Verbale und körperliche Übergriffe: Schutzwesten für den Rettungsdienst der Stolberger Feuerwehr

Verbale und körperliche Übergriffe : Schutzwesten für den Rettungsdienst der Stolberger Feuerwehr

Es war der 30. Juli 2016. Gegen 9 Uhr wurden zwei Feuerwehrmänner in die Sebastianusstraße in Atsch gerufen. Im Rahmen des Bereitschaftsdienstes für das Ordnungsamt führten sie ein Gespräch mit einem Patienten, als dieser unerwartet und mit brachialer Gewalt beide Feuerwehrmänner angriff.

Nur mit Unterstützung der Polizei konnte der massive Gewaltausbruch des Mannes beendet werden. Einer der beiden Einsatzkräfte konnte seinen Dienst nicht mehr ausüben, der zweite Kollege erlitt schwerste Prellungen. Heute – knapp drei Jahre später – sieht es so aus: „Verbale Angriffe sind an der Tagesordnung, körperliche Angriffe sind nicht selten“, sagt Stolbergs Feuerwehr-Chef Andreas Dovern. Um die Mitarbeiter davor künftig noch besser zu schützen, sollen nun Schutzwesten angeschafft werden. Ein Schritt, der nicht unumstritten ist und derzeit deutschlandweit diskutiert wird. Dennoch ist Dovern der Meinung: „Die Mitarbeiter sind das höchste Gut, das wir haben. An ihrem Schutz darf man nicht sparen, schließlich sollen sie auch nach dem Einsatz wieder sicher zu ihren Familien nach Hause kommen.“

Das Thema sei zwar nicht alt, sei allerdings auch nicht erst im Rahmen der aktuellen Diskussion aufgekommen. Bereits vor zwei Jahren stattete die Stolberger Feuerwehr ihre Mitarbeiter mit persönlichen Funkgeräten aus, die Frau und Mann am Körper tragen. Nach amerikanischem und britischem Vorbild dienen diese nicht nur dazu, um mit der Leitstelle zu kommunizieren, sondern besitzen auch einen Notrufknopf, um im Ernstfall Hilfe anzufordern.

Laut der Feuerwehr-Gewerkschaft des Landes Nordrhein-Westfalen reiche dies heute allerdings nicht mehr aus. Sie fordert stichsichere Schutzwesten für Rettungsdienst-Mitarbeiter und rennt bei Andreas Dovern mit diesem Vorschlag offene Türen ein. Er stehe zu 100 Prozent hinter dieser Forderung, um den Schutz der Einsatzkräfte zu verbessern. „Selbst wenn ein Panikknopf gedrückt wird, kann es unter Umständen länger dauern bis Hilfe vor Ort ist“, sagt er. Eine Schutzweste biete da schon besseren Schutz – auch, wenn sie beispielsweise Kopf, Arme und Beine nicht schützen würde.

So sehen die neuen Westen der Polizei in NRW übrigens aus. Ähnlich sollen dann auch die der Stolberger Feuerwehr aussehen. Foto: Polizei Paderborn

Andreas Dovern weiß, dass es nicht nur Befürworter gibt. Auch bei der Stolberger Feuerwehr habe man sich zunächst schwer damit getan, ob man wirklich Schutzwesten anschaffen soll, oder nicht. Aber: „Wir wollen unseren Patienten die größtmögliche Hilfe bieten, also müssen wir unseren Mitarbeitern auch den größtmöglichen Schutz bieten“, sagt er.

Kritiker halten dagegen, dass die Westen eher hinderlich seien und bei der Arbeit behindern würden. Aus diesem Grund habe man sich bei der Stolberger Feuerwehr dafür entschieden, sich an den Westen der Polizei NRW zu orientieren und diese für den Rettundsdienst zu beschaffen. Erst in diesem Jahr wurden die Polizisten mit neuen Westen ausgestattet. Für die Feuerwehr sollen die Westen farblich angeglichen und in Rot beziehungsweise Orange leuchten. Voraussichtlich 20 bis 30 Westen – sogenannte Außenhüllen – und bis zu acht Sätze an Platten, mit denen die Hüllen ausgestattet werden, sollen angeschafft werden. Sechs Platten sind für den Alltag vorgesehen – für den Rettungsdienst und für den Bereitschaftsdienst beim Ordnungsamt, den die Feuerwehr in Teilen ebenfalls stellt.

Kritische Einsätze

Warum die Westen ausgerechnet in diesen Bereichen wichtig seien? Beim Bereitschaftsdienst des Ordnungsamtes hätten es die Kollegen vor allem mit Zwangseinweisungen zu tun. Diese würden – genau wie Personen, die unter Drogen- und Alkoholeinfluss stehen oder psychisch krank seien – zu den kritischen Einsätzen zählen. Bei Einsätzen dieser Art sollen die Westen künftig verpflichtend getragen werden. Bei allen anderen Einsätzen sei dies den Mitarbeitern selbst überlassen. „Bei Einsätzen, bei denen man den Eindruck hat, dass etwas passieren könnte, wollen wir auf Nummer sicher gehen“, sagt Dovern. Er ist der Meinung, dass man die Schutzwesten gut im Alltag tragen könne. Sie seien tragbar und nicht allzu schwer.

Doch nicht nur mit Schutzwesten will sich die Feuerwehr vor An- und Übergriffen schützen. Ein Mal im Jahr finde auf der Wache auch ein Deeskalationstraining statt. Schließlich sei es wichtig, sich auch durch klare Ansagen zu schützen. Denn der Tonfall werde immer rauher. „Es ist wichtig, dass wir Grenzen zeigen, wie man mit uns reden darf und wie nicht“, sagt Dovern. Man wolle übrigens nicht von den Mitarbeitern verlangen, dass sie durch das Tragen der Westen risikobereiter würden, sie sollen lediglich zum Eigenschutz dienen.

Was heute die Schutzwesten sind, seien einst die Atemschutzgeräte gewesen. „Vor zehn Jahren wurde längst nicht bei jedem Pkw-Brand ein Atemschutzgerät getragen. Heute ist das Standard. Ein vom Ruß geschwärzter Helm war vor zehn Jahren noch eine Trophäe, ist aber heute verpönt, weil man mittlerweile weiß, welche gesundheitlichen Auswirkungen das haben kann.“

Ein erstes Musterexemplar soll voraussichtlich in der ersten Septemberwoche ankommen. Dovern rechnet damit, dass die Westen dann zu den Herbstferien geliefert werden. Dass die Stolberger Feuerwehr in naher Zukunft für jeden Mitarbeiter eine persönliche Weste braucht, bezweifelt Dovern allerdings. „Dafür gibt keinen Bedarf“, sagt er – zumindest nicht momentan.