Stolberg: „Soziale Kupferstadt 2030“: Engagement durch feste Strukturen

Stolberg: „Soziale Kupferstadt 2030“: Engagement durch feste Strukturen

Menschen, die in sozial benachteiligten Stadtteilen leben, engagieren sich meist nicht. Das ist auch in Stolberg ein Problem. Warum das so ist? Und wie man sie doch motivieren kann, sich einzubringen? Mit diesen Fragen haben sich Professor Andreas Reiners und seine Studenten Dilara Norden, Falko Noack und Sophia Dykmann von der Katholischen Hochschule in Aachen beschäftigt.

Dem Ausschuss für Soziales und Generationengerechtigkeit (ASG) stellten sie die Ergebnisse des Projekts vor und sorgten für Diskussionsstoff im Ratssaal. Doch von vorne. Um die Ziele des Sozialplans „Soziale Kupferstadt 2030“ umsetzen zu können, ist die Beteiligung von Stolbergern aus allen Sozialräumen gefragt. In der Vergangenheit zeigte sich jedoch, dass dies nicht einfach ist.

Um mehr Menschen — vor allem aus den Sozialräumen Oberstolberg, Unterstolberg und Münsterbusch — zu erreichen, entschied die Verwaltung, Professor Reiners und sein Team mit ins Boot zu holen. „Für uns als Hochschule war das interessant“, erklärte Reiners. Schließlich habe es in der Vergangenheit nur wenige Untersuchungen gegeben, die sich mit der Perspektive sozial Benachteiligter auseinandersetzen.

Fest steht: Nur wer sich als Teil des Gemeinwesens sehe und gebraucht fühle, engagiere sich. Auf Menschen, die in sozial benachteiligten Stadtteilen leben, treffe das meist nicht zu. Sie würden eher die Erfahrung machen, dass sie gesellschaftlich entbehrlich und nicht sozial kompetent seien. Ihre Argumentation laute deshalb: Warum soll man sich für eine Gesellschaft einsetzen, die andere Menschen ausschließt?

Eine weitere Voraussetzung für soziales Engagement: Man müsse sich dieses zutrauen. Auch das sei bei Bürgern mit sozialer Benachteiligung oft nicht der Fall. Eine Ausnahme bilden dabei die sogenannten Viertelgestalter — Menschen, die sich auch in benachteiligten Vierteln das Anpacken zutrauen und die Initiative für andere übernehmen. Mit diesen Viertelgestaltern haben Reiners und seine Mitarbeiter gesprochen. Das Ziel: Mehr über ihre Motivation, Denk- und Handlungsweisen erfahren, um daraus Handlungsempfehlungen zu entwickeln.

Viertelgestalter sind Menschen, die in ihrem Quartier aktiv sind, dort wohnen, als Teil des Viertels wahrgenommen werden und sich auch selbst so verstehen. In Gesprächen mit Politikern, Sozialarbeitern, Pastoren und Mitarbeitern der Verwaltung kamen 23 Viertelgestalter zusammen.

Es fanden Einzelinterviews mit neun Personen statt. Was auffiel? Angetrieben werden diese Menschen durch die Bestätigung, die sie für ihren Einsatz erhalten und die Aufwertung, die ihr Stadtteil dadurch erfährt. Und wie ist es um ihr Verhältnis zum Viertel bestellt? Sie fühlen sich dort wohl, üben aber auch Kritik. Leerstände, Arbeitslosigkeit und Segregation von einzelnen Einwohnergruppen seien in den Interviews oft genannt worden. Bemängelt wurde zudem das schwindende Gemeinschaftsgefühl, das oft durch das Fehlen von Treffpunkten zustandekomme.

Mehr Begegnungsräume könnten zu einem besseren Miteinander führen und dieses wiederum dazu, dass sich mehr Menschen engagieren, waren sich die Befragten sicher. Auf diese Weise sollen auch mehr junge Menschen für das ehrenamtliche Engagement begeistert werden. Schließlich würden das zunehmende Alter der Menschen, die sich engagieren, und der fehlende Nachwuchs zu einem großen Problem.

Die Empfehlungen von Reiners und seinem Team lauteten: Aufwachsen im Engagement verwirklichen, feste Strukturen schaffen und Anerkennung leisten. „Verlässliche Strukturen sind unverzichtbar. Sie ermöglichen erst Engagement“, so Reiners. Was man darunter versteht? Zentrale Anlaufmöglichkeiten wie beispielsweise Nachbarschaftszentren, Bürgerbüros oder Gemeindehäuser. Wichtig sei zudem, dass ein Sozialraum sich von dem Stigma Problemviertel entferne. Dieses eigne sich nicht als Ausgangspunkt für Engagement und politische Teilhabe. Vielmehr sollte der positive Bezug zum Viertel im Vordergrund stehen.

An dieser Stelle tritt das Projekt Community Organizing in den Vordergrund. Dieses Konzept der Sozialen Arbeit zielt auf die politische Partizipation in benachteiligten Stadtvierteln, die Auseinandersetzung mit Problemlagen und das selbstständige Erarbeiten von Lösungsvorschlägen. „Zuvor mutlose Menschen können wieder erfahren, dass sie als Bürger etwas bewegen können“, so Reiners. Das sei der wichtigste Effekt. In Setterich werde dies bereits angewendet und funktioniere gut, erklärte Reiners. Öffentliche Treffpunkte und feste Ansprechpartner seien dafür wichtige Voraussetzungen.

Bei dem Großteil der Parteien stieß die Vorstellung der Ergebnisse auf große Zustimmung. „Es ist nicht alltäglich, dass eine Hochschule sich an einem solchen Prozess beteiligt“, meinte der Ausschuss-Vorsitzende, Patrick Haas. Lob gab es von der SPD. Anton Grendel meinte: „Sie haben die soziale Situation in den einzelnen Quartieren treffend dargestellt.“

Unterstützung gab es auch von der CDU. „Sie unterstützen unseren laufenden Sozialplanungsprozess ganz massiv. Ich bin Ihnen dankbar, dass nun auch wissenschaftlich dargestellt wurde, was wir aufgegeben haben“, sagte Bernhard Grendel und verwies darauf, dass Stolberg damals durchaus über zahlreiche Treffpunkte — wie Kneipen — verfügte. Der Wunsch, zu dem Stolberg von damals zurückzukehren, sei auch bei den Befragten deutlich geworden.

Gabi Halili (Linke) war anderer Meinung. Zunächst kritisierte sie, dass in den Ausschüssen alles verwissenschaftlicht werde. Doch auch die Arbeit von Reiners stellte sie infrage. In der Sozialplanung sei dies bereits ausführlich erläutert worden. Dieses Projekt sei „doppelt gemoppelt“.

Mit dieser Meinung war sie alleine. „Wir wollen auch die Menschen mitnehmen, die man nicht erreicht. Über die Viertelgestalter werden wir auf Probleme aufmerksam“, sagte Stolbergs Erster Beigeordneter, Robert Voigtsberger.

Wie wichtig die Arbeit von Reiners sei, machte Sozialplaner Leo Jansen deutlich. „Das Gemeinwesen entsteht nicht mehr von alleine. Wir müssen fördern, dass Menschen es wieder anregen. Es gibt tolle Menschen auf der Mühle, die sich engagieren. Sie sieht nur niemand, weil sie nicht bekannt genug sind.“ Einstimmig beauftragte der Ausschuss die Verwaltung mit der Einarbeitung der Ergebnisse in den laufenden Prozess der Sozialplanung „Soziale Kupferstadt 2030“.