Stolberg/Monschau: Obdachlosigkeit: Der schwere Weg in ein normales Leben

Stolberg/Monschau : Obdachlosigkeit: Der schwere Weg in ein normales Leben

Eigentlich war das Leben von Frau und Herrn S. nahezu perfekt. In Monschau lebten sie gemeinsam mit ihrem Hund in einem kleinen Häuschen zur Miete. Herr S. hatte einen Job, der ihm Spaß machte und Frau S. erwartete Nachwuchs. Ihre Namen wollen die beiden nicht in der Zeitung lesen. Der Grund: Das idyllische Leben, das Frau und Herr S. einst führten, gehört mittlerweile der Vergangenheit an.

Heute lebt das Paar auf dem ehemaligen Zincoli-Gelände. Das Kind hat Frau S. verloren. Sie schlafen in einem geschenkten Zelt und haben sich selbst eine Dusche und eine Toilette gebaut. Frau und Herr S. sind obdachlos — und das, obwohl sie es gar nicht sein möchten. Doch der Weg zurück in ein normales Leben ist schwer — wie an ihrem Beispiel deutlich wird.

Zwangsräumung

Angefangen hat die Misere des Paares im vergangenen Jahr. Herr S. wurde arbeitslos. Gerade erst hatte das Paar ein Haus gefunden und angemietet. Da Herr S. nur wenige Monate in dem Unternehmen tätig und zuvor lange Zeit selbstständig war, erhielt er kein Arbeitslosengeld, sondern Hartz IV, sagt er. Die erste Auszahlung sei allerdings erst nach vier Monaten auf dem Konto eingetroffen. Zwischenzeitlich kündigte der Vermieter dem Paar und ließ die Wohnung schließlich zwangsräumen. Herr und Frau S. standen von diesem Zeitpunkt an auf der Straße und lebten auch dort.

In Monschau zu bleiben, war für die beiden allerdings keine Option. „Monschau hört auf wunderbar zu sein, wenn man auf der Straße ist“, sagt Herr S. und spielt damit auf fehlende Einkaufs- und Schlafmöglichkeiten an. Für die beiden ging es weiter nach Aachen. Dort machten sie allerdings überwiegend schlechte Erfahrungen. Zwischen „Junkies und Alkoholikern“ hätten sie schlafen müssen.

Zwischenzeitlich wurde Frau S. krank, hätte sich allerdings noch nicht einmal auskurieren können. Von ihren letzten Ersparnissen quartierten sie sich in einem Hotel ein — bis Frau S. wieder gesund war. Fortan schliefen sie in verschiedenen Parks, seien allerdings vom Ordnungsamt immer weiter aus der Stadt gedrängt worden. „Wenn man in so einer Situation ist, gehört man einfach nicht mehr zur Gesellschaft dazu“, sagt Herr S.

Frau und Herr S. entschieden sich, die Stadt zu verlassen und nach Stolberg zu kommen. Dort campierten sie zunächst auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz — bis die Bundeswehr einen Platzverweis aussprach. Jugendliche machten sie auf das ehemalige Zincoli-Gelände aufmerksam. Dort leben sie. Die Stolberger Verwaltung habe ihnen angeboten, sie in der Unterkunft auf dem Kelmesberg unterzubringen oder ihnen eine Fahrt zurück nach Monschau zu zahlen. Beides lehnten Herr und Frau S. allerdings ab, sagen sie.

„Nicht mehr existent“

„Den Ort, an dem ich leben möchte, will ich auch frei wählen. Wir wollen nicht mehr da wohnen, wo wir vorher waren“, sagt Herr S. und seine Partnerin fügt hinzu: „In eine Notunterkunft gehe ich auf gar keinen Fall mehr.“ Als Erkrankte der Persönlichkeitsstörung Borderline könne sie nicht immer Menschen um sich herum ertragen, sagt sie. In Monschau sei das Paar mittlerweile abgemeldet. Auch Ausweise hätten sie beide nicht. „Wir sind eigentlich gar nicht mehr existent“, sagt Herr S.

Wovon das Paar derzeit lebt? „Vom Kappeaufhalten“, sagt Herr S. und redet nach einer kurzen Pause weiter: „Vom Betteln.“ Für Frau S. kommt das nicht infrage. „Ich schäme mich dafür“, sagt sie. Anspruch auf Leistungen hätten die beiden. Eine Wohnung sei dafür keine Voraussetzung, teilt das Jobcenter auf Nachfrage unserer Zeitung mit.

Allerdings müssen obdachlose Menschen eine sogenannte Meldeanschrift einrichten. Diese Möglichkeit gibt es auch in Stolberg — unter anderem bei der Wabe. Damit Menschen ohne festen Wohnsitz trotzdem erreichbar sind, hat die Beratungsstelle im vergangenen Jahr für sie eine Postanschrift eingerichtet. Bedeutet: Klienten können die Adresse der Beratungsstelle bei den Behörden angeben und sind so erreichbar. Nur so können sie auch Sozialleistungen erhalten.

Dass sie allerdings nicht auf Dauer auf dem verseuchten Gelände bleiben können, ist Herrn und Frau S. klar. Das liegt vor allem daran, dass Frau S. wieder schwanger ist. Wann sie ihr Kind erwartet, kann sie allerdings nicht sagen. Beim Arzt war sie bisher noch nicht. „Es muss immer einer von uns hier bleiben. Sonst wird uns das Letzte, das wir haben auch noch gestohlen. Aber ich würde gerne mit meinem Mann zusammen zum Arzt gehen“, sagt sie.

Das ist jedoch nicht das einzige Problem. Vor allem in der Nacht seien sie immer wieder Opfer von Jugendlichen, die sie mit Flaschen oder Steinen bewerfen würden. Aus diesem Grund hätten sie sich mit herumliegenden Bauzäunen abgeschottet.

Und wie soll die Zukunft des Paares aussehen? „Was wir brauchen, ist Hilfe. Wir würden gerne einen Platz finden, an dem wir uns aufhalten können. Oder eine Wohnung“, meint Herr S. Einige Stolberger haben dem Paar bereits geholfen und unter anderem ein Planschbecken, das für Abkühlung an den heißen Tagen sorgen soll, gespendet. Job-Angebote habe Herr S. bereits erhalten, allerdings scheitere es daran, dass er keine Meldeadresse vorweisen könne, sagt er. Fest steht für das Paar, dass es in Zukunft in Stolberg bleiben möchten. „Wir wollen nichts anderes als ganz normal leben“, bringt Herr S. es auf den Punkt.

Hilfe annehmen?

Helfen will auch die Stadt Stolberg. Ein Gespräch zwischen dem obdachlosen Paar und dem Stolberger Sozialamt fand am Dienstagnachmittag statt. Sozialamtsleiter Paul Schäfermeier bot den beiden eine Wohnung in der Unterkunft auf dem Kelmesberg an. Diese sei abschließbar und wäre von der eigentlichen Unterkunft getrennt. Vor Ort traf Schäfermeier allerdings nur Frau S. an und sprach mit ihr.

Auch bei einem erneuten Besuch am Mittwochmorgen war Herr S. nicht vor Ort.Diesmal war Schäfermeier gemeinsam mit einem Mitarbeiter des Sozialdienstes katholischer Männer (SKM) vor Ort. Gemeinsam wollte man dem Paar dazu raten, sich die Wohnung einmal unverbindlich anzuschauen. Dies ist bisher allerdings noch nicht geschehen. Vonseiten der Stadt Stolberg will man diesbezüglich allerdings nicht aufgeben.

Schließlich sei das Gelände für das Paar — und vor allem für die schwangere Frau — nicht der geeignete Wohnort. Darüber hinaus würde sich irgendwann auch das Wetter wieder von seiner schlechten Seite zeigen. Bei kühlen Temperaturen und Regen wäre ein Dach über dem Kopf definitiv die bessere Lösung.

Regelmäßig soll nun auch der SKM vor Ort vorbeischauen und das Paar nun auch mit Wasser versorgen. Und damit nicht genug: Darüber hinaus steht die Stolberger Verwaltung auch im Austausch mit dem Jobcenter. Auch dieses hatte sich dazu bereiterklärt zu helfen.

Es soll bereits am heutigen Donnerstag ein Gespräch darüber geben, wie man dem Paar in Zukunft weiterhin helfen könne. Das bestätigten gestern beide Jobcenter und das Stolberger Sozialamt.