Stolberg-Gressenich: Motorsport-Eurocup in Gressenich: Körperbeherrschung gefragt

Stolberg-Gressenich: Motorsport-Eurocup in Gressenich: Körperbeherrschung gefragt

Es erinnert stark an einen Campingplatz: Dutzende von Wohnwagen und -mobilen, Kleinbusse und -transporter stehen dicht an dicht, man sitzt auf Klappstühlen, unterhält sich. Die Atmosphäre ist familiär.

Ist das Fahrerlager aber erst passiert und das eigentliche Gelände der Motorrad-Sport-Interessengemeinschaft Gressenich (MSIG) erreicht, ist es mit der Beschaulichkeit vorbei. Das Knattern der Motoren ist allgegenwärtig, hier und da staubt es heftig, mehr als hundert Fahrer und zahlreiche Zuschauer bevölkern das Waldgebiet am Kalvarienberg. Der von der MSIG veranstaltete Eurocup im Motorrad-Trial zieht wieder Aktive aus Großbritannien, der Schweiz, Polen, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden an.

„Bei dieser Art des Motorsports spielt Geschwindigkeit keine Rolle. Es geht um Geschicklichkeit, Balance und Körperbeherrschung”, erklärt Bernd Kreutz senior, Geschäftsführer des Gressenicher Vereins. Ziel des Wettbewerbs ist es, in abgesteckten Sektionen verschiedener Schwierigkeitsgrade Wege zu meistern, die eigentlich gar keine sind. Strafpunkte bekommt, wer mit dem Fuß den Boden berührt, seine Maschine ausgehen lässt oder „hinlegt”.

Über Stock und Stein, Wurzeln und Gehölz, durch enge Kurven und atemberaubende Steigungen hinauf manövrieren die Fahrer ihre Trial-Maschinen, die sich von handelsüblichen Enduros mit Straßenzulassung in wesentlichen Punkten unterscheiden: „Eine Trial-Maschine erreicht eine maximale Höchstgeschwindigkeit von etwa 60 Kilometern in der Stunde, da das Getriebe sehr kurz übersetzt ist. Der Tank ist klein, das Motorrad schmal. Weil die Fahrer meist im Sattel stehen, ist dieser spartanisch bis kaum vorhanden, und die Fußrasten sind weiter hinten angebracht, um besser auf dem Sportgerät balancieren zu können”, führt Kreutz aus. Der Reifenluftdruck betrage außerdem rund 0,3 Bar, so dass die Pneus über eine größere Auflagefläche verfügen.

Beim Eurocup treten in den verschiedenen Klassen sowohl Fahrer auf Maschinen (Pre 65) an, die vor 1965 gebaut wurden, als auch auf moderneren sogenannten „Twin­shockers”.

Jeweils circa 90 Solofahrer messen sich am Samstag und Sonntag auf acht Sektionen am Kalvarienberg, je 14 Gespanne sind an beiden Tagen gemeldet; sie erwarten sechs Sektionen. Aus den Reihen der MSIG sind am Wochenende gut 50 Helfer, meist als Punktrichter, im Einsatz, um die sportliche Großveranstaltung nach den Richtlinien des Deutschen Motorsportverbands (DMV) auszurichten.

Abhängig von ihrer Einteilung - unterschieden wird zwischen Beginnern, Clubmen und Experten - bewältigen die Teilnehmer im Alter von 10 bis 80 Jahren verschiedene Schwierigkeitsgrade innerhalb der Sektionen. „Was mitunter waghalsig anmutet, ist ungefährlicher als zum Beispiel Fußball spielen”, meint Arno Jahn, Vorsitzender der MSIG: „Dank der niedrigen Geschwindigkeiten, Helm und Stiefeln ist das Verletzungsrisiko äußerst gering. Was viele nicht vermuten, ist, dass Motorrad-Trial zudem einen sehr kostengünstigen Einstieg in den Motorsport darstellt.”

Die Ausrüstung samt Sportgerät und Schutzkleidung sei für weniger als 2000 Euro zu haben. Mit fünf Litern Treibstoff könne man ein ganzes Wochenende Trial fahren, und ein Satz Reifen halte mehrere Jahre. Für Einsteiger und besonders jugendliche Interessierte biete der MSIG außerdem die Möglichkeit, den Sport mit zwei vereinseigenen Motorrädern auszuprobieren - allerdings nur grundsätzlich, denn momentan sei die Jugendarbeit leider auf Eis gelegt, hadert Jahn: „Letzte Woche wurden wir Opfer eines Diebstahls, und beide Maschinen wurden von unbekannten Tätern gestohlen.”

Ein Motorrad habe man inzwischen wiedergefunden, aber es befinde sich noch in der kriminaltechnischen Untersuchung. Das zweite sei nach wie vor vermisst, so dass es der MSIG derzeit nicht möglich ist, Jugendlichen Trial-Training anzubieten. Besonders paradox an der Situation sei, dass der Diebstahl eine absolut unnötige Straftat gewesen sei: „Als wir noch im Besitz unserer beiden vereinseigenen Maschinen waren, haben wir jeden Samstag ab 14 Uhr Schnuppertraining für Anfänger und Interessierte angeboten - völlig kostenlos. Auch Jugendliche mit Einverständniserklärung der Eltern hätten bei uns unter Anleitung fahren können, ohne sich einer Straftat schuldig zu machen.”

Der Vorsitzende betont aber, dass es der MSIG nicht darum gehe, die Täter ihrer Strafe zuzuführen. „Natürlich steht es vor allem für die Jugendlichen unseres Vereins im Vordergrund, wieder über die Sportgeräte zu verfügen. Was für die Täter vielleicht nur ein Dumme-Jungen-Streich war, bedeutet für uns das Ende der Jugendarbeit. Wenn wir auch die zweite Maschine unbeschadet zurückerhalten, sind wir sicher gesprächsbereit und würden gegebenenfalls auch die Anzeige zurückziehen”, sagt Jahn.

Die Sieger des Eurocups 2012 in Gressenich

Pre 65: Eddy Zels (Experten); Heinz Franken, Michel Debucquoy (Clubmen), Lothar Wolf, Alberg Huygens (Beginner).

Twinshock: Donald Eggen (Experten); Stev van der Sluis, Gert Port, Peter Verheyen, Gust Vervoort, Reinhard Merschkart (Clubmen); Victor Gigot, Georges Leveaux, Rolf Temesinko, Jan-Gert Geutsen, Yuan Colla (Beginner).

Sidecar/Gespanne: Michael Franken und Jana Grossmann, Michael Franken und Paus Fischlock (Experten); Paul Fischlock und Debbie Merrell (Clubmen); Jörg Günther und Jendrik Seibert (Beginner).

Alle Ergebnisse des Eurocups sind in Kürze auf der Homepage der Motorrad-Sport-Interessengemeinschaft Gressenich einsehbar.