Praxisintegrierte Ausbildung stellt vor Herausforderungen

Praxisintegrierte Ausbildung für Erzieher : Einige Fragen sind noch nicht geklärt

Als Mandy Richter vor rund elf Jahren am Berufskolleg Simmerath/Stolberg ihren Dienst antritt, werden zwei Klassen mit Erziehern ausgebildet. Sie betreuen vor allem den Nachwuchs in den Kindergärten.

Mit und mit kommen im Laufe der Jahre Einrichtungen hinzu, die auch Kinder unter drei und unter zwei Jahren aufnehmen und damit erhöht sich auch die Anzahl der Klassen am Berufskolleg. Heute ist der Zweig in der Erzieherausbildung sechszügig – und damit sei man sowohl räumlich als auch personell an die Grenzen gekommen, sagt Richter. Fachkräftemangel gibt es dennoch. Die sogenannte Praxisintegrierte Ausbildung (PiA), die das Berufskolleg Simmerath/Stolberg ab dem Sommer anbieten möchte, könnte Abhilfe schaffen – allerdings nur, wenn auch die Träger mitspielen. Doch dazu später mehr.

In der klassischen Erzieherausbildung werden Theorie und Praxis voneinander getrennt unterrichtet. In der PiA sieht das anders aus. Ein typischer Arbeitstag könnte für die Auszubildenden so aussehen: Am Morgen steht die Theorie in der Schule an, am Nachmittag wird dann in einer Einrichtung gearbeitet – beispielsweise im Offenen Ganztag. Da man sich die gesamte Ausbildung über in Praxis und Theorie befinde, finde so auch eine kontinuierliche Verzahnung statt. „Im Idealfall setzen die Studierenden das, was sie am Vormittag gelernt haben, am Nachmittag um und nehmen das, was am Nachmittag passiert, mit in den Unterricht am nächsten Tag“, meint Richter.

Offener Ganztag und Kita

Warum man am Berufskolleg Simmerath/Stolberg ab Sommer auf die PiA setzen will? Vom Träger Akifa (Alsdorfer Kinder individuell fördern und anregen) aus Alsdorf sei man angesprochen worden, ob man eine Kooperation eingehen und die PiA-Form an der Schule etablieren wolle. Entsprechende Gespräche mit der Bezirksregierung wurden geführt und so konnte der neue Ausbildungszweig in den vergangenen Monaten entsprechend vorbereitet werden. Bei diesem Ausbildungsgang kooperiert das Berufskolleg Simmerath/Stolberg mit der Käthe-Kollwitz-Schule in Aachen. Am Berufskolleg Simmerath/Stolberg liegt der Schwerpunkt im Bereich des Offenen Ganztags, an der Käthe-Kollwitz-Schule steht der Kita-Bereich im Vordergrund. Festgelegt auf ein Arbeitsfeld sind die Schulen allerdings nicht, man habe lediglich Schwerpunkte gesetzt, macht Richter deutlich.

Sie und ihre Kolleginnen Barbara Alam, Dr. Sabine van Nek und Karin Bayer halten die PiA für „zukunftsweisend“. An wen sich die Ausbildung richten soll? Richter und ihre Kolleginnen sehen nicht unbedingt junge Frauen, die gerade von der Schule kommen, im Fokus. „Gerade für diejenigen, die schon länger berufstätig sind, ist die PiA besonders interessant“, meint Barbara Alam.

Mandy Richter, Barbara Alam, Dr. Sabine von Nek und Karin Bayer (v.l.) meinen, dass die Praxisintegrierte Ausbildung „zukunftsweisend“ sei. Foto: ZVA/Sonja Essers

Schließlich sei ausgebildetes Fachpersonal in vielen Einrichtungen des Offenen Ganztags oftmals Mangelware. Aushilfskräfte, Mütter oder 400-Euro-Jobber seien eher vorhanden als pädagogische Fachkräfte. „Wenn mehrere Generationen durch die OGS gehen, ist es immens wichtig, dass es auch eine pädagogische Begleitung gibt“, meint Dr. Sabine von Nek und fügt hinzu: „Gerade für Menschen mit Lebenserfahrung, die vielleicht schon in der 1-zu-1-Betreuung oder als Inklusionhelfer arbeiten, aber keine abgeschlossene Berufsausbildung haben, greift dieses Modell eher.“

Ein Vorteil, den die PiA mit sich bringe: Die Ausbildung wird vergütet – und zwar nach Tarif. In der klassischen Ausbildung ist das nicht der Fall. Erst im dritten Ausbildungsjahr – dem sogenannten Berufspraktikum – verdienen die Auszubildenden Geld. Allerdings können sie während ihrer Ausbildung Bafög beantragen. Doch der neue Tarifabschluss sorge bei Trägern und Schulen für Wirbel. „Die Gelder müssen erst einmal bereitgestellt werden müssen und in vielen Kommunen wurde der Haushalt schon verabschiedet und die Mittel sind nicht mehr frei“, sagt Richter mit Blick auf das anstehende Ausbildungsjahr.

Eine weitere Herausforderung, die künftig auf die Schulen zukommen könnte: „Es muss geklärt werden, was mit Schülern passiert, die gerne die PiA starten würden, aber keinen Träger finden. Können sie dann automatisch in die Vollzeitausbildung wechseln? Das werden Fragen sein, die wir in Zukunft beantworten müssen“, meint Richter.

Vorschlag begrüßt

Bevor die PiA an den Start gehen könne, müssen also noch einige offene Fragen geklärt werden. Bis Mitte März will man damit schon einen ganzen Schritt weiter sein. Dann findet nämlich eine Infoveranstaltung der beiden Schulen statt, in der die Träger über das Modell informiert werden sollen. Bislang sei der Bedarf, den es in der Region gebe, noch nicht abschließend geklärt. Ist dies geschehen, könne man erst sagen, wie viele Stellen an den Schulen für die PiA eingerichtet werden müssen. Am Berufskolleg Simmerath/Stolberg könnten das eine oder auch zwei Klassen sein. Wichtig sei nur, dass man die Sechszügigkeit des Jahrgangs nicht überschreite. Dennoch sei man guter Dinge, diese gemeinsame Herausforderung in Zukuft bewältigen zu können. Schließlich müsse man bei dem hohem Fachkräftemangel flexibel bleiben und immer wieder in den Austausch und die Kooperation mit anderen Partnern gehen.

Die Stadt Stolberg hat bereits Vorbereitungen für einen ersten Schritt getroffen. Im Personalausschuss wurde darüber diskutiert, ob ab dem kommenden Ausbildungsjahr bis zu vier Stellen eingerichtet werden sollen. Die Politik begrüßte dies. Die Entscheidung fällt allerdings erst am Dienstag, 19. März. Dann kommen Hauptausschuss und Rat zu ihren Sitzungen zusammen.

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