Stolberg: Rundgang durch Atsch: Märtyrer im dunklen Kapitel der Geschichte

Stolberg : Rundgang durch Atsch: Märtyrer im dunklen Kapitel der Geschichte

Einst war er als Pfarrer und Seelsorger in Stolberg tätig. Aber auch heute, 75 Jahre nach seinem Tod in einer Gefängniszelle in Aachen, wird er verehrt als Märtyrer. Die Rede ist von Fritz Keller. Der frühere Atscher Pfarrer, der von 1891 bis 1943 lebte, gehörte zu Zeiten des Nationalsozialismus einer Minderheit an.

Er leistete damals Widerstand. Wie er das tat? Indem er die Menschen unter anderem über die Gefahren aufklärte, die von Hitlers Schrift „Mein Kampf“ ausgingen. Für seinen Mut musste er allerdings mit seinem Leben zahlen. Der engagierte und aufrechte Priester hatte am 15. Mai 1943 auf dem Boden einer Aachener Gefängniszelle liegend, den Tod gefunden.

Einem dunklen Kapitel der Stolberger Stadtgeschichte widmete sich nun die Gruppe Z. Die Vereinigung, die sich für eine Zukunft ohne Fremdenhass, Faschismus und Krieg einsetzt, hatte in Kooperation mit der Volkshochschule zu einem Rundgang durch den Stadtteil Atsch geladen, um die Stätten von Verfolgung und Terror während des Nazi-Regimes aufzusuchen und der Opfer der Diktatur zu gedenken.

Treffpunkt war der Gedenkstein an der Ecke Rhenania-/Münsterbachstraße wo sich rund 20 Besucher eingefunden hatten, um sich über den Nazi-Terror in Stolberg zu informieren und sich mit dem Leid der Opfer auseinander zu setzen. Die Versorgung mit umfangreichem Hintergrundmaterial hatten Karen Lange-Rehberg, Ralf Dallmann, Friedrich Gruschei und Horst Meurer übernommen.

Sie führten die Gäste zu den innerhalb des Stadtteils liegenden Gedenkorten und versorgten sie mit Geschichten und Erzählungen, die den Schmerz, das Elend und die Entbehrungen der Zwangsarbeiter, der jüdischen Bevölkerung, der Sinti und Roma sowie der politisch und religiös Verfolgten zum Thema machten.

So hatten beispielsweise die in der Atsch liegenden Werke Aktienspinnerei, Chemische Fabrik Rhenania und Feuerfeste Peters Zwangsarbeiter beschäftigt und sie mitunter unmenschlichen und gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Aber auch die damalige Reichsbahn hatte Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene im Güterbereich und bei Gleisarbeiten eingesetzt.

Das Bethaus

So unter anderem auch drei jungen Polen, die man im April 1944 wegen angeblicher Plünderungen auf dem Gelände des Güterbahnhofes an der Probsteistraße hingerichtet hatte. Eine Rolle spielten beim Rundgang aber auch die Informationen über das kleine, frühere Bethaus der Atscher Steinkohlengrube „Küllchen“, in dessen Keller sich während der Nazizeit kommunistische Widerständler getroffen hatten.

Nicht vergessen wurden auch die Bewohner des jüdischen Lagers, das man in den frühen 1940er Jahren auf dem Gelände der Rhenania-Fassbinderei im heutigen „Berthold-Wolff-Park“ eingerichtet hatte: Sie hatte man später ausnahmslos in den Konzentrationslagern Osteuropas ermordet.

Eine Rolle spielten bei dem Rundgang aber auch die Menschen, die den Opfern geholfen haben und — wie beispielsweise Josefine Greven — Zwangsarbeiter mit Lebensmittel versorgt hatten.

Anschaulich und nachvollziehbar machte sich die von der Gruppe Z geleitete Gemeinschaft die geschilderten Schicksale, indem sie zum Beispiel an der Hamm-, Rhenania, Münsterbach-, Sebastianus- und Pastor-Keller-Straße, die Lebens- und Leidensorte der Naziopfer und ihrer Freunde und Unterstützer aufsuchte. Mit diesem Rundgang haben die Gruppe Z und die Volkshochschule auch einen Beitrag zum 900-jährigen Geburtstag der ersten urkundlichen Erwähnung Stolbergs geleistet.

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