Mit dem Rollstuhl auf Busfahrt-Odyssee

Mit dem Rollstuhl auf Busfahrt-Odyssee

Marita Stahl wartet mit ihrer Tochter Marita Thatje auf den Bus. Als das Gefährt die Haltestelle erreicht, wird es nicht abgesenkt, obwohl der Niederflurbuss die technische Ausstattung dazu hat - das erste Handicap für die Rollstuhlfahrerin Marita Stahl.

Das nächste lässt nicht lange auf sich warten: Vergeblich suchen Stahl und ihre Tochter nach dem Knopf oder Schalter, der die automatische Rampe aus dem Bus herausfahren lässt. Während sie noch ratlos vor dem für Behinderte gekennzeichneten Einstieg stehen, schließen sich die Türen, und der Bus fährt an. Nur durch beherztes Klopfen gegen die Türe und Winken in Richtung Rückspiegel kann Thatje den Fahrer davon abhalten, die Haltestelle ohne die beiden Passagiere zu verlassen.

„Auf fremde Hilfe angewiesen”

Nach längerer Zeit ist Stahl momentan wieder darauf angewiesen, sich mit dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) fortzubewegen. „Ich war schockiert, wie behindertenunfreundlich der ÖPNV inzwischen geworden ist. Früher gab es elektrisch ausfahrbare Rampen, heute nur noch Klapprampen. Das bedeutet für mich, dass ich beim Busfahren immer auf fremde Hilfe angewiesen bin”, klagt die Rollstuhlfahrerin, die Vorsitzende des Stolberger Behindertenbeirats ist.

Warum die Aseag ihre Busse von elektrischen auf manuell klappbaren Rampen umgerüstet hat, erklärt Centerleiter Bernhard Breuer: „Die elektrischen Rampen hatten mit 250 Kilogramm zu wenig Tragkraft für manche Elektrorollstühle. Entscheidend für die Umrüstung aber war, dass der Antrieb der alten Rampen besonders in den Wintermonaten sehr anfällig war und schlichtweg häufig den Dienst verweigerte. Menschen mit Gehbehinderung konnten so oft die Rampe und damit den Bus gar nicht nutzen und mussten auf die nächste Linie warten, bei der der Antrieb funktionierte.” Die Entscheidung für die Klapprampen sei somit zu Gunsten der Behinderten gefallen, um ihnen die Teilnahme am ÖPNV garantiert zu ermöglichen, da die neuen Rampen immer einsatzbereit seien: „Wir erreichen mit dem System eine hundertprozentige Verfügbarkeit für gehbehinderte Menschen, da die Klapprampen mit der Tragkraft von 350 Kilogramm auch für schwere Elektrorollstühle geeignet sind.”

Stahl hingegen kann nicht verstehen, dass keine funktionierende technische Lösung des Problems umgesetzt wurde. „Die Rampe nicht alleine benutzen zu können, ist schlimm für mich. Ich habe dadurch ein Stück meiner Selbstständigkeit verloren”, sagt die Rollstuhlfahrerin.

Sie ist in letzter Zeit beim Busfahren achtmal ein- beziehungsweise ausgestiegen und führt auch ohne die „Rampenproblematik” eine ernüchternde Statistik: „Dreimal wurde der Bus abgesenkt, fünfmal nicht. Nur ein Busfahrer war wirklich nett und hilfsbereit, die anderen fuhren bereits los, noch ehe ich mit meinem Rollstuhl einen gesicherten Standplatz eingenommen hatte.” Der Centerleiter der Aseag bedauert das Fehlverhalten der Fahrer, spricht jedoch von Einzelfällen. „Grundsätzlich sind unsere Busfahrer im Umgang mit behinderten Fahrgästen geschult. Im Großteil der Beförderungen stellen sowohl Gehbehinderte als auch die Fahrer eine gute Kooperation fest, die längst zu reibungsloser Routine im positiven Sinn geworden ist. Wenn es in einzelnen Fällen zu Problemen kommt, sind wir dankbar, telefonisch Rückmeldungen der Fahrgäste zu bekommen. Dann können wir auf die jeweiligen Fahrer einwirken und sie gegebenenfalls nachschulen”, meint Breuer.

Marita Stahl hofft indes, künftig nicht allzu oft die Nummer der Aseag wählen zu müssen.

„Was den Verlust meiner Unabhängigkeit und Eigenständigkeit im Nahverkehr betrifft, wäre der Anruf doch vergebens”, sagt die Vorsitzende des Behindertenbeirats.

Hilfsbereiter Passant

Immerhin habe ihr die Bus-Odyssee einmal auch ein nettes Erlebnis beschert: Als ihre Tochter sich in Büsbach mit der Rampe abmühte, kam gleich ein Passant dazu, um zu helfen.

Marita Stahl: „Der Bus war voller Leute, die nur zusahen, aber dieser Mann, der zu Fuß unterwegs und daher eigentlich unbeteiligt war, eilte sofort herbei und bot seine tatkräftige Hilfe an. Das fand ich toll, auch wenn ich die Rampe am liebsten selbst betätigt hätte, was ich leider mit den neuen Modellen nicht kann.”

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