Seit drei Wochen ist Patrick Haas Bürgermeister und hat große Pläne

Stolbergs neuer Bürgermeister Patrick Haas : Nur die schwarze Couch ist ihm zu unbequem

Die Wände im Bürgermeisterbüro auf der ersten Etage des Rathauses sind derzeit noch nahezu leer. Nur das bunte Stadt-Huhn „Schantall” – eine Figur des Aktionskünstler Rainer Bonk – steht nach wie vor an seinem Platz neben dem großen Schrank. Erst vor rund drei Wochen ist Patrick Haas in sein neues Büro gezogen.

Am 16. Juni wurde er bei der Stichwahl zu Stolbergs neuem Bürgermeister gewählt. Nun hat er sechs Jahre Zeit, um die Geschicke der Stadt zu leiten – und um sein Büro so einzurichten, dass er sich darin wohlfühlt. Welcher Gegenstand zu den ersten zählen wird, die das Büro verlassen werden? Dazu später mehr.

Obwohl Haas erst seit wenigen Wochen im Amt ist, ist er schon mittendrin in seiner Arbeit. „Mit Trouble Shooting habe ich begonnen“, schmunzelt er. Einer seiner ersten Termine war die Zusammenkunft des Stabs für außergewöhnliche Ereignisse. Dieser kam im Rahmen der Demonstration „Fridays für Future“ im benachbarten Aachen zusammen. Untergebracht werden mussten in Stolberg zwar keine Teilnehmer, allerdings sei man darauf sehr gut vorbereitet gewesen, sagt Haas. „Feuerwehrchef Andreas Dovern hatte alles gut im Griff“, lobt er seinen Konkurrenten aus Wahlkampfzeiten.

Auf Weg geleitet

Auch die Einladung der städtischen Gesamtschule erreichte ihn erst am Morgen des Abschlussabends. Mittlerweile hat der neue Bürgermeister schon einige Schulabsolventen in ihren weiteren Werdegang geleitet.

Nachdem auch die ersten organisatorischen Hürden – beispielsweise das Einrichten der Mailadresse – genommen wurden, stürzte sich der 37-Jährige so richtig in die Arbeit.

Bereits seit Montag – um 7 Uhr und erstmals in seiner neuen Funktion – nach dem Wahlabend ist er im Büro. „Ich arbeite am schlagenden Herzen“, sagt er. Was er damit meint? Seit seinem Amtseintritt setze er sich mit den täglichen Aufgaben auseinander – und das für gleich zwei Dezernate. Doch das soll sich bald schon ändern. Nach den Sommerferien soll die Stelle, die bis Ende Juni Robert Voigtsberger bekleidete, ausgeschrieben werden.

Wen Haas favorisiert? Darüber schweigt der neue Bürgermeister. Die Stolberger SPD habe in diesem Punkt allerdings das Vorschlagsrecht. Ihm sei es wichtig, dass die Stelle mit jemandem besetzt werde, der „das Dezernat adäquat leiten kann“, sagt er. Er werde keine Versorgungsfälle unterbringen, der 37-Jährige findet klare Worte.

Doch auch, wenn die personelle Frage bislang noch nicht geklärt ist, so steht für Haas fest: „Die Dezernate werden so bestehen bleiben.“ Heißt: Haas übernimmt – wie sein Vorgänger Tim Grüttemeier – das Dezernat I, dieses umfasst die Bereiche Wirtschaft, Finanzen und zentrale Dienste. Neben dem Haupt- und Personalamt gehören auch das Amt für Finanzen und Standesamtswesen, das Amt für Recht, Sicherheit und Ordnung sowie das Amt für Brandschutz, Rettungsdienst und Bevölkerungsschutz und das Amt für Wirtschaftsförderung dazu.

Da das Dezernat II (Jugend, Schule und Soziales) derzeit nicht besetzt ist, übernimmt Haas auch die Anliegen für das Jugendamt, das Amt für Soziales und das Amt für Schule, Kultur, Sport und Tourismus. Das Dezernat III (Infrastruktur und Stadtentwicklung) wird weiterhin vom Technischen Beigeordneten Tobias Röhm geleitet. Zu seinem Dezernat gehören das Amt für Stadtentwicklung und Umwelt, die Bauordnung und untere Denkmalbehörde, das Amt für Immobilienmanagement und technische Infrastruktur sowie das Technische Betriebsamt. Doch zurück ins Bürgermeisterbüro.

Neben dem „tagtäglichen Geschäft“ muss Haas sich in seine neue Aufgabe einarbeiten. Dazu zählt auch, dass er die Mitarbeiter kennenlernt. Dazu gehören für ihn nicht nur die einzelnen Ämter. In den kommenen Wochen will Haas auch die Kollegen in allen Stolberger Schulen und Kindergärten kennenlernen. Und auch die Planungen für das kommende Haushaltsjahr haben mittlerweile begonnen.

Noch diese Woche wird Haas im Rathaus anzutreffen sein, dann steht erst einmal Urlaub auf dem Programm. Die Ferien auf Föhr wolle er nutzen, um über die nächsten Schritte nachzudenken. Schließlich hatte Haas sich im Wahlkampf einige Ziele gesteckt, die er in den kommenden Jahren auch umsetzen will. Noch ins Kapitel „Trouble Shooting“ gehört die Bilanz der Betriebsführungsgesellschaft des Seniorenzentrums auf der Liester. Sie ist weit entfernt vom Ziel einer schwarzen Null in den nächsten Jahren. „Es besteht dort dringender Handlungsbedarf“, sagt Haas. Über mögliche Lösungswege möchte er sich in der friesischen Karibik Gedanken machen.

Neue Stelle

Was sich außerdem bald ändern soll: Stolberg soll einen Verkehrsplaner bekommen. Dies könne im Rahmen einer Stabsstelle geschehen, meint Haas. Ein großer Wunsch des 37-Jährigen: Die Stolberger Innenstadt soll automäßig entlastet werden. Man müsse Möglichkeiten finden, damit dies auch praktikabel werde. Dazu gehöre beispielsweise auch die Parksituation, die neu durchdacht werden müsse.

Er selbst will dafür ein Vorbild sein. Bereits während des Wahlkampfes war der 37-Jährige mit dem E-Bike unterwegs. Das will er – zumindest in der Innenstadt – weiterhin so handhaben. Und auch in puncto Dienstwagen will er das umweltbewusste Credo beibehalten. Nur ein umweltfreundliches Modell komme für ihn in Frage. Schließlich könne man nicht Wasser predigen und dann selbst Wein trinken, meint er – und ist gespannt, welche Vorschläge für einen neuen städtischen Dienstwagen seine Fachleute im Rathaus zu Tage befördern.

Und einen Spezialisten für Vergabesachen will Haas „beschaffen“. Um die Einkäufe für die und Aufträge der Stadt in einer eigenen Abteilung zu bündeln. Damit will er auch vermeiden, dass zukünftig die Vorbereitung der europaweiten Vergaben an externe Experten vergeben werden müssen, um die schwierigen rechtlichen Hürden nehmen zu können. Darüber hinaus schwebt ihm ein „professionelles Baustellenmanagement“ vor. Entsprechende Hausaufgaben will er den Versorgungsunternehmen auferlegen.

Zügig angehen will Haas auch ein anderes Projekt: das Sportjahr für Schulkinder. Auf diese Weise soll für Vereine Werbung gemacht werden und natürlich sollen auch die Kinder davon profitieren. Der 37-Jährige ist zuversichtlich, dass man mit der Umsetzung im kommenden Jahr – also zum Schuljahr 2020/2021 – beginnen könne. Wann das weitere beitragsfreie Kita-Jahr an den Start gehen kann, steht derzeit noch nicht fest. Das Thema soll Teil der Haushaltsplanungen werden, allerdings müsse erst einmal über einen entsprechenden Deckungsvorschlag diskutiert werden.

Und wie sieht es mit der Fortführung der großen Koalition in Stolberg aus? Die sei von beiden Seiten gewünscht. „Das wäre auch mein Wunsch und ich denke, es wäre auch im Sinne der Bürger, wenn man so weiterarbeitet“, sagt Haas. Zweifel an der Weiterführung gebe es von seiner Seite nicht.

Auch wenn Haas als Bürgermeister eine ganze Menge zu tun hat, einen privaten Termin will er sich nicht nehmen lassen. Zu kommenden Saison legt er zwar sein Amt als Judo-Bundesliga-Trainer nieder. „Aber den Trainingstermin am Mittwochabend versuche ich mir freizuhalten. Den werde ich auch verteidigen“, sagt er, lacht und fügt nachdenklich hinzu: „Ohne Judo würde ich heute nicht sein, wo ich bin.“

Digitale Welt

Und welcher Gegenstand wohl zu den ersten gehören wird, die das Bürgermeisterbüro verlassen müssen? Das Diktiergerät. Ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten, dem Haas nicht so viel abgewinnen kann. Er setzt ganz auf die digitale Welt. iPad und iPhone liegen vor ihm auf dem Tisch.

„Eins der wenigen Dinge, die ich bei Tim Grüttemeier nicht verstanden habe, ist diese Ledercouch“, schmunzelt Haas und blickt auf die kleine, gradlinig moderne schwarze Sitzgarnitur zwischen Besprechungs- und Schreibtisch. „Die ist absolut unbequem.“ Ihre Tage an dieser Stelle sind gezählt.

Auf eine bewährte Kollegin setzt Patrick Haas für sein Vorzimmer: Melanie Triebel ist als Assistentin gesetzt. Sie war bislang die Sekretärin des Ersten Beigeordneten, und war mit Robert Voigtsberger für die kommissarische Zeit in den Bürgermeister-Flügel gezogen. Triebel und Haas kennen sich bereits aus Büsbacher Grundschulzeiten. Die weiteren Personalien sind noch offen. Zuerst möchte der Verwaltungschef mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sprechen.

Ob das Huhn „Schantall“ weiterhin wohl an seinem Platz im Bürgermeisterbüro hocken bleibt und wie das Couch-Problem gelöst wird, ist noch ungewiss. Aber nach der halbjährigen Übergangszeit ist wieder ein neuer Wind im Rathaus zu spüren.