Stolberger Ansichten: Ein Gemüsemarkt an der Burgstraße

Gleich und doch anders : Ein Gemüsemarkt an der Burgstraße

Historische Aufnahmen haben Seltenheitswert. Da ist ein Riss im Abzug oder ein gebrochenes Glasnegativ ein verkraftbares Manko wie bei diesem historischen Foto. Entstanden ist es um 1910 am Beginn der Burgstraße.

Der fotografische Blick vom selben Standpunkt heute zeigt nicht viele Änderungen der Szenerie.

„Halt! Durchfahrt nur für Anlieger“ vermeldet nicht der Schupo, die historische Kurzform für Schutzpolizist, der sich hier mitten im Bild, mitten auf der Straße postiert hat. Sondern die kürzlich installierte Lichtsignalanlage links im aktuellen Foto. Jahrhundertelang war die Burgstraße die Hauptstraße Stolbergs und trug bis 1972 auch eben diesen Namen.

Sie durchquerte das kleine Stolberg von West nach Ost und erschloss alle Gassen und Sträßchen der Altstadt.

Diese wandelte seit ihrer Entstehung zum Ende des Mittelalters stetig ihr Gesicht, vor allem an der Burgstraße, wo die besten und begehrten Grundstücke lagen. In den hundert Jahren zwischen beiden gezeigten Bildern veränderte sich an den Wohn- und Geschäftshäusern nicht allzu viel.

Die heutige Burgstraße aus der gleichen Perspeltive. Foto: Christian Altena

Abgebrochen wurde rechts ein Altbau, an dessen Stelle in den 1960er Jahren ein schlichter Neubau trat. Ein Manko für das historische Denkmalensemble der Burgstraße? Keinesfalls. Auf ihrer gesamten Länge zeigt die Straße wie in diesem Ausschnitt eine Vielfalt der Baustile vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Jede Generation hat etwas hinzugesetzt und weggenommen.

Auf hundert Straßenmetern kann der Besucher renaissancezeitliche Fachwerkhäuser betrachten, vom Barock geprägte Bruchsteinhäuser, verputzte Gebäude des Klassizismus, historistische Zierfassaden in Neobarock, Jugendstilarchitektur oder schlichte Gestaltungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Ein bauhistorisches Panoptikum mit Highlights von prächtigen Kupfer- und Tuchmacherhöfen.

Eine spannende städtebauliche Entwicklung machte die alte Hauptstraße im 19. Jahrhundert durch. Bauordnung und Fluchtliniengesetze waren in der Frühneuzeit eher unbekannt. Die Straßenfronten waren uneinheitlich und vor allem war die Fahrbahn für Karren und Kutschen weitaus enger.

Kurz vor Aufnahme der historischen Fotografie war der Beginn der Straße verbreitert worden. Ein altes Häuschen rechterhand jenseits der Brücke, angelehnt an die damalige Drogerie Vockerodt, musste weichen und das Bauwerk mit schmucker Jugendstilfassade, einst Bäckerei Abels, musste durch Rückbau einige Meter Raum abgeben. Ergebnis war eine begradigte und vor allem fast verdoppelte Straßenbreite.

Der Brückenneubau jener Zeit war nun um einiges breiter, als der Übergang zuvor gewesen war. Angefangen hatte es im 15. oder 16. Jahrhundert mit einem schmalen Holzsteg für Fußgänger, während Vierbeiner und Fahrzeuge eine daneben liegende Furt zu queren hatten.

Die in auffälligem Knick zurückspringende Fassade des Gebäudes links verrät dem Betrachter: Hier gab es einen Grund für eine unkonventionelle Baugestaltung. Eine Bruchsteinfassade mit typischen Fenstergewänden des Hochbarocks der Mitte des 18. Jahrhunderts mit einem unnötigen Rücksprung?

Wie so oft hilft die oft zitierte Karte von Johann Wilhelm Meigen und Johann Adam Peltzer von 1811 weiter. Sie verzeichnet an jener Stelle, die zwischen der damaligen Engstelle der Vichtbachbrücke und den Häusern zwischen Eselsgasse und „In der Schart“ liegt, einen „marché a legumes“. Französisch ist das Kartenwerk beschrieben, da in französischer Zeit entstanden.

Und es verrät, dass an der „rue principale“, der Hauptstraße, der Kupferstädter Gemüsemarkt seinen Standort hatte.

Das Baufluchtengesetz des 19. Jahrhunderts erlaubte später den Bauherrn der drei Häuser links, dass diese also in die ehemalige Marktfläche hineinragen, da jenseits der gezeigten Ansichten der heutige Willy-Brandt-Platz als Marktplatz um 1850 neu geschaffen worden war.

Der Gemüsemarkt war am Anfang von Burg- und Klatterstraße, in unmittelbarer Nähe des Steinwegs und der Zweifaller Straße wirklich zentral gelegen.