Stolberg: Rund um die Burg lebt das Mittelalter auf

Stolberg: Rund um die Burg lebt das Mittelalter auf

Die Wache hat sich am Treppenabgang der Burg, der zum Faches-Thumesnil-Platz führt, postiert: „Halt”, sagt der junge Mann mit gezücktem Schwert und macht ein finsteres Gesicht. „Ich ergebe mich!”, so der Angesprochene, der den Wachposten um Längen überragt und die Hände nach oben hält. Der sechs Jahre alte Wachposten grinst und gibt den Weg frei.

Ein edler Ritter zu sein, beflügelt nicht nur die Phantsie eines Kindes: Das Mittelalter fasziniert Menschen aller Altersklassen. Beim 9. Burgritterlager auf der Stolberger Burg können große und kleine Mittelalter-Fans ihr Hobby voll und ganz ausleben. Organisiert haben das zweitägige Spektakel die Stolberger Burgritter. 90 Aktive tauchen für zwei Tage ein in eine vergangene Zeit. Ihr Zelte und Feurstellen haben sie auf dem Parkplatz und auf der angrenzenden Wiese errichtet.

In der Kampfarena auf dem Faches-Thumesnil-Platz klirren die Schwerter. Der Schweiß rinnt in Strömen. Das liegt in erster Linie am hohen Gewicht von Kettenhemd und Helm sowie an der dick wattierten Schutzbekleidung. „Das ist ein Freikampf mit mittelalterlichen Waffen. Beim Freikampf weiß ich vorher nicht, was der Gegner machen wird”, erklärt Hans von Gersdorff, der im wahren Leben Jörg Jelinski heißt. „Hans von Gersdorff war ein Wundarzt und Kämpfer aus dem 14. Jahrhundert, der als Erster ein chirurgisches Handbuch verfasst hat”, erzählt der 44-Jährige von der Coelner Schar. Die Schwerter seien stumpf, „aber trotzdem ist mit einem gut platzierten Hieb leicht ein Knochen zu brechen”, betont Georg von Krinfelde (Jörg Naumann), der den durstigen Kämpfer immer wieder Wasser einschenkt.

Strenges Regelwerk

„Da wir alle am Montag wieder zur Arbeit gehen wollen, halten wir uns an ein strenges Regelwerk, das ?Zeit der Schwerter heißt. Dort ist genau beschrieben, was beim Freikampf erlaubt ist und was nicht.” Die Kämpfe dauern im Schnitt zwischen zwei und fünf Minuten. „Ein echter Kampf war allerdings nach wenigen Sekunden bereits vorbei”, erzählt der Stolberger Burgritter Thomas Oljenik. Es war eine Frage von Leben und Tod: „Die haben aufeinander eingedroschen, bis einer am Boden lag. Selbst wenn bei der Verletzung keine lebenswichtigen Organe oder Arterien verletzt wurden, war das kein Glück”, sagt der 44-Jährige und denkt dabei an Wundstarrkrampf. „Es war besser, im Kampf getötet zu werden, als dahinzusiechen.”

Nur wenige Meter entfernt schiebt Bruder Leonard einen Fladen in den Ofen. Doch Bruder Leonard ist in Wahrheit eine Frau: „Mit Frauenrollen habe ich mich nie identifizieren können”, erklärt Lydia Heß (36) aus Mönchengladbach. Wie Bruder Leonard trägt auch Frater Gunter von Roberville (Günter Kleiber) ein weißes Gewand mit einem blutroten Kreuz darauf - das Erkennungsmerkmal der Templer. Noch vor wenigen Minuten stand der 45-jährige Templer in der Kampfarena.

Page bei den Templern ist seit kurzem Fabian Hahnengreß (14) aus Roetgen. Es sei ein Erlebnis, in eine andere Zeit einzutauchen „und mal nicht vor dem Computer zu sitzen”, erklärt der Schüler, der mit seiner Familie am Rollenspiel teilnimmt. Besonders die Schwertkämpfe findet er spannend. „Schwertkämpfe kann man auch am Computer spielen”, bemerkt sein Bruder Florian (12), „aber das hier ist viel interessanter.”

Dass dieses Hobby etwas für die ganze Familie ist, war für die Eltern, Hans-Josef und Annette Hahnengreß, das entscheidende Argument. „Hier kann ich richtig vom Alltag abschalten”, sagt der 39-Jährige, „und jeder von uns findet die Nische, die ihm gefällt.”

Die Antworten auf die fiktive Frage, ob sie sich für Gegenwart oder Vergangenheit entscheiden würden, fallen sehr unterschiedlich aus. „Es ging damals sehr unhygienisch zu, und es gab zu viele Kriege”, sinniert Fabian Hahnengreß. „Die Wahrscheinlichkeit zu sterben war hoch, darum lebe ich lieber im 21. Jahrhundert als im Mittelalter.” Seine Mutter hat andere Prioritäten: „Der Zusammenhalt innerhalb der Familie, aber auch im Ort war im Mittelalter stärker ausgeprägt. Viele der Sorgen, die eine Familie heute hat, gab es damals nicht”, würde die Frau aus Roetgen gerne die Zeit zurückdrehen.