Stolberg: „Schon im Sattel bevor ich laufen konnte“

Interview der Woche : „Schon im Sattel bevor ich laufen konnte“

Jüngst ist die Rheinische St.-Martin-Tradition als Kulturerbe Nordrhein-Westfalens ausgezeichnet worden. Jung ist auch Tabea Weiss, die in die Rolle des St. Martins schlüpft und hoch zu Ross gleich drei Martinszüge in Stolberg anführen wird. Mit der erst 16-jährigen Reiterin sprach Dirk Müller über ihre Einsätze als St. Martin Auf der Liester (Dienstag, 6. November, ab 17.30 Uhr), in Büsbach (Donnerstag, 8. November, ab 17.30 Uhr) und in Dorff (Freitag, 9. November, ab 18.15 Uhr).

Wie kommt es, dass du gleich drei Mal den St. Martin darstellst?

Tabea: Ich bin von den jeweiligen Organisatoren der Martinszüge gefragt worden und habe gleich „Ja“ gesagt. Denn es hat mich sehr gefreut, dass ich bei diesen drei Umzügen als St. Martin reiten darf. Schließlich bin ich in Dorff aufgewachsen und lebe dort sehr gerne. Büsbach und Liester sind quasi meine zweiten Zuhause, weil ich seit acht Jahren in der Karnevalsgesellschaft Büsbach aktiv bin. In der KG Büsbach habe ich zuerst bei den „Bareschesser Pänz“ in der Gardegruppe getanzt, und bin seit 2013 eine „Bareschesser Lady“ in der Jugendshowtanzgruppe. Außerdem bin ich als kleines Kind mit Laterne schon in Dorff und in Büsbach in den Martinszügen mitgegangen – umso schöner ist es jetzt für mich, selbst als Heiliger Martin zu reiten.

Bist du mit 16 Jahren nicht eine sehr junge St.-Martin-Reiterin?

Tabea: Das mag sein, aber im Sattel gesessen habe ich schon als ganz kleines Kind, bevor ich überhaupt laufen konnte. Meine Mutter Nicole Müller-Jansen ist auch Reiterin, und meine Oma Christiane Maurer war Reitlehrerin. Dementsprechend habe ich sehr früh mit dem Reitunterricht begonnen. Meine Oma ist selbst jahrelang als St. Martin geritten, und ich habe sie dabei als Assistentin begleitet. Jetzt bin ich sehr stolz darauf, in ihre Fußstapfen treten zu können. Das bedeutet mir wirklich viel, und ich glaube meine Oma Christiane wäre auch stolz auf mich.

Hast du keine Angst, dass etwas schief gehen könnte?

Tabea: Nein, denn ich reite auf meinem Pferd Balu. Er ist ein ganz lieber Junge und kennt solche Einsätze auch bereits, da er schon mehrere Male mit meiner Oma bei Martinszügen in Aktion war. Außerdem haben Balu und ich uns noch gemeinsam auf die Umzüge vorbereitet, indem wir seine Erinnerung an die besondere Situation wieder aufgefrischt haben.

Wie genau sah eure Vorbereitung aus?

Tabea: Zuerst habe ich das Martinskostüm und den dazugehörigen Helm zum Reiten angezogen, um Balu an den langen Mantel zu gewöhnen. Dann haben wir das Reiten ums Feuer geprobt. Mit einem großen Martinsfeuer ging das natürlich nicht, aber es war trotzdem eine Feuerprobe im wahrsten Sinne des Wortes, denn wir haben an einem stattlichen Lagerfeuer geübt. Und zu einem Martinszug gehört ja auch Musik, also habe ich meine Musikanlage draußen aufgebaut, um mein Pferd mit der Geräuschkulisse vertraut zu machen. Bei diesen Trainingseinheiten habe ich ganz genau darauf geachtet, wie Balu auf die jeweiligen Situationen reagiert, und habe geübt, wie ich wiederum beruhigend auf ihn einwirken kann.

Sind diese Proben erfolgreich verlaufen?

Tabea: Auf jeden Fall. Balu ist ein tolles Pferd, und wir sind ein sehr gut eingespieltes Team. Und das ist es, worauf es beim Reiten immer ankommt – nicht nur beim Martinszug. Das Zusammenspiel von Reiter und Pferd ist entscheidend. Balu wird seine Sache bei den Umzügen in Dorff, Büsbach und Liester ganz bestimmt gut machen. Trotzdem wäre es schön, wenn die Erwachsenen bei den Martinszügen rücksichtsvoll sind und nicht ständig mit Blitzlicht fotografieren, denn für das Pferd ist es unangenehm, geblendet zu werden, und es könnte sich auch erschrecken.

Welche Bedeutung hat die Geschichte vom Heiligen Martin deiner Meinung nach heute?

Tabea: Eine sehr große und leider aktuelle Bedeutung. Nicht nur für Christen. Millionen Menschen, die verschiedenen oder keinen Religionen angehören, leiden auf der ganzen Welt unter Hunger, Armut, medizinischer Unterversorgung, Krieg, Terror und Naturkatastrophen. Viele von ihnen sind auf der Flucht vor diesen unmenschlichen Lebensbedingungen. Wenn alle Menschen, dem Beispiel des Heiligen Martin folgen würden, das heißt die, die mehr als genug haben, würden etwas abgeben und wären bereit, ihr gutes Leben zu teilen mit Menschen, denen es viel schlechter geht, dann wäre unsere Welt besser.

Zurück zu deinen Einsätzen als reitender St. Martin: Worauf freust du dich bei dieser Aufgabe ganz besonders?

Tabea: Den vielen Kindern bei den Umzügen eine Freude zu machen und dazu beizutragen, ihnen ein tolles Erlebnis zu bieten. Die Laternen und die Musik, der St. Martin auf dem Pferd, das große Martinsfeuer, an dem die Geschichte nachgespielt wird, und der Heilige Martin seinen Mantel mit einem Bettler teilt – das ist einfach ein sehr atmosphärischer Abend für die Kinder, der sie wirklich beeindruckt. Da bin ich mir sicher, weil es ja noch gar nicht so lange her ist, dass ich es selbst so empfunden habe.

Hast du eigentlich neben dem Reiten und Tanzen noch weitere Hobbies?

Tabea: Nein, dazu bleibt keine Zeit mehr. Ich gehe ja schließlich auch noch zur Schule und möchte in Zukunft ein gutes Abitur machen. Mit Freunden möchte ich mich in meiner Freizeit auch treffen, und was das Tanzen angeht, treten die Gruppen der KG Büsbach nicht nur während der Karnevalssession auf, sondern trainieren auch den Rest des Jahres. Und Reiten ist ohnehin ein zeitaufwendiges Hobby, denn jeder Ritt erfordert viel Vor- und Nachbereitung.