Stolberg: Arbeitskreis besorgte Bürger ist Archivale des Stadtarchivs

Einsatz für den Umweltschutz : Vereinsarchiv „Arbeitskreis besorgte Bürger“ ist Archivale des Monats April

In diesem Jahr präsentiert das Stadtarchiv Stolberg monatlich als „Archivale des Monats“ eine der Stiftungen der Bürgerinnen und Bürger der Kupferstadt, die von 2016 bis 2018 abgegeben wurden. Zwölf historische „Schätzchen“ sollen Einblicke in die Stadtgeschichte geben und stellvertretend allen Stiftern als Dank für ihre vielfältige Unterstützung gelten.

Anfang der 1980er Jahre war der „Arbeitskreis besorgte Bürger“ eine Initiative, die sich intensiv für Umweltschutzangelegenheiten in Stolberg einsetzte. Das Archiv des Arbeitskreises, das im Umfang von sieben Aktenordnern dem Stadtarchiv gestiftet wurde und nun „Archivale des Monats“ ist, beinhaltet zahlreiche Dokumente von 1982 bis 1984.

Das frühneuzeitliche Messing- und Eisengewerbe Stolbergs bildete die Grundlage der damaligen Existenz und prägt das Potenzial des lokalen Tourismus. Als eine Zelle in der Aachener Region während der Industrialisierung Deutschlands ab dem frühen 19. Jahrhundert war die Stolberger Industrie bedeutend, aber auch im negativen Sinn prägend. Umweltschutz war im 19. Jahrhundert als Wort unbekannt und nur in äußersten Fällen griffen Behörden ein, wenn es die Unternehmen mit ihren toxischen Emissionen zu sehr übertrieben und die Umgebung beeinträchtigten.

Der legendäre Industrieschornstein „Langer Hein“ war ein Beispiel von Emissionsschutz im 19. Jahrhundert – und die etwa dreißig Jahre von seiner Planung 1857 bis zum Bau ebenso evident für die Trägheit in der Umsetzung von Umweltschutzbelangen. Bis in die 1970er Jahre fristete der Umweltschutz ein Schattendasein. Nicht mehr tragbare Zustände ließen Widerstand gegen ein Handeln keimen, das weder nachhaltig noch verantwortungsbewusst war. Abfälle, Abgase oder Abwässer in die Luft und in Gewässer abzugeben oder auf riesigen Halden zu deponieren, war auch im Stolberger Raum über 150 Jahre ein übliches Verfahren.

Belastete Gewässer, öde Halden wie Mondlandschaften und Giftstoffe aus industriellen Emissionen im menschlichen und tierischen Organismus waren die Folge. Auf dem Feld sterbende Kühe und Kinder mit Blei- und Kadmiumbelastung machten in der Presse als „Gressenicher Krankheit“ und „Stolberger Bleikinder“ Furore. Deutschlandweit kam verstärkt um 1980 der Umweltschutz in die politische Diskussion und der Arbeitskreis Besorgte Bürger agierte in Stolberg als prägende Initiative, um die lokalen Missstände zu dokumentieren, publik zu machen und eine Lösung herbeizuführen.

Der jahrzehntelange Raubbau und Verschmutzung der Umwelt durch Industrieunternehmen mündeten in einen aktiven und konstruktiven Widerspruch aus der Bürgerschaft, der von Verwaltung und Politik aufgegriffen wurde. Das systematisch gegliederte Vereinsarchiv beinhaltet eine umfassende Dokumentation von Untersuchungen, Analysen, wissenschaftlichen Fachbeiträgen und Publikationen. Von A wie „Arbeitskreis Schwermetallbelastung“, der aus verschiedenen aus Stadt- und Kreisverwaltung und anderen staatlichen Stellen bestand, bis Z wie „Zahnblei“, worin sich wissenschaftliche Untersuchungen befinden, darunter 417 Analysen Zähne Stolberger Bürger und Bürgerinnen von 1975 bis 1976.

Auf ein drastisches Problem, nämlich Emission und Aufnahme von Schwermetallen im Stolberger Raum, reagierte der Arbeitskreis mit drastischen Schlagzeilen, um die nötige Aufmerksamkeit zu erlangen. „Wir wollen hier leben, nicht auswandern“ ist auf den informativen Publikationen zu lesen, oder auch „Verseucht: verboten“, was auf Spielen im Freien abzielte. Und als industrielles Erbe trägt die „Weltbekannte Industriestadt“, wie eine Werbemarke des vorigen Jahrhunderts stolz verkündete, die Schwermetallbelastung für immer im Boden.

Als zeithistorisches Dokument lokal dringlicher Umweltpolitik ist das Archiv gerade heute wieder auch von aktuellem Interesse, da unlängst mit Recht der Fokus besorgter Kinder, Jugendlicher und Bürger auf den überregionalen und globalen Umwelt- und Klimaschutz gelenkt wird. Das Stadtarchiv beherbergt und sammelt als Historisches Kompetenzzentrum und „Gedächtnis der Stadt“ Akten, Urkunden, Bilder, Bücher, Zeitungen, Nachlässe und andere Sammlungen der Stadtgeschichte. Historische Unterlagen aus allen Stadtteilen stehen dort interessierten Bürgern für Forschung, Wissenschaft und Bildungsarbeit zur Verfügung.