Stolberg ohne Baumschutzsatzung: Bäume an der Villa-Drummen gefällt

Nur noch Hinterhof-Tristesse statt alter Bäume : Wohnungskäufer beklagen Fällaktion an der Villa Drummen

Wohnungskäufer des Neubaus an der Grüntalstraße in Stolberg sind entsetzt darüber, dass fünf alte Kastanienbäume gefällt wurden. Die Stadt, die den Klimanotstand ausruft, soll dem Investor aus Herzogenrath aber keine andere Wahl gelassen haben.

Am Abend werden sie sogar die Ratsgremien beschäftigten, die den Klimanotstand für Stolberg ausrufen werden: Fünf alt ehrwürdige Bäume ließ Kurt Pidun auf dem Parkplatz der ehemaligen Drummen-Villa fällen. Der Investor sagt, er sei dazu durch die Stadt quasi gezwungen worden. Es ist ein Vorgang, der viele Facetten hat.

Gegen öffentliche Vorschriften hat der Architekt damit kaum verstoßen. In Stolberg gibt es keine Baumschutzsatzung, und die Bäume waren nicht als Denkmal geschützt. Aber gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels ist eine ethische Debatte angestoßen. Im März 2018 hatte der Rat auf Druck der Linken eine interfraktionelle Arbeitsgruppe gebildet, um über eine Neuauflage der 2001 mit den Stimmen von FDP und CDU abgeschafften Baumschutzsatzung zu beraten – bis dato ohne greifbares Ergebnis.

Entscheidendes Kaufargument

Mittlerweile hat der gefällte Baumbestand eine zivilrechtliche Dimension erreicht. Ein Käufer einer Eigentumswohnung in Piduns Neubau an der Grüntalstraße ist nicht nur empört über die Tatsache des Fällens der Bäume, sondern er möchte die Wohnung nicht mehr haben und fordert die Rückabwicklung des Kaufvertrags. Der wichtigste Grund: Der Blick aus seiner Wohnung fällt nicht mehr auf den alten Baumbestand, sondern nur noch auf eine abstoßende Hinterhof-Tristesse.

„Wir hatten uns bewusst für diese Wohnung mit diesem Ausblick im Dachgeschoss entschieden“, sagt Oliver Pini. Mit Ausnahme des Schlafzimmers sind alle Fenster der Wohnräume nebst der Dachterrasse auf den Innenhof mit Blick ins Grüne ausgerichtet. „Das war das entscheidende Kaufargument“; betont Pini ausdrücklich.

Nach einer gemeinsamen Wohnung gesucht hatten Pini und seine Partnerin Lena lange und deutschlandweit. Er wohnt in Frankfurt, sie in Trier. Beruflich sind sie ortsunabhängig. Zunächst hatte sich ihr Blick gen Osten gerichtet. Thüringen und Sachsen-Anhalt wurden durchforstet, dann orientierten sie sich mit Hessen und Rheinland-Pfalz westlicher. Und nach dem Köln-Bonner-Raum landete das Paar im Dreiländereck. Als passionierten Schachspielern war ihnen dieses Grenzland ein Begriff. Aber „in Aachen war es noch schwieriger als in Köln und Bonn“, plaudert Pini über seine Erfahrungen auf dem Immobilienmarkt.

Das Exposé beschreibt Bauvorhaben und Villa inmitten eines Baumbestandes. Foto: Architekturbüro Pidun

Eher zufällig entdeckten sie das Pidun-Projekt auf dem ehemaligen Hoyer-Gelände in Münsterbusch, wo aktuell der dritte Baukomplex entsteht. Dabei fiel der Blick aber auf das Exposé für das Drummen-Areal am Kaiserplatz.

„Im geschützten rückwärtigen Bereich im Süd-Westen des Hauses erstrecken sich Terrassen sowie Grünzonen und Bäume. Diese machen das Wohnen in der Innenstadt zu einem Konglomerat aus moderner Architektur und Natur“, kann man dort auf Seite 14 lesen. Bilder und Zeichnungen preisen das Objekt mit Baumbestand mitten im Grünen an. In den Visualisierungen der Wohnungen fällt der Blick durch die Fenster auf Bäume.

„Einfach herrlich“; sagt Pini. Genau so etwas hatten sie gesucht. Gemeinsam mit seiner Partnerin erkundet er Stolberg und Umgebung. „Es gibt zwar auch weniger schöne Ecken“; sagt Lena. Aber der Charme der Gassen der Altstadt mit ihrer Burg wirken ebenso positiv wie die ortsnahen Einkaufsmöglichkeiten und die gute Anbindung mit Bus und Bahn. „Es gibt nichts, was uns fehlen würde; es ist ein Traum“; sagen die Großstädter.

Sie finden neben dem Kaiserplatz ihr kleines Paradies mit alter Villa an der Ecke zur Grüntalstraße. „Wir fanden die alten Kastanien toll. Sie waren ganz entscheidend für unsere Wahl“. Sie werden immer wieder Thema sein in den Gesprächen mit dem Investor, der die Wohnung im Dachgeschoss auf die Wünsche der Interessenten zuschneidet. „Der Blick aus den bodentiefen Fenstern fällt immer auf die Baumkronen“, betont Oliver Pini. „Warum sollten die denn wegkommen?“, hätte Architekt und Grundeigentümer Pidun geantwortet. Und als Großstadtbewohner hätten sie sich niemals vorstellen können, dass in Stolberg irgendwer einfach alte Bäume fällen würde.

Der Kran als Problem

Doch bei einem Besuch des Objektes in diesem Frühjahr erleben die Käufer zufällig, wie den Bäumen zu Leibe gerückt wird. „Wir haben zuerst an einen Rückschnitt gedacht“, sagt Pini. Aber die alten Bäume werden gnadenlos gefällt. Nur noch ein kleines Obstbäumchen steht im Innenhof knapp neben dem Kran, mit dem der zweite Bauabschnitt derzeit realisiert wird.

Dieser Kran soll es auch Schuld sein, erfährt Pini nach Nachfragen von seinem Verkäufer. Der hätte ursprünglich geplant, den Kran am Kaiserplatz zu errichten, was die Stadt nicht genehmigt habe. Um ihn im Innenhof aufbauen zu können, hätten die Bäume weichen müssen.

Das glauben Lena und Oliver Pini nicht: „Es können gar nicht alle Bäume im Weg gestanden haben.“ Sie glauben, dass einfach zusätzliche Parkplätze zur Fremdvermietung geschaffen werden sollen. Und sie wissen, dass die meisten ihrer potenziellen Nachbarn über den gefällten Baumbestand nicht minder verärgert sind wie sie selbst. Denn ihr Blick fällt nicht mehr ins Grüne, sondern nur noch auf die Hinterhöfe der Bebauung an der Rathaus- und Sonnentalstraße.

Oliver Pini und seine Partnerin Lena sind entsetzt über die Fällaktion. Foto: Jürgen Lange

Der Stolberger Rechtsanwalt Dr. Werner Pfeil wirft Kurt Pidun als Geschäftsführer der PH Hausbau GmbH und als Grundstückeigentümer der Drummen-Villa vor, sich gegenüber seinem Mandanten Pini vertragswidrig verhalten zu haben. Als Beweise legt Pfeil das Exposé, Gesprächsaussagen und auch Grundbuchauszug und Abgeschlossenheitsprüfung vor.

Darin sind die Kastanien eingekreist und beschrieben, beispielsweise mit einem Stammumfang von zwei und einer Krone mit 12,6 Meter. „Dort sind die Bäume vermerkt und keine Parkplätze“, betont der Rechtsanwalt: „Es war aus mehreren Gründen davon auszugehen, dass dieser Baumbestand bestehen bleibt, da auch zuvor nichts Gegenteiliges gesagt wurde“. Seinem Mandanten sei dagegen vollkommen unklar gewesen, dass es in Stolberg gar keine Baumschutzsatzung gibt.

Baumopfer in Kauf genommen

Und das Fehlen eben dieser Baumschutzsatzung spielt auch eine wichtige Rolle in der Argumentationskette von Kurt Pidun: „Um nichts in der Welt hätten wir freiwillig die Bäume gefällt. „Das lag gar nicht in unserem Interesse und hat alles nur Zeit, Geld und unnötigen Ärger gekostet“; sagt der Architekt aus Herzogenrath. Aber die Stadt Stolberg habe ihm keine andere Wahl gelassen.

Denn mehrfache Versuche, den Kran für den zweiten Bauabschnitt auf der Straße „Kaiserplatz“ aufzustellen, seien am Nein der Stadtverwaltung gescheitert. Zuerst sei beantragt worden, die Straße ganz zu sperren. Als das nicht ging, wurden Alternativen mit Passage geprüft. „Alle Versuche, den Kran im öffentlichen Verkehrsraum aufzustellen wurden mit den Argumenten Sicherheit, Verkehr oder Schulweg abgelehnt“, sagt Pidun. Sogar die Versuche, über die Politik dieses Ziel zu erreichen, seien gescheitert.

Vorher fiel der Blick aus den Wohnungen noch auf hohe Kastanien. Foto: Sabine Recker

„Wir hatten gar keine andere Wahl, als den Kran auf dem Innenhof aufzustellen“, so der Architekt weiter. Dabei sei der Verwaltung bewusst gewesen, dass die Bäume dafür gefällt werden müssen, was ohne Baumschutzsatzung praktikabel war. „In Herzogenrath hätte es so etwas nicht gegeben“, meint Pidun.

Um den 17 Meter langen Kran mit dem Zugfahrzeug in den beengten Verhältnissen überhaupt auf dem Innenhof bugsieren zu können, musste sogar ein Teil der historischen Grundstückseinfassung eingerissen werden. „Die müssen wir im Nachhinein wieder teuer aufbauen“; so Pidun.

Drei Kastanien standen direkt im Weg, eine sei krank gewesen. Die fünfte fiel, weil sie Schäden an Fundament und Dach eines Nachbargebäudes verursacht habe. „Aber wir werden wieder neue Bäume pflanzen“, kündigt Pidun an. „Die werden aber leider nicht so groß sein können“, bedauert auch der Architekt, dass die Kastanien weichen mussten. Mit Baumschutzsatzung würden sie wohl noch stehen.

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