Mit dem ersten Schritt ist es nicht getan: Pflegenotstand ist auch ein Thema in Stolberg

Mit dem ersten Schritt ist es nicht getan : Pflegenotstand ist auch ein Thema in Stolberg

„In Stolberg gibt es keinen Pflegenotstand. Aber wenn beispielsweise die Grippewelle herrscht, wirkt sich das nicht nur auf die Patienten, sondern auch auf die Mitarbeiter aus. Dann kommen auch wir an unsere Grenzen. Für solche Situationen brauchen wir mehr Puffer“, sagt Dirk Offermann, Geschäftsführer des Bethlehem-Gesundheitszentrums.

Was kann die Politik leisten, um die Menschen zu stärken? Wie wird sich das neue Pflegestärkungsgesetz auswirken? Und wie bereitet sich das Bethlehem-Gesundheitszentrum darauf vor? Fragen wie diese sollen heute Abend geklärt werden. Zum Thema „Pflegenotstand in NRW, Pflegeberufe – Verantwortung für die Zukunft“ lädt die CDU Stolberg gemeinsam mit dem Stolberger Krankenhaus für Mittwoch, 15. Mai, um 18.00 Uhr in den Kupferpavillon (Living) am Kaiserplatz ein.

Am Bethlehem gebe es einen engen Personalschlüssel und man würde gerne noch mehr Menschen einstellen und ausbilden, sagt Offermann. Doch das sei gar nicht so einfach. Dass sich in der Vergangenheit diesbezüglich eine ganze Menge getan hat, zeigt auch ein Blick auf die Zahlen der vergangenen 20 Jahre. Laut Erhebungen des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Patienten von 15,2 Millionen im Jahr 1996 auf 19,5 Millionen im Jahr 2017 gestiegen. Macht ein Plus von rund 26 Prozent. Die Verweildauer ist indes um rund ein Drittel gesunken – von elf Tagen auf 7,3 Tage. Der Aufwand – beispielsweise im Rahmen der Aufnahme – bleibe allerdings gleich.

Auch die Entwicklungen im Bereich Personal sagen eine Menge über die heutige Situation aus. Während beispielsweise in der Administration die Zahlen kontinuierlich steigen, nehmen sie in der Pflege ab. Waren in letzterem Bereich 1996 noch 350.000 Menschen beschäftigt, waren es 2014 insgesamt 320.000 und 2017 dann 328.000 Menschen. Heißt im Alltag: Weniger Personal muss sich um mehr Patienten kümmern. Kamen 1996 im Jahresdurchschnitt noch 46 Patienten auf jede Pflegekraft so waren es im Jahr 2014 bereits 60 Patienten pro Pflegekraft. Das macht eine Steigerung um 38 Prozent.

Doch was kann getan werden, um diesen „dringenden Personalbedarf“, wie Offermann ihn nennt, in den Griff zu bekommen? Ein wichtiger Aspekt sei dabei die Ausbildung, weiß Carsten Mathar, Leiter des Franziska Schervier Schul- und Bildungszentrums. Dort stehen insgesamt 300 Ausbildunsgplätze zur Verfügung. Derzeit gebe es allein in Nordrhein Westfalen rund 12.000 offene Stellen. Demgegenüber stehe allerdings ein Rückgang an Bewerbern. „Allein in den vergangenen fünf Jahren sind die Zahlen um 50 Prozent gesunken“, sagt Mathar. Und wirft einen sorgvollen Blick in die Zukunft. Durch die erneute Umstellung von G8 auf G9 rechne man damit, dass zum Schuljahr 2025/2026 die Zahl der Schulabgänger um 35.000 sinke. „Das wird ein Riesenproblem“, ist Mathar sich sicher.

Ein weiteres Problem: Die zusätzlichen Ausbildungsplätze müssten erst einmal geschaffen werden. Ein entsprechender Ausbau der Schulen werde allerdings nicht finanziert. Eine wichtige Aufgabe sei es deshalb, die Pflegeberufe für junge Menschen attraktiver zu machen. Dafür sei der „erste Aufschlag“ bereits gemacht, sagt Offermann. Der Grundstein dafür sei durch das neue Pflegestärkungsgesetz (siehe Infobox) gelegt worden. „Die Politik hat erkannt, dass wir mehr Personal brauchen. Wir können es nun einstellen und bekommen es auch bezahlt“, erklärt Offermann.

Doch das ist nicht die einzige Neuerung, die zum 1. Januar dieses Jahres in Kraft getreten ist. Seitdem gibt es nämlich auch die sogenannte Personaluntergrenzenverordnung. In verschiedenen Bereichen – beispielsweise in der Intensivpflege – wurde per Gesetz ein Personalschlüssel festgelegt. Wird dieser nicht eingehalten und die Pflegekräfte kümmern sich um mehr Patienten als festgelegt, muss die Einrichtung Strafen zahlen. Dies kann nur umgangen werden, wenn man sich dazu entscheidet, zusätzliche Patienten abzulehnen.

Auf diese Weise entstehe für die Mitarbeiter ein ungeheurer Druck, weiß Bethlehem-Pflegedirektion Agnes Gerden-Schmitz. „Als Einrichtung wird man dafür sanktioniert, dass man den Menschen hilft“, sagt sie. Seit dem 1. April gebe es die Sanktionen. Offermann und seine Kollegen wollen allerdings dafür kämpfen, dass diese erst einmal wieder gekippt würden. „Man könnte die Sanktionen einführen, wenn auch mehr Pflegekräfte im System sind. Es ist ja ein netter Anreiz, wenn wir mehr Personal einstellen können, aber das muss auch erst einmal drei Jahre ausgebildet werden“, sagt Offermann.

Und eine weitere Sache müsse sich dringend ändern: die Bezahlung. Es gebe sicherlich Berufe, die schlechter vergütet würden. Aber ob man von der Bezahlung in den Pflegeberufen seine Familie ernähren, ein Haus bauen und ein Auto finanzieren könne, sei fraglich. Von Seiten des Bethlehems würde man mehr zahlen, allerdings dürfe man die Angestellten nur nach Tarif bezahlen. Bei der heutigen Veranstaltung sind nicht nur alle Stolberger willkommen und können ihre Meinung äußern. Es soll auch um die Meinung der Auszubildenden gehen.

Gerade für junge Menschen sei es wichtig, verlässliche Dienste zu haben und so eine entsprechende Work-Life-Balance gewährleisten zu können. „Die grundsätzliche politische Ausrichtung wird befürwortet. Aber damit alleine ist es nicht getan. Nun muss es auch weitergehen“, sagt Offermann.

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