Stolberg 13.710 Menschen einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nach“, erklärt Klaus Jeske, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Aachen-Düren, im Gespräch mit unserer Zeitung. Zehn Jahre zuvor waren es 13.680, also lediglich 30 Beschäftigte weniger in Stolberg. „Die reine Zahl der Stellen ist also relativ stabil geblieben“, so Jeske. Allerdings hat sich das Verhältnis von Vollzeit- und Teilzeitstellen verschoben: Während die Zahl der Vollzeitstellen gesunken ist, hat die Teilzeitbeschäftigung zugenommen. Das Stundenvolumen der Arbeit, die in Stolberg verrichtet wird, hat also insgesamt abgenommen.

Das ist ein Trend, den Martin Peters in den Betrieben, die er betreut, so nicht beobachten kann. Er ist Bevollmächtigter der Industriegewerkschaft Metall Stolberg-Eschweiler und Vorsitzender des SPD in der Städteregion. „Die Industriebetriebe sind natürlich nicht so teilzeitaffin“, sagt Peters. Hier gebe es eher das Problem von struktureller Mehrarbeit, also eingeplanten Überstunden. „Unsere Aufgabe besteht darin, die Unternehmen zu überzeugen, mehr Leute einzustellen, und die Überstunden der Beschäftigten abzubauen“, sagt Peters.

Warum ist die Arbeitslosenquote in Stolberg trotzdem gesunken? Das liegt häufig daran, dass sie ihrem Beruf außerhalb der Heimatstadt nachgehen: „Die Stolberger sind mobil und flexibel“, sagt Klaus Jeske. Von insgesamt 18.720 arbeitenden Stolbergern gehen nur 6100 Personen in ihrer Heimatstadt einer Beschäftigung nach. „Der überwiegende Teil der Menschen arbeitet in Städten und Gemeinden außerhalb.“ Auch am Hauptbahnhof kann man dieses Phänomen gut beobachten: Gerade entsteht dort ein großes Parkhaus, um die Anzahl der Parkmöglichkeiten für Auspendler zu verdoppeln.

Bedeutung der Großbetriebe sinkt

Was den heimischen Arbeitsmarkt angeht, so beschreibt ihn Gewerkschaftsmann Martin Peters als „sehr heterogen“: „Es gibt in Stolberg Industrieunternehmen, die haben in den vergangenen Jahren Arbeitsplätze aufgestockt“, sagt er. Bei anderen Firmen sei er hingegen froh, wenn das Niveau an Arbeitsplätzen in der Stadt gehalten werde. Ähnlich verhalte sich das aus Sicht der Gewerkschaft auch im Bereich der sozialen Verantwortung, die die Unternehmen bereit sind zu übernehmen. „Es gibt Firmeninhaber, die tun etwas für den Standort Stolberg“, sagt Peters. Bei anderen hingegen ließe die Bereitschaft, sich zu engagieren, zu wünschen übrig. Vor dem Hintergrund der Wirtschaftsförderung, mit der die Stadt den Firmen sehr entgegenkomme, sei das bedauerlich.

Von den Menschen, die in Stolberg arbeiten, tun das die meisten nicht etwa bei den großen, traditionsreichen Firmen: Zwar beschäftigen Dalli, Prym, Aurubis oder die anderen Industriebetriebe teilweise immer noch Hunderte Menschen. „Doch die meisten Leute arbeiten bei einem kleinen Betrieb mit bis zu neun Mitarbeitern“, erklärt Jeske. Insgesamt gibt es knapp 1200 Firmen in Stolberg. Der Wandel von einer Industriegesellschaft zu einer Dienstleistungsgesellschaft ist auch an der Kupferstadt nicht vorbeigegangen: Neben der Metallbranche sind es mittlerweile vor allem Berufe im Gesundheitssektor, die man in Stolberg finden kann. Nicht ohne Grund ist das Bethlehem Gesundheitszentrum einer der größten Arbeitgeber der Stadt.

Trotz der Veränderungen: Es gibt mit derzeit mehr als 2600 Arbeitslosen immer noch eine Menge Stolberger Bürger, die von der Bewegung auf dem Stellenmarkt nicht profitieren. Und das, obwohl es auch in Stolberg viele unbesetzte Stellen gibt: „Aktuell haben wir 388 offene Stellen am Standort Stolberg“, berichtet Klaus Jeske. Knapp 50 examinierte Pflegekräfte könnten beispielsweise auf Anhieb in Stolberg eine Stelle finden. Auch das Baugewerbe und das Handwerk im Allgemeinen seien immer auf der Suche nach geeignetem Personal, erklärt Jeske.

Warum finden Arbeitsuchende und Arbeitgeber, denen Personal fehlt, nicht zusammen? Die Gründe dafür sind vielfältig. Und die Zahlen der Arbeitsagentur können lediglich einen Hinweis darauf geben, was der Grund sein könnte. Ein großer Punkt ist das Thema Qualifizierung. „Von den Ende Oktober 2623 Menschen ohne Arbeit haben 62 Prozent keine abgeschlossene Berufsausbildung“, erklärt Agentursprecher Jeske.

Aus Sicht der Arbeitsagentur bedeutet eine zu geringe Qualifikation jedoch nicht unbedingt, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht zusammenfinden können: „Die Arbeitgeber sollten bereit sein, in ihre Mitarbeiter zu investieren“, erklärt Marc Laschet, der bei der Agentur für Arbeit als Teamleiter für die Betreuung von Arbeitgebern zuständig ist. Es gebe mittlerweile ein umfangreiches Instrumentarium, mit dem die Agentur für Arbeit und ihre Partner wie beispielsweise die Handwerks- und Handelskammern dabei helfen können, einen Mitarbeiter so zu qualifizieren, dass er in den Betrieb passt.

Dadurch, dass sich die Betriebe jedoch häufig nicht darauf einlassen, einen Mitarbeiter einzustellen, der nicht auf Anhieb passt, entstehen Vakanzen. „Ich würde zwar nicht von Fachkräftemangel sprechen, aber es gibt schon Engpässe“, erklärt Marc Laschet. Und diese Vakanzen würden dadurch, dass die Suche nach einem idealen Mitarbeiter immer schwieriger wird, länger.

„Ich glaube schon, dass bei den Firmen ein Prozess des Umdenkens begonnen hat“, erklärt IG-Metall-Bevollmächtigter Martin Peters. Der Bedarf bei den Unternehmen sei so hoch, dass sie bereit seien, in die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter zu investieren. „Allerdings haben im Bereich der Ausbildung noch nicht alle den Knall gehört“, sagt Peters. Durch den demografischen Wandel würden bei den Unternehmen bald viele Stellen unbesetzt bleiben. „Und ich kann nicht erkennen, dass die Unternehmen durch mehr Ausbildungsplätze versuchen, dem Facharbeitermangel vorzubeugen.“

Die Arbeitsagentur empfiehlt, dass Firmenchefs sich ein besseres Bild davon machen, wie sie Hilfestellungen bei der Qualifizierung und Ausbildung ihrer eigenen Mitarbeiter in Anspruch nehmen können. „Eines muss klar sein: Wir können immer nur mit den Menschen arbeiten, die wir haben und diese haben reichlich Potenziale“, sagt Klaus Jeske.

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