Stolberg: Stabiler Wald soll neuem Orkantief vorbeugen

Stolberg: Stabiler Wald soll neuem Orkantief vorbeugen

Die Fotos von den Spuren, die Orkantief Kyrill vor fünf Jahren im Stolberger Stadtwald hinterlassen hat, liegen vor Förster Theo Preckel auf dem Schreibtisch. Aber eigentlich braucht er sie gar nicht anzusehen, denn die Bilder hat er noch gut genug vor Augen.

Als der Orkan im Januar 2007 mit bis zu 130 Kilometern pro Stunde über Stolberg hinwegfegt und hier vor allem den Stadtwald trifft, befindet sich Preckel gerade im Urlaub. Mit der Erholung ist es schnell vorbei.

„Im Revier ist in dieser einen Nacht so viel Holz umgeworfen worden wie sonst in drei Jahren gefällt wird”, sagt er. Auf über 1,2 Millionen Euro wird der Schaden geschätzt. Rund 20.000 Festmeter wirft der Orkan, weitere 20.000 Festmeter müssen vorzeitig genutzt werden.

„Bekomme ich genug schlagkräftige Unternehmer und ist der Markt überhaupt aufnahmefähig?”, das sind Preckels erste Gedanken, als er vor Kyrills Machwerk steht, vor Massen an Wurzelwerk, Aststücken und zersplittertem Stammholz.

Und dann geht doch alles recht schnell. Nach etwa sechs Wochen ist das Sturmholz mit Hilfe von Harvestern, forstwirtschaftlichen Vollerntern, aufgearbeitet und verkauft. Doch wenn drei Jahresanschläge auf einmal fallen - und das nicht nur in einem Revier -, dann gibt es Holz im Überfluss.

Hinzu kommt, dass die Qualität des Windwurfs deutlich schlechter ist als die eines regulär gefällten Holzes. Nach dem Verkauf werden Schlagabraum und Wurzelwerk zu kleinen Meilern aufgeschichtet, es geht an die Aufforstung der 20 Hektar großen betroffenen Fläche.

Auch war Xynthia schlimm

„Auch Xynthia im Jahr 2010 war schlimm”, erinnert sich Preckel. 11.500 Festmeter werden von Kyrills kleiner Schwester umgelegt. Besonders betroffen sind Bestände, die durch Kyrill bereits aufgerissen worden sind. Fünf Jahre nach Kyrill und zwei Jahre nach Xynthia zieht Theo Preckel Bilanz. So haben die Orkane nicht nur gewütet, sondern auch eine ökologische Verbesserung nach sich gezogen.

Um Wälder widerstandsfähiger gegen Stürme und Klimaveränderungen zu machen, fordern Naturschützer einen Wechsel von reinen Fichtenwäldern zu einer natürlichen Durchmischung mit anderen Baumarten. Im Stadtwald wurden dementsprechend rund 153.000 Rotbuchen, 90.000 Douglasien, 9500 Eichen, 9500 Erlen, 8000 Fichten und 1000 Ebereschen gepflanzt.

Eine Pflanze kostet rund einen Euro, für die Pflegearbeiten werden rund 1,50 Euro berechnet. Auch wenn die jungen Bäume das Bild der Schneisen langsam verändern, sind die Schäden Kyrills bis heute unverkennbar. Vor allem die Windwurffläche nahe der Gaspipeline ähnelt einer verwüsteten Naturlandschaft.

„Die Konsequenz aus Kyrill ist, dass viel stärker auf standortgerechte Bäume geachtet wird.” Weil Buchen deutlich stabiler als Fichten sind, würde ein Sturm wie Kyrill heute keinen so großen Schaden im Stadtwald mehr anrichten können, schätzt Preckel. Die Buche verfügt über ein Herzwurzelsystem. Im Gegensatz zum Flachwurzler Fichte reichen die Wurzeln der Buche ebenso wie das Pfahlwurzelsystem der Eichen und Kiefern meist bis in größere Tiefen und stabilisieren so auch den Bestand an Nadelbäumen.

Wie genau die Verteilung von Laub- und Nadelholz in Hektargröße aussieht, müsste durch eine neue Forstplanung ermittelt werden. Die Letzte ist jedoch im Jahr 2008 ausgelaufen, für eine neue fehlen bislang die Zuschüsse des Landes. Fest steht: Die Bäume, die jetzt noch Bäumchen sind, sollen einmal deutlich fester im Boden verankert sein als jene, die Kyrill mit sich gerissen hat. Auf den so genannten pseudovergleyten (wasserundurchlässigen) Böden pumpen sich die Fichten bei Stürmen leicht frei und kippen um, erklärt Preckel.

Die Stürme der vergangenen Wochen, Ulrich und Andrea, haben jedoch im Vergleich zu Kyrill einen minimalen Schaden angerichtet. „Bei Andrea sind vielleicht 300 Bäume umgekippt”, sagt Preckel. Dennoch: Ein Risikofaktor bleibt das Alter der Bäume. 400 Hektar der insgesamt 1380 Hektar großen Fläche Stadtwald ist noch über 80 Jahre alt. Preckel: „Je höher die Bäume werden, desto größer ist die Gefahr des Umkippens.”

Mit den Jungpflanzen wächst jetzt die Hoffnung auf einen stabilen Wald, der sich einem Kyrill mit Stärke entgegensetzen kann.

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