Rüstbach-Viadukt wird gesprengt

Rüstbach-Viadukt : Eine Sprengung, die ein Startschuss ist

Den ersten großen Knall hat es im September 1944 gegeben. Damals haben deutsche Truppen die Brücke auf ihrem Rückzug gesprengt. Nach 75 Jahren wurde das Rüstbach-Viadukt jetzt erneut in die Luft gejagt. Damit wird der Weg der Euregiobahn nach Breinig frei.

In 320 Meter Entfernung sind bereits die fliegenden Steinbrocken und die Staubwolke erkennbar, bevor der Knall und die Druckwelle die Sicherheitsabsperrung erreichen. Um 10.43 Uhr endet die Geschichte des 138 Jahre alten Rüstbach-Viaduktes mit einer Sprengung. Und damit 75 Jahre, nachdem deutsche Truppen auf ihren Rückzug im September 1944 erstmals die Brücke der Zubringerroute zur Vennbahn in die Luft gejagt hatten. US-Truppen setzten das Bauwerk schnell wieder instand. Jetzt ist die Sprengung gleichzeitig der Startschuss zur Befahrbarmachung der Bahnstrecke zwischen Altstadt und Breinig Bahnhof. Im Dezember soll die Euregiobahn den fahrplanmäßigen Verkehr aufnehmen.

Das ging nicht mit dem bisherigen Viadukt. Nur im Schritttempo durften Züge passieren. Die Euregiobahn soll mit 60 km/h über den Brückenneubau brausen, der innerhalb der nächsten sechs Monate das Tal überspannen soll.

Zuerst hatte die Euregio Verkehrsschienennetz GmbH (EVS) über einen konventionellen Abriss das historischen Bauwerkes nachgedacht. „Das wäre aber zu gefährlich gewesen“, sagt der zuständige Abbruchunternehmer Dr. Peter Kamrath – für die Arbeiter ebenso wie für Passanten. „Die Sprengung ist einfach sicherer“, so Kamrath.

Rüstbach-Viadukt in Stolberg gesprengt

Es ist ein Job für Sprengmeister André Schewcow. Erst im Februar hatte der Geschäftsführer der Deutschen Spreng Union GmbH für Schlagzeilen gesorgt mit der reibungslosen Sprengung des Kohlekraftwerks Knepper bei Dortmund. Reibungslos läuft es an dem windstillen Morgen auch hier in der Rüst. „Die Bogenbrücke ist aus Naturstein mit einem aufgesetzten und mittig geteilten Stahlgerüst“, sagt der 39-Jährige. Das bietet den Charme, dass bei der Sprengung die Steine einfach aus dem Mörtel und das Stahlgerüst in der Mitte zusammenfällt. Und auch der Stahlebetonkranz, mit dem die EVS 2010 einen Mauerpfeiler stabilisiert hatte, zerbröselt in sich. Zusammengehalten werden die Betonspitter nur noch durch die kräftige Armierung: „Eine leichte Aufgabe für die Bagger“, sagt Schewcow.

170 Kilogramm gelantinöser Sprengstoff auf Basis von Ammonium und Salpeter haben Schewcow und sein Team auf 80 Bohrlöcher verteilt. Bis zu acht Mitarbeiter haben in den vergangenen zehn Tagen die Sprengung vorbereitet, Sprenglöcher gebohrt, Kies als Prallschutz aufgefahren, das Bauwerk mit Filzbahnen und Gummimatten abgesichert. Die Sprengung wird so vorbereitet, dass die Brücke in Richtung Rüst zusammenbrechen soll.

Denn auf der anderen Seite steht in 42 Meter Entfernung das nächste Haus. Für den Zeitraum der Sprengung werden 14 Anwohner kurzzeitig evakuiert. Einige verfolgen das Schauspiel aus sicherer Entfernung, andere bleiben ihm lieber fern. Sicherheitshalber rücken Ordnungsamt, Polizei und die Feuerwehr mit einem Löschzug und zwei Rettungswagen an. Beamte des Dezernates Sprengstoffwesen der Kölner Bezirksregierung sind ebenso vor Ort.

Geben den Startschuss für den Ausbau (v.l.): Thomas Fürpeil, Heiko Sedlaczek, Tim Grüttemeier und Christian Hartrampf. Foto: Jürgen Lange

Bevor es losgehen kann sorgt ein Dutzend Sicherheitsposten dafür, dass im Umkreis von 320 Meter kein Passant oder zu neugieriger Zuschauer in den Gefahrenbereich gelangen kann. Die Kabel zum Zünder ziehen Schewcows Männer von der Brücke bis zum Wasserwerk in der Rüst. Bevor es soweit ist, sondieren die Experten noch einmal mit Argusaugen die Umgebung. Und siehe da. Auf der Akkuhalde von Berzelius haben sich doch noch zwei Beobachter gewagt. Sie müssen erst den „Feldherrenhügel“ geräumt haben, bevor der Coutdown losgehen kann. Dann erklingt das Warnhorn. Um 10.43 Uhr wird die Sprengladung gezündet.

Aus der Ferne sieht man zuerst die Natursteine fliegen, in Sekundenbruchteilen breitet sich eine Staubwolke aus. Erst dann sind Knall und Druckwelle zu verspüren. Nicht viel höher als bis zur Bahntrasse reicht die Staubwolke, die rasch zu Boden geht. Zwei Minuten nach der Sprengung wird das Ausmaß des Erfolgs aus der Ferne sichtbar. Die Bogenbrücke liegt am Boden, der zerbeulte Stahl obendrauf.

Während die Aufräumarbeiten anlaufen, zieht Schewcow kurz Bilanz. „Aus unserer Sicht ist alles bestens gelaufen.“ Keine zehn Meter weit sind die Steine geflogen. Die Messungen der Erschütterungen ergaben, der DIN-Wert von vier Millimeter ist bei weitem unterschritten worden, wie auch Walter Werner, der mittlerweile pensionierte Sprengmeister aus Stolberg bestätigt, der es sich nicht hat nehmen lassen, das Ereignis zu begleiten.

Als am frühen Nachmittag die Vertreter von EVS, NVR und Städteregion vor Ort den offiziellen Start der Streckenreaktivierung geben, ist die Baustelle bereits deutlich aufgeräumt. Anfang nächster Woche soll die Straße wieder frei sein.

Als Städteregionsrat und Beiratsvorsitzender der EVS erinnert Tim Grüttemeier noch einmal kurz an das lange Drängen auf den Anschluss Breinigs an die Euregiobahn: „Heute ist ein besonderer Tag für Stolberg und die Städteregion, dass wir Breinig an das Netz anschließen können.“ Die Infrastruktur in der Region werde weiter verbessert, „und wir haben einen weiteren Schritt getan, eine Euregiobahn-Verbindung bis Eupen zu bekommen.“

Aus Sicht des Nahverkehrs Rheinland bremst Heiko Sedlaczek diese Erwartungshaltung. „Die belgische Seite weiß, dass die Anbindung Eupens an die Euregiobahn ein Projekt für uns ist, allerdings für den Nahverkehr Rheinland garantiert nicht, bevor ein Intercita-Zug aus Belgien den Aachener Hauptbahnhof erreicht“, sagt der NVR-Geschäftsführer. Mit der Ausweitung der Strecke in Belgien ab Lüttich auf einen Halbstundentakt endet ein Zug in Eupen, einer in Welkenraedt, während der aus Aachen kommende Intercity über Welkenraedt nach Spa fahre. Die Kunden wünschten aber eine Direktverbindung zwischen Aachen, Lüttich und Brüssel, wobei die belgischen Kollegen die Chancen auf eine Direktverbindung von Lüttich über Aachen nach Köln hätten, so Sedlaczek weiter. Dabei gelte es aber auch technische Probleme zu lösen. Erst mit Aufnahme einer Intercity-Direktverbindung nach Aachen, so wie jetzt mit Maastricht erfolgt, sei der NVR bereit über eine Anbindung Eupens an die Euregiobahn zu reden.

Immerhin investieren der NVR und die EVS jetzt erst einmal etwa 6,2 Millionen Euro in die Ertüchtigung der Strecke zwischen Altstadt und Breinig. Der NVR steuert knapp 4,5 Millionen Euro bei, die EVS trägt einen Eigenanteil von gut 1,6 Millionen Euro. Alleine die Arbeiten rund um das Viadukt verursachen Kosten in Höhe von gut drei Millionen Euro. Sie umfassen den Neubau und die Sanierung des Gleisoberbaus und der Schienen auf einer Länge von insgesamt etwa 600 Metern auf, vor und nach dem Viadukt.

Daneben wird im Breiniger Bahnhof der Haltepunkt „Auf der Heide“ modernisiert: Der künftig 45 Meter lange Bahnsteig wird auf 76 Zentimeter erhöht und barrierefrei gestaltet. Weiterhin sind auf einer Länge von 1,3 Kilometern die Sanierung des Streckenoberbaus, der Neubau einer Umfahrung mit zwei Weichen und entsprechender signaltechnischer Ausstattung im Bahnhof Altstadt sowie die Signal- und sicherungstechnische Anbindung eines Firmengleisanschlusses geleistet werden.

„Und außerdem möchten wir noch bis nach Baesweiler fahren“, sagt Geschäftsführer Christian Hartrampf und markiert damit weitere Ziele der EVS.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die endgültige Sprengung des Rüstbach-Viaduktes

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