Berzelius Bleihütte: Ruhepause ist am Binsfeldhammer vorbei: Produktion läuft wieder

Berzelius Bleihütte : Ruhepause ist am Binsfeldhammer vorbei: Produktion läuft wieder

Wenn sechs Wochen lang Stillstand herrscht, kann das die geschäftigste Zeit des ganzen Jahres sein. Nach sechs Wochen Ruhepause ist am Binsfeldhammer wieder die Produktion angelaufen. Planmäßig, auch wenn der geplante Stillstand die Belegschaft und ein ganzes Heer von externen Mitarbeitern immer wieder vor ungeahnte Herausforderungen stellt.

Aber wesentlich vorhersehbarer und überlegter als die Wahl eines Regierungschefs steht der Berzelius Bleihütte diese Instandhaltungs- und Verjüngungskur ins Haus.

Ein Blick in den 33 Meter langen und 3,5 Meter großes QSL-Reaktor, der mit zwei neue Schichten spezieller Steine ausgemauert wird. Foto: Georg Phlipsen

„Alle sechs Wochen gibt es einen Tagesstillstand, bei dem die Anlagen unter Temperatur bleiben, für die aktuellen Instandhaltungen“, sagt Dr. Urban Meurer. Alle zwei Jahre erfolgt ein „kleiner Stillstand“: zwei Wochen, in denen repariert und erneuert wird, was erforderlich ist.

Ein Blick in den 33 Meter langen und 3,5 Meter großes QSL-Reaktor, der mit zwei neue Schichten spezieller Steine ausgemauert wird. Foto: Jürgen Lange

Aber alle vier Jahre geschehen in der Bleihütte wirklich große Dinge. Umfangreiche Wartungsarbeiten, die nur bei herunter gefahrenen Aggregaten erfolgen können, machen in dieser Zeit nur einen Teil der Arbeiten aus. Ein weiterer ist die Integration neuer Ideen, Innovationen, Entwicklungen und Verbesserungen in den Produktionsprozess, die bei Berzelius immer einhergeht mit einem verbesserten Emissionsverhalten. Jeweils rund sechs Millionen Euro fließen in diesem Jahr in Ersatz- und Innovationsinvestitionen und weitere sechs Millionen in Reparaturen.

Neue Lebensader: Einst verlief hier die frühere Zweifaller Straße mitten durch die Hütte. Sie dient längst als Werksstraße und wird nun neu asphaltiert. Foto: Jürgen Lange

Wenn ein paar Hundert Quadratmeter Hauptstraße in der Öffentlichkeit neu asphaltiert werden, ist das in Stolberg immer wieder ein Thema. Wirklich herausragend ist das Ereignis für einen Industriebetrieb mit Rund-um-die-Uhr-Betrieb, wenn die Lebensader für den Werksverkehr eine neue Asphaltpiste erhält — mit allem was für eine umweltgerechte Erfassung von Regenwässern dazugehört. „Das geht nur, wenn Stillstand herrscht“, sagt Meurer.

Millimeterarbeit ist die Positionierung des neuen Trockenturms zwischen bestehende Aggregate. Vor Ort werden die Keramikelemente eingeschichtet. Foto: Jürgen Lange

Das gilt aber viel mehr, wenn die lebenswichtigen Organe der Produktion erneuert werden. Das gilt nicht nur für die 2009 installierte und völlig neu entwickelte Bayqik-Anlage zur Gewinnung von Schwefelsäure. Nach einer guten Performance erfährt sie ihre erste große Wartung. Aus den Erfahrungen mit dem Betrieb wird jetzt auch der Trockenturm optimiert. Thomas Bültmann, Experte für Wartung und Instandsetzung in der Hütte, und Georg Phlipsen als Leiter der Rohhütte, haben ein besonderes Augenmerk auf die neue Errungenschaft.

Eine spannende Zeit ist der Stillstand für die Berzelius-Ingenieure Gerrit Engel, Knut Esser, Thomas Bültmann und Christiane Tekath (v.l.). Foto: Jürgen Lange

Neun Meter hoch und 3,50 Meter im Durchmesser misst das Aggregat, das mit Autokränen auf dem historisch zugewachsenen Betriebsgelände vorsichtig an seinen Platz gehievt und verankert wird. Vor Ort erfolgt die Innenverkleidung: Zuerst mit säurefesten Plättchen. Dann folgt ein aufs Maß gefertigtes Wabensystem aus Keramikelementen — elf Schichten zu 30 Zentimeter werden von den Arbeitern wie ein Mosaik im Rund des Trockenturms zusammengefügt.

Für den Einsatz der externen Mitarbeiter ist eigens ein Container-Dorf auf dem Betriebsgelände am Binsfeldhammer errichtet worden. Foto: Jürgen Lange

Derweil sind andere Beschäftigte mit den Ausbauarbeiten an Rohrverbindungen und Öffnungen beschäftigt. Alles muss Hand in Hand und mit äußerster Sorgfalt einhergehen. Darauf haben auch Christiane Tekath und Gerrit Engel, als Assistenten in Instandhaltung und Rohhütte ein Augenmerk. Gleichzeitig ist der große Stillstand auch ein großes Erlebnis für die noch jungen Ingenieure im Kreise der Berzelius-Belegschaft.

Zusätzlich zur 280-köpfigen Stammbelegschaft sind insgesamt gut 450 externe Mitarbeiter während dieser Kur um die Gesundheit der Bleihütte engagiert. Arbeits- und Gesundheitsschutz steht bei Berzelius an erster Stelle, und daher greift Thorsten Schmitz „Leiter Gesundheitsschutz“ auf professionelle externe Unterstützung von Dr. Gabriele Dieken und Dr. Nicole Scotti zu. Noch bevor ein einziger „Fremdarbeiter“ einen Fuß auf das Hüttengelände setzten darf, erfolgt mehr als eine Unterweisung in die umfassenden Sicherheitsvorschriften am Binsfeldhammer.

Medizinische Untersuchungen stehen ebenso auf der Liste wie Bekleidungs- und Verhaltensvorschriften, die zu beachten sind. Kontinuierlich wieder werfen die Sicherheitsfachleute ein Auge auf das tatsächliche Verhalten. Immer wieder, wenn nötig, ist dann ein freundlicher, aber bestimmter Verweis darauf zu hören, dass Helm oder Atemschutz zu tragen sind oder Werkzeug nicht einfach auf eine Treppe abgelegt werden darf. Dieken, Scotti und Schmitz achten penibel darauf, dass bei aller Routine der Fachkräfte die Sicherheit am Arbeitsplatz nicht zu kurz kommt.

Apropos Routine. Das Zusammenfügen der Steine im Herzstück der Bleihütte mag für die Ofenmaurer Routine sein. Aber eben nur alle vier Jahre erhält der 33 Meter lange QSL-Reaktor ein neues Innenleben. In der Röhre mit einem Durchmesser von 3,5 Meter wird aus den Rohstoffen durch Oxidation Werkblei mit seinen metallischen Verunreinigungen wie Kupfer, Silber, Gold und anderen Edelmetallen, Antimon und Wismut gewonnen. Sie können in weiteren Herstellungsschritten separiert werden.

Aber der mit 1200 Grad betriebene QSL-Reaktor, in den Sauerstoff per Düsen eingeblasen wird, muss als Herz der Produktion besonderen Herausforderungen Stand halten: Heißes Metall und Schwefeldioxid Entsprechend besteht die innere Verkleidung aus zwei Schichten unterschiedlicher Materialien: Auf die innere Wand wird eine dünnere Schicht Schamottplatten gemauert. Auf diese wiederum ein dickerer Chrommagnesitstein, der resistent gegen heißes Metall und Schwefeldioxid ist.

Auch hier gilt die Liebe dem Detail. Die konisch vorgeschnitten angelieferten Elemente müssen nicht nur passgenau zu einem Ganzen zusammengefügt werden, sondern auch das Wiederanfahren des Reaktors erfolgt nach einem minuziösen Zeit- und Temperaturplan. „Dabei erfolgt eine Phasenveränderung im Stein durch die wir die chemische Oberfläche so erhalten, wie wir sie für die dauerhafte Produktion benötigen“, bringt Produktionsleiter Knut Esser schwierige physikalische und chemische Prozesse auf den Punkt. Und die Wartung des QSL-Reaktors ist der Punkt, nach dem sich alle anderen Abläufe am Binsfeldhammer in diesen sechs Wochen richten müssen.

Dazu zählt auch eine Wartung, die sich auf den ersten Blick als ein Sandkastenspiel anhört: Zuerst das runde, dann muss das eckige Eimerchen ins Röhrchen. Das „Spiel“ erfordert höchste Sorgfalt und Geschicklichkeit, denn es dreht sich um einen hochsensiblen Katalysator im Produktionsprozess. Der zählt exakt 1602 Röhren, die zuerst gesäubert werden müssen, nachdem die bisherigen Reaktionsstoffe entnommen worden sind. Dann müssen sie immer in der vorgegebenen Reihenfolge von Hand wieder befüllt werden mit zwei unterschiedlichen Materialien. Die stehen zur besseren Unterscheidung genau dosiert in Eimern mit eckigem oder rundem Deckel bereit.

Mittlerweile ist auch diese Herausforderung gemeistert. Der große Stillstand ist wieder durch die volle Produktion abgelöst. Die Herausforderungen für Urban Meurer und sein Team sind nicht geringer geworden.

Er sitzt an den Budgetplanungen für die nächsten drei Jahre. Die sollen die weitere Entwicklung am Binsfeldhammer ebenso widerspiegeln wie sie auf die Lage am Weltmarkt reagieren müssen. Der ist aus Sicht Meurers durch „unlauteren Wettbewerb“ Chinas geprägt. Berzelius lebt in erster Linie von den Schmelzlöhnen — das Entgelt, das die Hütte von der Aufbereitung der Rohstoffe in Blei, Kupfer, Silber und Gold erhält. Aufgrund subventionierter Kosten lohnt es sich alleine schon durch den Preisunterschied, die Konzentrate zur Aufbereitung in das „Land des Lächelns“ zu verschiffen.

Erschwerend kommt hinzu, dass nicht ausreichend Konzentrat für die Produktion in Stolberg am Weltmarkt beschafft werden kann. Mit der Folge, dass die erst vor zwei Jahren ausgebaute Silberhütte bei weitem nicht ausgelastet ist. Eine Konsequenz hat Berzelius bereits gezogen. Eigene Einkäufer sollen gleich bei den Bergwerken in Südamerika die spezifischen Konzentrate im gewünschten Umfang beschaffen.

Ein anderer Blick gilt der Logistik in und auf dem Wege nach Stolberg. Durch den Ankauf des benachbarten Firmengeländes hat die Bleihütte am beengten Binsfeldhammer wertvolle Expansionsfläche geschaffen. Als Puffer hilft das Gelände bereits, bei der morgendlichen Anlieferungs-Rushhour die wartenden Lkw von der Zweifaller Straße zu holen. Nachgedacht wird aber über eine weitergehende und grundlegende Verbesserung der Eingangssituation des Werkes.

Zudem spielen Stolbergs Pläne, den Hauptbahnhof als Euregio-Railport zu einem Hinterland-Terminal der Nordseehäfen auszubauen, in die Budget-Planungen hinein. Denn zukünftig möchte Berzelius seine Rohstoffe vermehrt als Schüttgut in Containern beziehen. Durchaus aus Sicherheitsgründen angesichts der wertvollen Inhaltes, aber auch aufgrund kleinerer Einheiten unterschiedlicher Spezifität. Eine Voraussetzung für den umweltfreundlichen Bahntransport wären entsprechende Umschlagsmöglichkeiten in Stolberg.

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