Stolberg: Mit dem Saxofon zum neuen Fernsehstar?

Stolberg: Mit dem Saxofon zum neuen Fernsehstar?

Wie das Blau des Himmels aussieht, weiß Feri Németh nicht. Er hat es nie gesehen. Der Wahl-Heinsberger ist blind auf die Welt gekommen. „Meine Mutter war während der Schwangerschaft an Röteln erkrankt und in der Folge haben sich meine Augen nicht mitentwickelt“, erklärt der 56-jährige Profimusiker.

Mitleid will Németh keins. Er könne zwar nicht sehen, aber dafür habe ihm der liebe Gott ein geradezu begnadetes Gehör geschenkt. Der Sohn ungarischer Eltern hört Musik nicht nur, er fühlt sie tief in seinem Inneren. „In diesem Moment, wenn ich die Musik spüre, bin ich glücklich“, beschreibt er seine Empfindungen.

Wäre er sehend geboren worden, hätte sich diese Gabe in der Form vielleicht gar nicht entwickelt. Über diese Frage sinniert er gelegentlich nach. Eine Antwort darauf wird er nie finden, dass weiß er. Eigentlich sei es auch gar nicht wichtig, „denn es ist gut so, wie es ist.“

Zumal ihm seine Behinderung auch zu etwas Besonderem in der Hinsicht macht, dass er nach eigenem Bekunden Europas einziger blinder Profi-Saxofon-Spieler ist. Der ausgebildete Instrumentalpädagoge spielt obendrein sehr gut Klavier, hat auch eine Gesangsausbildung, aber sein Steckenpferd ist und bleibt das Saxofonspiel.

Sein außergewöhnliches Talent katapultiert ihn nun in die Mitte der modernen Unterhaltungsindustrie: Németh will bei der Casting-Show „Deutschland-sucht-den-Superstar“ (DSDS) auftreten und erwartet an der Seite von Stolbergs „Burgherrin“ Monika Lück aufgeregt den Besuch des Kamerateams, das sich für diesen Tag angekündigt hat.

Monika Lück und ihr Lebensgefährte Andreas Furcht waren es, die die Idee hatten, Németh bei DSDS anzumelden. Furcht ist Némeths Schüler und ist tief beeindruckt vom Talent seines Lehrmeisters. Regelmäßig treffen sich beide auf der Burg zum Unterricht.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Németh es in die Sendung schafft und die Zuschauer den auf der Stolberger Burg gedrehten Einspann zu sehen bekommen, ist relativ hoch. Doch eine Hürde muss Németh wie jeder Kandidat auch zuerst nehmen — es gilt, die DSDL-Jury zu überzeugen. Die Jurymitglieder sind die ersten, die den kurzen Film zu sehen bekommen und sie entscheiden, ob Németh ihrer Meinung nach ausreichend Talent mitbringt.

Die genaue Besetzung in puncto Jury steht zwar noch nicht fest, aber eins darf an dieser Stelle bereits verraten werden: Poptitan Dieter Bohlen ist wieder mit von der Partie, und wird sicherlich auch in der neuen Staffel mit seinen flapsigen Sprüchen die Gazetten füllen.

Némeths Nervosität steigt mit jeder Minute, er erhofft sich viel von der Chance, bei DSDS aufzutreten. „Vielleicht“, so sagt er laut, „ist das endlich der Durchbruch, auf den ich so lange warte.“ Doch zunächst steht eine viel profanere Frage an. Was bitteschön soll er spielen? 15.000 Stücke hat Németh in seinem Kopf gespeichert. Vor allem Jazzlieder.

Die Leidenschaft für Blasinstrumente hat der 56-jährige übrigens von seinem Vater geerbt. „Mein Vater war ein riesiger Fan von Louis Armstrong.“

Etwas Bekanntes

Der Dreh im Saal der Burg beginnt. „Spielen Sie mal etwas Bekanntes“, rät ihm der Kameramann. Nach kurzem Hin und Her entscheidet sich der Saxophonist für Glenn Millers weltweit bekanntes Stück „In The Mood“.

Die Finger des Wahl-Heinsbergers scheinen über die Klappen des Instrumentes zu fliegen, er wird eins mit dem Instrument. Das ist nicht dahingesagt, weil es gut klingt: Die Entspannung, die sich in Némeths Gesicht bemerkbar macht, verrät die innige Beziehung, die er zur Musik hat. Der Kameramann ist denn auch hochzufrieden. „In The Mood ist ein Titel, den die Menge kennt, und er ist eben nicht so speziell, wie es viele Jazz-Stücke sind“, so seine Einschätzung. Für DSDS muss es eben etwas sein, mit dem sich möglichst viele Zuschauer identifizieren können. Willkommen in der deutschen Unterhaltungsindustrie.