Stolberg: Spediteur Stürtz gegen Berzelius: Ein Schadensfall und ein Hausverbot

Stolberg : Spediteur Stürtz gegen Berzelius: Ein Schadensfall und ein Hausverbot

Am 9. Januar jährte sich zum zweiten Mal für Richard Stürtz ein Unglückstag, der für den Berufskraftfahrer zu einer ernsten Bedrohung seiner Existenz werden sollte. Im Grunde ist es ein kleines Malheur, das große Folgen für den Transportunternehmer haben wird, der im vergangenen Oktober dennoch sein 30. Betriebsjubiläum feiern konnte.

Aber die Ereignisse und Folgen zehren bis heute am Gemüt des 63-Jährigen. Seit vier Jahrzehnten fährt der Mausbacher Transporte für die Bleihütte — zuerst als Mitarbeiter eines Büsbacher Logistikunternehmens. „Dadurch bin ich bei der Bleihütte reingekommen“, erzählt er. Im Oktober 1987 macht sich Richard Stürtz mit einer eigenen Sattelzugmaschine selbstständig und war im Auftrag eines für Berzelius tätigen Logistikunternehmens auf Achse.

„Ich habe mir in all den Jahren nie etwas zu schulden kommen lassen“, sagt Stürtz. Eine Ausnahme habe es vor einigen Jahren gegeben, gesteht er zu. Als er in Urlaub weilte und ein Aushilfsfahrer auf dem Betriebsgelände den Tank des Zugfahrzeuges an einem Gitterrost leck geschlagen hatte. Der Schaden habe bei rund 20.000 Euro gelegen, die er letztlich aus eigener Tasche habe zahlen müssen.

Kollegen eingewiesen

Aber viele Jahre lang sei er es gewesen, der neue Lastwagenfahrer in die spezifischen Verhältnisse des Unternehmens, in Transportsicherheit und Beladung habe einweisen dürfen. Immer wieder sei er eingesprungen, wenn Not am Mann gewesen sei, um die Logistik termin- und sachgerecht abwickeln zu können.

Fahrerkabine und Bleihütte wurden über die Jahre für den Berufskraftfahrer eine zweite Heimat. Kleinere Schäden, die im beruflichen Alltag immer passieren könnten, habe er selbst getragen. Und eigentlich sei er immer stolz gewesen, für Berzelius, wenn auch als Subunternehmer der Lehnkering-Gruppe, fahren zu dürfen.

Aber dann kam besagter 9. Januar 2015, der für Richard Stürtz alles verändern sollte, der noch heute „für einen bitteren Nachgeschmack“ sorge und „den Leumund leiden“ lasse. Mit seiner erst wenige Monate zuvor neu erworbenen Scania-Zugmaschine war Stürtz „umsichtig wie gewohnt“, wie er selbst sagt, auf dem Betriebsgelände unterwegs. Als er vorsichtig über schwere Gitterroste, die einen Wasserabfluss abdecken, fuhr, schnellte laut Stürtz eins aus seiner Halterung und sorgte für Schäden am Unterboden, Scheinwerfer und Scheinwerferträger. Immerhin hätten sich die Reparaturkosten bei rund 4000 Euro bewegt.

Dummerweise, wie er heute sagt, hat er nicht unverzüglich den Schaden an der Unfallstelle gemeldet, sondern mit einer kleinen Verzögerung. „Aber ich habe mich so geärgert, dass meine neue Zugmaschine kaputt ist“, erklärt Stürtz, dass dies auch Kollegen schon passiert sei. Der selbstständige Unternehmer hat seine Situation offensichtlich falsch eingeschätzt. „Anstelle den Schaden der Berufshaftpflicht zu melden, hat Berzelius gleich eine Bonner Anwaltskanzlei eingeschaltet“, sagt Stürtz erstaunt.

Und die Kanzlei bezweifelt namens ihrer Mandantin mit Schreiben vom April 2015, dass der Schaden so entstanden sei, wie von dem 63-Jährigen geschildert. Zu dem von ihm angegebenen Schadenszeitpunkt könne sich das Fahrzeug nicht mehr auf besagter Werkstraße, sondern müsse sich bereits im Bereich der Verwiegung befunden haben.

Er habe mit gut einstündiger Verspätung den Schaden gemeldet. Zudem vermöge das von einem Sachverständigen vorgelegte Gutachten nicht zu belegen, dass die Schäden von einem hochgeschlagenen Gitterrost auf dem Werksgelände herrühren.

Keine Beschädigungen entdeckt

Die Untersuchungen von Berzelius hätten keine Beschädigungen der Rinnenabdeckungen feststellen können. Und die erst im März nachgereichten Fotos der angeblichen Unfallstelle würden nicht belegen, dass die behaupteten Schäden auf dem Werksgelände tatsächlich entstanden seien. Im Übrigen habe es in den ersten drei Monaten nach dem behaupteten Schadensereignis mehr als 1000 Lkw-Bewegungen ohne Schadensereignis auf dem Werksgelände gegeben.

Mehr noch. Namens Berzelius spricht die Kanzlei dem Unternehmen Transporte Richard Stürtz mit sofortiger Wirkung „bis zur abschließenden Aufklärung des Falles“ ein Hausverbot aus — „ohne dass ich jemals eine Abmahnung erhalten hätte“. Das sei für ihn eine existenzielle Katastrophe gewesen, so Richard Stürtz. Die Fahrten der Berzelius-Produkte seien seine nahezu einzige Einkommensquelle gewesen.

Vergleich vor Gericht

Während sich ein juristischer Streit entspinnt, seine Gesprächsgesuche mit der Geschäftsführung der Hütte abgelehnt worden seien, entwickelt Stürtz eine kühne Idee. Er verkauft seine Firma an ein neu gegründetes Unternehmen mit einer neuen Geschäftsführerin, das wiederum für den großen Logistiker Bleihütten-Transporte abwickelte. „Ein Kollege holte die Produkte auf dem Betriebsgelände ab, und ich bin außerhalb weiter gefahren“, so Stürtz.

Das ging wenige Monate gut, bis Berzelius bemerkte, dass der Mausbacher wieder Transporte für die Hütte ausführte. Dann war endgültig Schluss mit Fahrten zum Binsfeldhammer. Und auch die übrigen Standorte habe er nicht mehr ansteuern dürfen. Das Logistikunternehmen als jahrelanger Vertragspartner habe komplett auf seine Dienste verzichtet.

Zwei unterschiedliche Dinge

Richard Stürtz sah sich vor dem Aus. „Auch als ich aus aller Not meinen Verzicht auf Behebung des Schadens für das Malheur mit dem Gitterrost angeboten habe, blieb das Hüttenverbot bestehen“. Im August 2016 kam es zwar zu einem Vergleich mit Berzelius vor dem Eschweiler Amtsgericht über den Schaden. Stürtz erhält knapp 2600 Euro, und Berzelius hält den Vorwurf nicht mehr aufrecht, Stürtz habe den Schaden bewusst fälschlicherweise behauptet, aber weiterhin Bestand hat das Hüttenverbot für ihn und sein Unternehmen.

Mittlerweile ist er für eine regionale Baulogistik- und Transportfirma mit seiner Zugmaschine unterwegs.

Aber die Erinnerungen an die Erlebnisse am Binsfeldhammer lassen den 63-Jährigen nicht los. „Hier wurde mit Kanonen auf Spatzen geschossen“, sagt Richard Stürtz. „Die Geschäftsführung hat mich auf dem Kicker.“

Die Berzelius Bleihütte Binsfeldhammer sieht den Gang der Dinge freilich deutlich anders. „Hervorzuheben ist, dass das Hausverbot sowie der mit einem Vergleich erledigte Schadenersatzprozess zu trennen sind“, erklärte auf Anfrage Dr. Urban Meurer. Nicht besagtes Malheur, so der BBH-Geschäftsführer, sei der Grund für das Hausverbot gewesen, „sondern vielmehr schwerwiegende Verletzungen der Sicherheitsvorschriften, die das Unternehmen zu dieser Maßnahme zwangen.“

Hohe Sicherheitsstandards

Berzelius nehme seine Verantwortung für Mensch und Umwelt durch besonders hohe Sicherheitsstandards wahr; so beispielsweise durch die Zertifizierung zum Entsorgungsfachbetrieb. Dadurch verpflichte das Unternehmen sich gesetzlich bei der Auswahl der Logistik-Dienstleister höchste Sorgfalt walten zu lassen.

„Diese Sorgfalt hat Herr Stürtz in zahlreichen Fällen missachtet“, betont Meurer und führt Beispiele an: Mehrfach seien bei Kontrollen durch den Gefahrgutbeauftragten des Unternehmens zahlreiche Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften festgestellt worden. Sicherheitsrelevante Ausrüstungen des Lkw seien zum Teil überhaupt nicht vorhanden gewesen. So fehlten Atemschutzfilter, nicht geprüfte oder nicht ordnungsgemäße Feuerlöscher seien mitgeführt worden.

Mehrfache Ermahnungen

Trotz mehrfacher Ermahnungen habe Stürtz Schüttgut-Lieferungen mittels eines Drei-Seiten-Kippers durchgeführt, obwohl dieser eine offensichtliche Undichtigkeit aufwies, was wiederum von dem Spediteur bestritten wird. „Erst nach mehrfachen Ermahnungen“, so Meurer, sei die Undichtigkeit abgestellt und ein Gutachten zum Nachweis der Dichtigkeit vorgelegt worden.

Weiterhin habe sich Stürtz unter Vortäuschung falscher Tatsachen Zugang zum Werksgelände verschafft, um eine Lieferung außerhalb der regulären Anlieferungszeit zu rechtfertigen. So habe er tatsächlich Kies geladen, seine Lieferung aber als BSB-Paste deklariert, weil er gewusst habe, den Kies zu besagtem Zeitpunkt nicht anliefern zu dürfen.

Zudem habe Berzelius in mehreren Fällen ein unkorrektes Verhalten in der Waschstraße feststellen müssen. Stürtz sei seiner Verpflichtung nicht nachgekommen, das betreffende Material händisch aus dem Kipper zu schaufeln. Stattdessen habe er verbotenerweise in der Waschstraße die Reste einfach mit Wasser entfernt.

Seine Chance nicht genutzt

Bereits Monate vor dem Schadenfall „hatte ich mich als Geschäftsführer veranlasst gesehen, wegen anderer Vergehen ein Hausverbot zu erteilen“, sagt Meurer. „Nur auf seine dringliche Bitte hin habe ich Herrn Stürtz nochmals eine Möglichkeit für eine weitere Zusammenarbeit eröffnet.“ Bedauerlicherweise habe er diese Chance nicht genutzt, so der Geschäftsführer weiter. Im Interesse der Sicherheit des Unternehmens, seiner Mitarbeiter sowie aller auf dem Werksgelände tätigen Personen, müsse das zweite Hausverbot aufrecht erhalten bleiben.

Im Übrigen habe Berzelius Richard Stürtz darauf aufmerksam gemacht, dass er völlig frei sei, seine Dienstleistungen anderweitig anzubieten. Der Markt biete vielfältige Möglichkeiten für Logistiker, so Meurer.

(-jül-)