Stadtarchiv Stolberg zeigt Ausstellung zu ersten Frauen in der Politik

Ausstellung zum Tag der Geschichte : Politischen Frauen einen Namen geben

„Dieses Thema ist völlig unaufgearbeitet in der Stolberger Forschung“, berichtet Christian Altena. Der Stadtarchivar spricht von Frauen, die sich als die ersten in der Stolberger Politik engagierten. Man müsste meinen, dass ihnen dafür ein Platz in den Geschichtsbüchern sicher war, doch das Gegenteil ist der Fall.

Kaum etwas ist über diese Frauen überliefert, geschweige denn ordentlich zusammengetragen. Um das zu ändern, hat sich Altena mit zwei Mitstreiterinnen diesem Thema angenommen und mit der Recherchearbeit begonnen. Präsentiert werden die Ergebnisse beim Tag der Geschichte am 17. März.

Eine der Mitstreiterinnen ist Susanne Goldmann, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Stolberg. Sie hatte im Dezember vergangenen Jahres den Impuls gegeben, sich anlässlich der Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren mit dem Thema auseinanderzusetzen. „Man muss wissen, dass Frauen früher oft nur als Frau oder Witwe ihrer Männer geführt wurden“, erklärt sie, „sie hatten keine eigene Identität.“ Deshalb sei es auch so schwierig gewesen, die Recherche voranzutreiben. Schnell war klar: Ohne Unterstützung wird das Projekt nicht funktionieren.

Deshalb hat Goldmann bei der Eröffnung einer ähnlichen Ausstellung in Würselen kurzerhand Iris Gedig angesprochen. Die Genealogin betreibt seit langer Zeit Familienforschung und hat bei dem Projekt in Würselen maßgeblich mitgewirkt. „Dann habe ich gesagt, das schaffe ich in Stolberg auch!“, erinnert sich Gedig. Doch die Voraussetzungen waren andere und stellen sich als größere Herausforderung dar: „In Würselen hatten wir fast ein Dreivierteljahr Zeit, hier sind es nur drei Monate.“ Altena räumt ein, dass dieser Zeitraum extrem ambitioniert für solch ein Projekt sei. Allerdings scheint diese Schwierigkeit kein Hindernis gewesen zu sein, denn das Team machte sich sofort an die Arbeit.

Recherche ist riesiger Aufwand

„Ich habe ein wenig Vorarbeit geleistet, aber Iris Gedig macht fantastische Forschungsarbeit“, lobt Altena. Es sei ein riesiger Aufwand, denn man könne auf quasi nichts zurückgreifen. „Das hätte ich alleine nicht geschafft“, gibt der Archivar zu. Die letzten drei Ausstellungen zum Tag der Geschichte habe er immer im Alleingang bewältigt. Aber: „Dieses Jahr sind wir eine Hausnummer drüber, was den Aufwand und die Rechercheleistung angeht.“ Oft habe man nur einen Namen als einzige Spur, das seien ganz dünne Ansätze.

Goldmann bezeichnet die Genealogin als Glücksfall für das Vorhaben. Sie ist von Haus aus Familienforscherin und kennt sich mit den einschlägigen Unterlagen bestens aus. Den Rechercheprozess beschreibt Gedig wie folgt: „Ich habe erstmal nur einen Namen, meist den des Mannes. Dann suche ich in Adressbüchern oder Akten nach dem Namen der selbstständigen Frau, ehe ich versuche, Verwandte zu finden.“ In dieser Phase befindet sich das Team gerade. Ein großer Teil der Frauen sei bereits identifiziert, wie sie berichten.

„Für die Zeit zwischen den Weltkriegen von 1919 bis 1933 haben wir 57 Frauen gefunden, die politisch tätig waren“, sagt Gedig. Zwölf von ihnen haben im Rat gesessen, der Rest sei in Ausschüssen oder Kommissionen aktiv gewesen. Die Familien zu finden, sei nicht immer einfach. In vielen Fällen verteilen sich die Familien und Nachkommen über die gesamte Region. Einen Verwandten konnte Iris Gedig sogar in direkter Nähe zu ihrem Wohnort in Erftstadt ausfindig machen. „Dann gab es noch eine Situation, in der ich den Enkel von einem ehemaligen Bürgermeister in Gressenich ausfindig machen konnte, der von den Nazis abgesetzt wurde“, erzählt Gedig. Es stellte sich heraus, dass dieser Enkel ein Sandkastenfreund von ihr war, mit dem sie gemeinsam das Abitur absolviert hat.

Anna Offermanns, war Fabrikarbeiterin und saß 1927 für die Kommunistische Partei im Gemeinderat Büsbach. Foto: Robert Offermanns

Es gibt zahlreiche weitere Situationen, die Gedig von ihrer Arbeit schildern kann. Über eine weitere Entdeckung ist sie ganz besonders froh: „Anna Offermanns habe ich aus dem Nichts hervorgetan, das ist mein ganzer Stolz“, betont Gedig. Offermanns saß im Büsbacher Gemeinderat und sei mit ihrem Mann Mitglied der kommunistischen Partei gewesen. „Ihren Namen habe ich auch in der Liste der von den Nationalsozialisten politisch verfolgten Personen gefunden“, berichtet sie. Schließlich habe sie einen Urenkel gefunden, der Fotos und weitere Daten beisteuern konnte.

Außerdem gibt es eine sehr ergreifende Todesanzeige, die ebenfalls das politische Engagement der Frau bezeugt. Darin heißt es: „Sie war von dem Willen getragen, der Arbeiterklasse zu dienen; als Tochter des Volkes stand sie treu bis zuletzt an ihrer Seite.“

Prozess angestoßen

Die Ausstellung bildet den Aufschlag für ein größeres Projekt. „Geschichtsschreibung ist nie fertig, wir wollen damit die Aufarbeitung der Lokalgeschichte vorantreiben“, sagt Altena. Es gebe noch viele offene Fragen und Perspektiven, die mit dem Thema zusammenhingen, aufgrund des Zeitmangels aber nicht behandelt werden können. „Man könnte mit dieser Sache ein ganzes Institut für ein oder zwei Semester beschäftigen“, versichert er. Aus diesem Grund erhoffen sich die Verantwortlichen, dass bei der Ausstellung am 17. März vielleicht der ein oder andere auf die Arbeit aufmerksam wird.

„Wir werden in der Ausstellung ganz offen mit Lücken umgehen und zeigen, dass Geschichte nicht vollständig ist“, verrät Altena. Man erhoffe sich davon auch, dass vielleicht ein paar der Besucher dazu beitragen können, die ein oder andere Lücke zu füllen. „Nur da, wo eine Lücke gezeigt wird, kann jemand anderes kommen und sie schließen“, weiß Altena.

Außerdem erhofft sich der Stadtarchivar mehr Interesse von jungen Leuten an der lokalen Geschichte ihrer Heimatstadt. „Es wäre schön, wenn man Studenten findet, die sowas zu ihrem Forschungsthema machen“, zeigt sich auch Susanne Goldmann hoffnungsvoll. Grundsätzlich sei aber jeder, der einen Beitrag leisten kann und will, herzlich eingeladen zu unterstützen.

Paula Radeke (2.v.l.) war Lehrerin und Mitglied der Zentrumspartei, sie war in der Armenkommission und im Ortsausschuss für geistige Jugendpflege politisch aktiv. Foto: Marianne Martens

Klar ist für Altena aber auch: „Wir erheben keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.“ In dieser Ausstellung werden die politisch aktiven gezeigt, von denen man auch nicht sicher sein könne, dass es alle sind. Unbeachtet bleiben hingegen diejenigen, die sich anderweitig engagiert haben, zum Beispiel im sozialen Bereich.

Die Arbeit, die vor allem Iris Gedig in die Vorbereitung der Ausstellung steckt, ist komplett ehrenamtlich. Zwei Tage pro Woche verbringt sie im Archiv, die restliche Zeit wird das Material aufgearbeitet. „Man muss schrecklich neugierig sein und für die Sache brennen, sonst geht es nicht“, weiß Gedig. Die Mentalität, dass nach der Ausstellung alles gesagt sei, hält sie für falsch. „Der Sinn von solchen Forschungsarbeiten liegt darin, dass der nächste dann damit weitermachen kann“, erklärt sie. Das bedeutet, dass es im Nachgang noch eine Publikation geben soll, in der die Ergebnisse zusammengefasst werden. „Leute fangen meist wieder bei Null an, obwohl das oft gar nicht nötig ist“, sagt sie. Mit Niederschriften mache man es allen leichter.

Schwierige Datenlage

Zwar ist das Stolberger Archiv gut sortiert und hat tolles Aktenmaterial, wie Gedig findet. Doch gerade für die Motivation der Frauen finden sich kaum Belege. „Je mehr Thesen man aufstellt, umso mehr fragt man sich, warum es so gekommen ist“, berichtet Altena. Man neige zu dem Klischee der Powerfrauen, die sich gegen Männer behaupten wollten, doch das sei nicht immer der Fall. In manchen Fällen seien Ehepaare sogar gemeinsam aktiv gewesen.

Grundsätzlich kann Altena aus eigener Erfahrung sagen: „Man darf nicht traurig sein, wenn man nur ein Stück zur Recherche findet, sondern darüber sollte man sich schon freuen.“ Das Team wird bis zur Ausstellung im alten Rathaus alles dafür tun, noch möglichst viele Informationen zusammenzutragen. Und auch darüber hinaus möchten Altena, Gedig und Goldmann weiter für ihr spannendes Projekt forschen.

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