Stolberg: Salami-Taktik: So werden Visionen bei der Euregiobahn Realität

Stolberg: Salami-Taktik: So werden Visionen bei der Euregiobahn Realität

„Ja wann kommt denn der Anschluss nach Baesweiler?“: Unsere Leser wollen es ganz genau wissen, wann die Euregiobahn über Mariagrube und Hoengen nach Siersdorf weiter den Norden die Städteregion erschließt, als sie bei der Sommertour unserer Zeitung im Stolberger Hauptbahnhof zu Gast bei der EVS sind.

Die drei Buchstaben stehen für Euregio Verkehrsschienennetz GmbH. Und der Firmenname sagt eigentlich schon alles. „Die EVS sorgt nur für die Infrastruktur“, sagt Thomas Fürpeil. Grundstück, Signale, Gleise, Weichen und Bahnübergänge sind der Alltag des Geschäftsführers, der das Konstrukt verdeutlicht: Auf den Gleisen der EVS wiederum verkehrt im Personenverkehr die Euregiobahn.

Abriss und Neubau: Das im Krieg zerstörte und nur provisorisch befahrbar gemachte Rüstbach-Viadukt wird für die Reaktivierung der Strecke nach Breinig komplett neu gebaut. Die Planung ist genehmigt. Fotos : J. Lange / EVS Foto: EVS

Ihr Fahrplan wird vom Zweckverband Nahverkehr Rheinland (NVR) bestellt. Aktueller Auftragnehmer ist die DB Regio, die mit ihren Dieseltriebwagen den Nahverkehr sicherstellt.

Großes Interesse zeigten unsere Leser an den absehbaren und zukünftigen Ausbauplänen für das Netz der Euregiobahn, die Thomas Fürpeil (hinten) erläuterte. Foto: J. Lange

EVS kann heute loslegen ...

Links hinter dem Bahnübergang im Steg entsteht ein neuer Haltepunkt an der Euregiobahnstrecke nach Breinig. Foto: Jürgen Lange

Und der NVR ist zugleich der Zuschussgeber für Investitionen in die Infrastruktur: Er verteilt die Zuwendungen von Bund und Land auf die einzelnen Projekte. Die Reaktivierung der Strecke von Alsdorf nach Siersdorf und irgendwann einmal weiter nach Baesweiler ins Gewerbegebiet und bis zum Carl-Alexander-Park hat der NVR schon einmal grob eingeplant in sein Budget für die nächsten Jahre. Wann es zum Zuge kommt, ist noch nicht ganz klar.

Hier querte einst und absehbar wieder die Bahn die Landesstraße 109 zwischen Bettendorf und Siersdorf. Foto: Karl Stüber

„Wir führen zielführende Gespräche“, gibt sich Fürpeil diplomatisch und will auch die Bürgermeister von Alsdorf, Baesweiler und Aldenhoven mit in den Waggon holen. Aber der Geschäftsführer sagt auch: „Von uns aus kann es von heute auf morgen losgehen, wenn das Geld bereitsteht.“ Der EVS „liegt sehr viel an dem Projekt“, sagt Fürpeil. Das private Unternehmen steht jedenfalls „Gewehr bei Fuß“.

Wieder einmal. Oder auch immer noch. Denn von Anfang an der fast 20-jährigen Geschichte des Infrastrukturunternehmens ist es eine „Salami-Taktik“, die den Personenverkehr auf der Schiene in unserer Region Schritt für Schritt voranbringt. Einen weiteren wichtigen Schritt nimmt das Projekt Euregiobahn im kommenden Jahr.

Dann wird die Strecke zwischen Stolberg-Altstadt und Breinig reaktiviert, neben dem Neubau eines barrierefreien Bahnsteigs im Breiniger Bahnhof wird ein weiterer Haltepunkt in Höhe des Bahnübergangs „Im Steg“ angelegt — schon in der Projektierungsphase ein Angebot für die Anwohner des Breiniger Neubaugebietes und Besucher des Sportzentrums, auf die Schiene umzusteigen. Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2019 soll die Euregiobahn auf diesen zusätzlichen vier Kilometer Strecke fahrplanmäßig verkehren — bis dato gibt es nur Sonderfahrten, so wie wieder zum Stolberger Stadtfest am zweiten September-Wochenende.

Erforderlich für den regulären Verkehr ist der Neubau des alten Rüstbach-Viaduktes. Im Zweiten Weltkrieg war es zerstört, danach von amerikanischen Truppen notdürftig wieder befahrbar gemacht worden. In späteren Jahren diente die Route als NATO-Strecke. Unzählige belgische Panzer rollten während des Kalten Krieges über diese Gleise zu Manövern, Truppenübungsplätzen in der Eifel und zurück in die Heimat. Nachdem die EVS die Gleise bis zur Bundesgrenze übernommen hat, hat sie 2010 das abgängige Viadukt verstärkt. Denn fortan diente es neben den Sonderfahrten der Euregiobahn auch dem Gütertransport.

Bis vor wenigen Monaten war die Reaktivierung dieses Abschnittes auch nur eine gepunktete Linie auf dem großen Streckenplan der EVS für die Region. Ebenso wie zuvor der Schluss der Ringbahn zwischen Stolberg, Alsdorf und Herzogenrath oder noch früher die Reaktivierung der Talachse durch Eschweiler nach Weisweiler und die Neubaustrecke bis Langerwehe.

Alle gepunkteten Linien wurden bislang zu durchgezogenen Strecken, die gelben Punkte für geplante Haltepunkte zu blauen Bahnhöfen für die Verbindungen durch die Region — manche Realisierung erfolgte planmäßig, manche mit Verzögerung, aber funktioniert hat es bislang immer. Auf diese Perspektive können die Bewohner im Nordkreis setzen.

Absehbar wird die Weiche zwischen Kellersberg und Mariadorf erneuert und die alte Kohleroute nach Siersdorf mit neuem Leben erweckt. Dazwischen wird es dann den wiederbelebten Haltepunkt Hoengen und einen neuen am dortigen Gewerbegebiet sowie einen Bahnhof in Siersdorf geben, wo auf dem alten Zechengelände neue Arbeitsplätze im Industriepark „Emil Mayrisch“ nebst Autotest-Center entstanden sind.

Reaktivierung bis Eupen

Von dort aus geht die gepunktete Linie weiter — als Neubaustrecke: über Setterich nach Baesweiler und weiter in den Carl-Alexander-Park. Aber Fürpeil präsentiert unseren Lesern noch eine weitere Karte: die Pläne für die Elektrifizierung dieser Strecken, die bislang nur mit Diesel, Batterie oder historisch gesehen mit Dampf oder Draisine befahren werden kann.

Die Linie der Pläne für die Oberleitungsstrecke geht im Nordkreis beim Carl-Alexander-Park weiterer Boscheln, wo ein großes Neubaugebiet viele Bahnkunden verspricht, bis hin nach Merkstein. Dann wäre der „Linckens-Ring“ geschlossen: eine Ringbahnstrecke so wie der Stolberger Ring über Alsdorf und Herzogenrath, dann aber rund um Baesweiler durch den Norden des Nordkreises.

Noch ist das eine Vision nach dem gewohnten EVS-Motto der Salami-Taktik. Eine andere Vision rückt dagegen peu à peu der Realisierung entgegen: die Reaktivierung der Gleise über Breinig hinaus mit Haltepunkten in Walheim und Schmitthof nach Raeren und Eupen. Mit der „Stolberger Erklärung“ im März 2017 hat der ostbelgische Ministerpräsident Oliver Paasch dem Vorhaben neue Dynamik verschafft, als er erklärte, die Aufnahme in ein EU-Förderprogramm konkret anzustreben.

Der NVR hat für die deutsche Seite die Planungen in sein Budget eingestellt. Und Thomas Fürpeil sagt: „Wenn die Strecke nicht bald wieder einer Nutzung zugeführt wird, besteht die Gefahr, dass das Eisenbahnbundesamt sie streicht.“

Das will im Grenzland wohl kaum einer. Eine touristische Nutzung ist das erste Etappenziel, das die Partner diesseits und jenseits der Grenze anstreben. Beispielsweise als Zubringer für Radfahrer und Wander zu Eifelsteig, Ravel-Route und Ardennen. Oder in der Gegenrichtung für belgische Touristen als Zubringer nach Stolberg und die Eifel mit der Möglichkeit, in Richtung Aachen, Düsseldorf und Köln umzusteigen.

Das langfristige Ziel hat einmal die Industrie- und Handelskammer Aachen definiert: Die Route ist für die Zukunft unerlässlich, um über einen Bypass für die Engstellen auf den überlasteten grenzüberschreitenden Strecken der Deutschen Bahn zu verfügen. Auch das gehört in das Kapitel Visionen.

Ein anderes Gerücht dementierte auf Nachfrage unserer Leser der EVS-Geschäftsführer. Eine Reaktivierung der Strecke komme nicht dem Steinbruch Breinig/Kornelimünster zugute. Dort wird Kalkstein für den Straßenbau und Dolomit für die Glasindustrie produziert, erläutert Fürpeil. „Die Kunden sitzen im Umkreis von 50 Kilometern.“ Der Radius sei zu gering, um einen Bahntransport der Produkte realistisch und wirtschaftlich gestalten zu können.

Und auch an einer weiteren Vision aus den Anfangstagen der Euregiobahn hält Thomas Fürpeil unbeirrt fest: ein Zubringer der Euregiobahn über Würselen und den Aachener Norden bis an den Elisenbrunnen. „Sicherlich nicht mit den heutigen Talenttriebwagen“, sagt Fürpeil. Aber gerade im Bahnwesen bringe der technische Fortschritt immer neue praktikable Lösungen. Die Schienen im Abzweig nach Quinx liegen immer noch ebenso wie im Aachener Norden die Talbot-Strecke vorhanden ist. Die Mobilitätsoffensive in der Städteregion, die Reisende auf klimafreundliche Angebote bringen soll, werde mittelfristig auf diese Option nicht verzichten können.

Absehbar Realität wird eine andere klimafreundliche Variante der Euregiobahn: die Elektrifizierung. Das heutige Angebot von Dieselfahrzeugen soll ersetzt werden durch umweltfreundlichere Elektrotriebwagen, die zudem noch effektiver die Anforderungen des Fahrplans erfüllen können sollen. Auch diese Vision wird erst mit einer Portion Verspätung Realität werden können.

Den eigentlich Ende 2020 auslaufenden Vertrag über den Dieselbetrieb des Euregiobahn-Angebotes soll vorübergehend um vier Jahre bis Ende 2024 verlängert werden. Zwangsweise. Denn um sich für weitere 15 Jahre mit nagelneuen Zugmodellen bewerben zu können, brauchen die Bahnunternehmen ebenso Planungssicherheit, wie der Nahverkehr Rheinland funktionierende Oberleitungen über den Gleisen sicherstellen muss.

Zwei Faktoren haben bislang das Projekt verzögert: das Geld und der Flughafen Merzbrück. Letzterer ist ein Brennpunkt für das Vorhaben. Heute verlaufen die Gleise so nah an der Start- und Landebahn, dass der Aufbau von Oberleitungen die Sicherheitsauflagen für den Flugbetrieb konterkarrieren würde. Die Konsequenz: Die Startbahn muss verlegt werden.

Wegen der Euregiobahn und weil ein Cluster der Hochschulen für zukunftsträchtigen Flugzeugbau entstehen soll. Erst vor wenigen Wochen hat sich das Land erklärt. Es wird in das Vorhaben und damit auch in die Verlegung der Start- und Landebahn investieren. Und damit wird auch der Weg frei gemacht für die Elektrifizierung der Euregiobahn. Mit Verspätung, aber gut Ding will Weile haben.

Euregio-Railport nimmt Fahrt auf

Wenig Zeit bleibt für eine neue Herausforderung. Wenn 2030 das Kraftwerk Weisweiler stillgelegt wird, „steht die Region nach dem Ende des Steinkohlebergbaus vor einem Strukturwandel ungeheureren Ausmaßes“, mahnt Thomas Fürpeil. Ein Projekt, das bei der Bewältigung helfen soll, ist das Ausbau des Umfeldes des Stolberger Hauptbahnhofs zu einem Hinterlandterminal der Nordseehäfen. Als Euregio-Railport firmiert das Projekt, das eine Mehrwert schaffende Logistik ansiedeln soll.

Der Stolberger Hauptbahnhof verfügt über ausreichende Verladekapazitäten. Mehr als 1,5 Millionen Tonnen werden bereits heute umgeschlagen. Für den Euregio-Railport laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, verrät Fürpeil unseren Lesern. Kontakte zum Logistiker Europe Container Terminal im Rotterdamer Hafen sind ebenso geknüpft wie zu Spediteuren und potenziellen Kunden in der Region. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann die ersten See-Container im Stolberger „Bahnhafen“ im großen Stil umgeschlagen werden.

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