Stolberg will zwei zusätzliche Buslinien

Geheimnis gelüftet : Zwei neue Buslinien zum Hauptbahnhof und nach Breinig

Im Juni vergangenen Jahres war es noch eine geheime Kommandosache im Stolberger Rathaus. Das neue Wundermittel an der Stolberger Mobilitätsfront kam nur ans Tageslicht, weil es bei der Verbandsversammlung des Aachener Verkehrsverbundes zur Tagesordnung stand.

Als zusätzliches Angebot soll eine neue Buslinie 38 den Hauptbahnhof besser mit der Innenstadt verknüpfen, zudem soll eine Verbindung zwischen Zweifall und Breinig untersucht werden.

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Bis auf den Umstand, dass dieses Projekt bis zum Fahrplanwechsel ebenfalls im Juni nicht mehr auf die Räder gebracht werden konnte, ließen sich die Vertreter von Aseag und Stadtverwaltung nur wenige Details entlocken. Abstimmungsgespräche liefen noch, und auch die Stolberger Politik musste sich noch mit dem Thema befassen. Aber seitdem geistert die geheimnisvolle Linie 38 immer wieder durch kupferstädtische Gesprächskreise.

Jetzt kann das Geheimnis gelüftet werden: Nicht mit einer, sondern gleich mit zwei neue Buslinien setzt Tobias Röhm an zu einer weiteren Mobilitätsoffensive: Die Linie 38 soll zwischen Hauptbahnhof und Altstadt über die Innenstadtachse pendeln, und die Linie 58 zwischen dem Zweifaller Solchbachtal und dem Venwegener Kreisverkehr über Breinig. Das schlägt der Technische Beigeordnete dem am 3. April tagenden Verkehrsausschuss vor.

Dabei verweist Röhm auf entsprechende Wünsche aus der Bevölkerung. Seit dem Startschuss der Euregiobahn sind der abseits gelegene Hauptbahnhof sowie Innen- und Altstadt zu den wesentlichen Verkehrszeiten ausschließlich per Zug im Halbstundentakt verknüpft. Wenn er abends und an Wochenenden nicht fährt, gibt es montags bis freitags täglich am frühen Morgen und späten Abend fünf Anbindungen mit der Linie 42 zum Mühlener Markt oder dem Solchbachtal.

Samstags erfolgen acht und sonntags 15 Fahrten der Buslinie 42 jeweils zur 38. Minute, wobei im Stundentakt sechs Minuten später eine Euregiobahn bis Altstadt fährt. Immer wieder drohen Fahrgäste am Hauptbahnhof zu stranden. Wer kein Stolberg-Insider ist, kommt kaum auf die Idee, dass vom Hauptbahnhof der Zug anstelle eines Busses in die City fährt.

Der Hauptbahnhof soll zusätzlich zur Euregiobahn von der Linie 38 angefahren werden. Foto: Jürgen Lange

Entsprechende Beschwerden kennt Röhm ebenso wie die Tatsache, dass die Anbindung des Stadtgebietes „nicht immer passgenau auf die Abfahrts- und Ankunftszeiten Regionalexpresszüge in Richtung Aachen und Köln erfolgt. In Richtung Rhein beträgt die Wartezeit bei der Anreise mit der Euregiobahn bis zu 20 Minuten, mit der Buslinie 42 bis zu 10 Minuten – Pünktlichkeit unterstellt.

Nun will Röhm mit der zusätzlichen Buslinie 38 werktags zwischen 6 und 20 Uhr „die Anbindung des Hauptbahnhofes verbessern“ und „insbesondere für Pendler die Umsteigequalität auf die Regionalexpresslinien 1 und 9 optimieren“.  Dabei „kann der Fahrplan der Linie 38 unabhängig von der Euregiobahn auf die Verkehrszeiten der RE-Linien angepasst werden“; nennt der Beigeordnete einen Vorteil. Zudem werde die Umsteigezeit auf unter zehn Minuten verkürzt.

Die Linie 38 steuert im Stundentakt vom Hauptbahnhof jeweils sieben Minuten nach Voll über Atsch Dreieck und Salmstraße den Mühlener Bahnhof und über die Rathausstraße die Haltestelle Altstadt (an 24) am Oberstolberger Markt an. Zehn Minuten später geht es weiter über die Europastraße und den Schellerweg zum Mühlener Bahnhof und weiter zum Hauptbahnhof (an 50). Damit werden die Taktzeiten auf der Talachse, wo bereits heute zwölf Buslinien neben der Regionalbahn 20 verkehren, weiter verdichtet.

Röhms zweiter Coup soll den Öffentlichen Personennahverkehr im Stolberger Süden flexibler machen. Seine Wundermittel dabei ist die zusätzliche Buslinie 58, die erstmals eine Direktverbindung zwischen Zweifall und Venwegen über Breinig herstellen soll. Wer heute mit dem Bus von Zweifall Brücke nach Breinig möchte, nimmt mit der Linie 8 einen Umweg über Vicht – werkstags mit Umsteigen auf die Linie 42 – in kauf und ist rund eine Viertelstunde unterwegs. Zukünftig soll das in acht Minuten auf direktem Wege möglich sein.

Die Linie 58 verkehrt über Frackersberg und Roggenläger – wo für Wanderer noch eine Haltestelle fehlt – und biegt über die Entengasse auf die Essiger Straße – hier wird die Haltestelle auch von den Linien 15 (in Richtung Aachen und Vicht) 35 (nach Aachen), 42 in Richtung Büsbach oder Vicht) und 61 (nach Roetgen oder Stolberg) angefahren – ein, führt durch den Ort und über die Stockemer Straße bis zum Venwegener Kreisverkehr, wo auch die Linie 135 hält.

Doch die „58“ schafft zwischen Zweifall und Venwegen nicht nur neue überörtliche Verbindungen, sondern sie soll auch zu einem wichtigen Zubringer zu zwei Breiniger Besonderheiten werden: einerseits die Infrastruktur mit ihren vielfätligen Einkaufsmöglichkeiten, andererseit der Breiniger Bahnhof, der ab Dezember regelmäßig von der Euregiobahn – zunächst im Stundentakt – bedient wird. Mit diesem Angebot rückt auch Stolberg ein Stück näher an Venwegen heran, wobei absehbar die Perspektive besteht, Wahlheim und Eupen mit dem Zug erreichen zu können. In vier Minuten wäre man vom Venwegener Kreisverkehr aus am Breiniger Bahnhof und in 17 Minuten im Solchbachtal. Somit gewinnt das beleibte Ausflugsziel im Zweifaller Wald mit dem Museumssägewerk einen weiteren Anschluss.

Der Plan ist, dass die Linie 58 montags bis freitags im Stundentakt zwischen 8.53 und 11.53 Uhr sowie 14.53 und 16.53 ab Solchbachtal über Breinig Bahnhof (jeweils .06) bis Venwegen Kreisverkehr (.10) sowie von dort um jeweils um 18 nach über Breinig Bahnhof (.22) zum Solchbachtal (.35) verkehrt.

Die kleine Mittagspause hat ihre Gründe. „Die Direktverbindung zwischen Zweifall und Breinig soll vor allem älteren Mitbürgern die Möglichkeit bieten, in Breinig ohne Umsteigen einzukaufen“, sagt Paul Heesel: „Daher konzentriert sich das neue Angebot auf die Haupteinkaufszeiten“; so der Aseag-Sprecher, der zudem auf die Umsteige-Verbindung verweist: mit den Linien 8 und 42 von Zweifall über Vicht in Richtung Breinig, die stündlich – auch in den Mittagsstunden – angeboten wird. Darüber hinaus macht die „Mittagspause“ der Linie 58 das Angebot wirtschaftlich. „Die Leistung kann – unter Berücksichtigung der vorgeschriebenen Pausen – von einem Fahrer gefahren werden“, sagt Heesel.

119.200 Euro Mehrkosten

Immerhin möchte sich Stolberg das zusätzliche Mobilitätsangebot einiges kosten lassen. „Die Kosten, die durch die Stadt zu tragen sind, belaufen sich auf insgesamt circa 119.200 Euro“, klärt Tobias Röhm auf. Beide Linien verursachen jeweils rund 28.000 Wagenkilometer im Jahr zusätzlich. Mittel dafür stehen im Haushalt unter der Position „Mehrbelastungen des ÖPNV“ bereit. Bei einem positiven Votum des Verkehrsausschusses soll der Stadtrat auf seiner Sitzung am 21. Mai die Stadtverwaltung beauftragen, bei der Aseag die erforderlichen Schritte anzulassen, dass bereits beim Fahrplanwechsel in diesem Juni die beiden Linien starten können.

Zudem soll das zusätzliche Angebot der Linien 38 und 58 durch Fahrgastzählungen evaluiert werden. „Die Ergebnisse fließen in die in Kürze zu beauftragende Machbarkeitsstudie zum Stolberger Bussystem ein“; kündigt Tobias Röhm an.

Ein Stadtbussystem soll Ortsteile untereinander und mit dem Stadtzentrum verbinden und einen Anschluss an die Euregiobahn und überregionale Buslinien herstellen. Neubaugebiete sollen besser angeschlossen werden, und aus Gründen des Klimaschutzes müsse der ÖPNV attraktiver werden, damit die Stolberger ihr konventionelles Auto stehen lassen. Ergebnisse sollen Ergebnisse bereits für den Nahverkehrsplan 2020/24 angemeldet werden.

Mobilitätsoffensive

Dabei sind die beiden Buslinien nur ein Teil der Offensive, die die Stadt auf mehreren Ebenen ihres integrierten klimafreundlichen Mobilitätskonzeptes ergreift. Es beschreibt auf 117 Seiten detaillierte Maßnahmen zur Optimierung von ÖPNV, Rad- und Fußverkehr sowie zur Verknüpfung mit dem konventionellen Autoverkehr. Zudem investiert die Stadt in den Ausbau des P+R-Angebotes und in die Elektromobilität. Zunehmend halten Ladeinfrastrukturen für Pedelecs und E-Autos sowie Abstellmöglichkeiten für Fahrräder Einzug ins Stadtgebiet.

Und für den Hauptbahnhof soll weiterhin ein „e.Go Hub“ initiiert werden, ein Umsteigepunkt zwischen Bahn, Elektro- und konventionellen Autos, der unterschiedliche Mobilitätssysteme so vernetzt, dass das Ergebnis einen Mehrwert bietet. Darüber hinaus wird nachgedacht, den Kleinbus „e.GO Mover“  im autonomen Fahrbetrieb zwischen Hauptbahnhof und Gewerbegebiet Camp Astrid zu testen.

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