Sozialpsychiatrische Zentren in Städteregion bieten Angehörigengruppen

Hilfe für Angehörige von psychisch kranken Menschen : Die Gemeinschaft bietet Halt und Hilfe

Aus dem Traum von der glücklichen Familie wird in kürzester Zeit ein Alptraum: Zwei Wochen nach der Geburt ihrer Tochter erleidet Axels Frau eine Wochenbettpsychose und muss in die Psychiatrische Klinik in Düren eingeliefert werden. Es ist der Beginn einer langen Leidenszeit, die mittlerweile 38 Jahre dauert. Und in der er immer wieder Hilfe in einer der Gruppen für Angehörige von psychisch kranken Menschen gefundne hat, die die Sozialpsychiatrischen Zentren in der Städteregion anbieten.

38 Jahren hat Axel einige Höhen und viele Tiefen erlebt hat. Phasen, in denen es seiner Frau richtig gut ging. Aber auch extrem schwierige Situationen, in denen sie „ausgerastet“ ist und immer wieder zwangseingewiesen werden musste. Schlimmer noch: Auch einen Selbstmordversuch hat es gegeben. Er ist gescheitert, weil Axel seiner Frau damals das Leben gerettet hat.

Axel heißt in Wirklichkeit nicht Axel. Er möchte anonym bleiben, weil Lebensgeschichten wie die seine auch heute noch tabubehaftet sind. Anonym kann er auch in den Angehörigengruppen bleiben, die die Sozialpsychiatrischen Zentren in der Städteregion anbieten. Aber dort hat sich Axel längst „geoutet“, weil er auf Menschen getroffen ist, die ein ähnliches Schicksal teilen und ihm wohl auch deshalb sehr viel Verständnis entgegenbringen.

„Die Erfahrung, nicht alleine mit einem Problem zu sein, ist oft schon eine enorme Erleichterung“, weiß Oliver Hannott. Der Sozialpädagoge ist Leiter des Sozialpsychiatrischen Zentrums (SPZ) Süd und betreut eine der Angehörigengruppen, die sich regelmäßig treffen. Axel kann Hannotts Erfahrung uneingeschränkt bestätigen. Nicht ohne Grund nutzt er seit vielen Jahren das Angebot zum fachlich begleiteten Austausch. „Wann immer ich ein Problem oder das Bedürfnis zum Gespräch habe, finde ich hier offene Ohren und guten Rat“, berichtet der 58-Jährige. Und wenn sich auch die Schicksale der einzelnen Teilnehmer durchaus unterscheiden, ziehen sie aus ihrer gemeinsamen Runde doch wichtige Erkenntnisse und Kraft.

„Ich bin sehr froh, dass ich einen Raum gefunden habe, in dem ich offen sagen kann, wie es mir geht“, stellt Sandra (Name ebenfalls geändert) fest. Sie ist wegen des extrem belasteten Verhältnisses zu ihrem psychisch kranken Sohn, der mittlerweile erwachsen ist, in einer der Kontakt- und Beratungsstellen der Sozialpsychiatrischen Zentren vorstellig geworden. Dort wurde ihr neben der professionellen Einzelberatung, die es in allen SPZ in der Städteregion gibt (Übersicht siehe Infobox), auch die Möglichkeit zur Teilnahme an einer Angehörigengruppe geboten. „Für mich ist dieser eine Termin im Monat ganz wesentlich“, steht für Sandra heute fest. Dabei war sie anfangs durchaus skeptisch. „Ich musste zunächst einmal umdenken, weil ich die Erwartung gehabt hatte, dass ich auf Profis treffen würde, die mir helfen.“

Die Profis in den Gruppen aber sind, abgesehen von jeweils einem ausgebildeten Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen, die Angehörigen. Darauf verweist Alf Oberkoetter, Leiter des SPZ Nord, wenn er einen Platz vermittelt. „Es herrscht eine unglaubliche Sensibilität“, sagt er. Und die führe nicht selten dazu, dass die Angehörigen ihre Anonymität aufgeben und sich manchmal sogar anfreunden. Wie in der Gruppe von Sandra. Die organisiert über WhatsApp private Verabredungen und hat sich somit ein Stück weit verselbstständig. Das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe greift hier besonders gut.

Die Gruppen, erklärt Oberkoetter, sollen Hilfe, Halt und Orientierung bieten. „Oft haben die Angehörigen eine wahre Odyssee hinter sich, ehe Klarheit darüber herrscht, dass ihr Partner oder ihr Kind psychisch krank ist“, so der SPZ-Leiter. „Denn psychische Erkrankungen kommen oft daher als Verhaltens- und Wesensveränderung.“ Doch die Erkenntnis ist nur ein erster Schritt. „Wir erleben vielfach, dass die Angehörigen hilflos und völlig überfordert vor einem Riesenberg an Problemen stehen und sich auch noch Vorwürfe machen und ein schlechtes Gewissen haben“, berichtet Oliver Hannott. In der Regel wird dann in Einzelgesprächen nach einer individuellen Lösung gesucht. Die Empfehlung, sich einer der Angehörigengruppe anzuschließen, gehört fast immer dazu.

Allerdings stoßen die Gruppen inzwischen an ihre Grenzen. Weil die Personenzahl begrenzt ist, um einen persönlichen Austausch gewähren zu können, werden die Plätze mitunter knapp. „Wir würden gerne noch mehr Gruppen eröffnen, aber dazu fehlen uns die Kapazitäten“, räumt Oliver Hannott ein. Gleichwohl will er diese Feststellung nicht als Kritik an den Partnern verstanden wissen: „Die Kooperation mit dem Gesundheitsamt der Städteregion und mit dem Landschaftsverband ist wirklich gut.“

Bald auch Hilfe für Kinder

In einem anderen Bereich soll der zunehmenden Nachfrage derweil bald entsprochen werden können: Die Aachener Laienhelfer Initiative (ALI), die die beiden Sozialpsychiatrischen Zentren in Aachen betreibt, bereitet derzeit gemeinsam mit der Katholischen Hochschule ein neues Hilfsangebot für Kinder psychisch kranker Eltern vor. „Hier gibt es dringenden Handlungsbedarf“, betont ALI-Sozialarbeiter Ingo Seyfert.

Axel kann das nur unterstreichen. „Eine solche Hilfe hätte unserer Tochter sicherlich auch sehr gutgetan“, ist er überzeugt, wenngleich es ihr letztlich ohne externe Unterstützung gelungen ist, einen guten Weg zu gehen, und sie heute mit Mann und Kindern im Ruhrgebiet lebt.

Axel selbst wird auch in Zukunft die – übrigens kostenfreie – Unterstützung der SPZ in Anspruch nehmen. „Denn ohne die“, da ist er ziemlich sicher, „hätte ich es wohl nicht geschafft, unser Leben in vernünftigen Bahnen zu halten.“

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