Stolberg: Mit Auktionen den Haushalt saniert

Stolberg: Mit Auktionen den Haushalt saniert

Nach einer Zeit hört sich Dieter Conrads an wie ein thailändischer Mönch, der das ständig gleichlautende Gebet vor sich hinmurmelt, dabei gehts bei ihm ja gar nicht um Glauben, sondern um Geld. „Vier Euro, vier Euro zum Ersten, vier Euro fünfzig, vier Euro fünfzig zum Ersten, fünf Euro, fünf Euro zum Ersten . . .”

Conrads Aufzählungen sind unterschiedlich lang, auch die Summen variieren. Aber der monotone Rhythmus ist immer der gleiche, der Mann hat Erfahrung.

Dieter Conrads ist eigentlich Vollziehungsbeamter, das heißt, er ist im Auftrag einer Behörde unterwegs, um offene Forderungen einzutreiben. An diesem Nachmittag aber versucht Conrads zu verkaufen, er ist Auktionator und versteigert werden Dinge, die Menschen verloren haben, aber nicht wiederhaben wollten.

Ungefähr alle zwei Jahre gibt es in Stolberg so eine Aktion. Gespeist wird sie aus dem Fundbüro, was dort nach sechs Monaten nicht abgeholt wurde, landet bei Auktionator Conrads. Aber nur, wenn auch der ehrliche Finder kein Interesse daran hat.

Die Einnahmen aus der Versteigerung fließen in den Haushalt, und es müssten wohl schon einige Einfamilienhäuser, Motor-Jachten und Luxuslimousinen unter den Fundstücken sein, damit die Aktion wesentlich zur Sanierung von Stolbergs Finanzen beiträgt. Aber Conrads hat erstmal nur Schmuck im Angebot.

Versteigert wird im Ratssaal des Rathauses, der Teppich ist petrolfarben, die Tische sind aus dunklem Holz, und auf ihnen stehen die Mikrofone, mit denen sich bei politischen Sitzungen die Sprecher der Fraktionen zu Wort melden. An diesem Tag werden sie aber nicht gebraucht.

Handys bringen Leben in den Saal

Wer bieten möchte, hebt einfach die Hand, die Schritte, in denen der Preis nach oben geht, sagt Conrads vor jedem Objekt an. Bezahlt werden muss mit Bargeld. Am Anfang der Auktion ist der Schmuck dran, und weil fast keinem von den Menschen im Ratssaal - knapp 60 dürften es sein - gefällt, was der Auktionator da in die Höhe hält, muss er ziemlich oft sagen: „Kein Gebot.” Conrads klingt dann immer ein bisschen traurig, vielleicht, weil er weiß, dass die Sachen nun verschrottet werden müssen.

Nach dem Schmuck werden Handys versteigert, und plötzlich kommt Leben in den Saal. Nicht zuletzt, weil jetzt auch Dieter Karstaedt mitbietet, und der ist einer, der genau weiß, was er will. Ins Rathaus gekommen ist er, nachdem seine Frau ihm gesagt hat, dass dort heute eine Versteigerung läuft, und weil er an diesem Tag ohnehin früher Feierabend hatte, sitzt er jetzt eben an einem der dunklen Holztische.

„Lassen wir uns mal überraschen”, sagt Karstaedt erwartungsfroh, bevor es losgeht. Vor ein paar Jahren ist er schon mal bei so einer Auktion gewesen, und nach Hause gegangen ist er dann mit zwei Handys. Damals habe auch jemand ein Motorrad ersteigert „fürn Appel und en Ei”, er habe zwar keine Ahnung von Motorrädern, „aber das hat schon gut ausgesehen.”

Karstaedt bleibt aber bei den Handys, diesmal sind es wieder zwei, das erste bekommt er für 12 Euro und das danach für 11,50 Euro, es sieht aus, als wolle hier jemand eine Tradition begründen. Der Mann, der neben Karstaedt sitzt, vermutet etwas anderes: „Ich glaube, der will nen Telefonladen aufmachen.” Am Ende sind im Ratssaal 17 der 30 Fundsachen verkauft worden, sogar elf chinesischen Tierfiguren aus hellem Holz haben eine neue Besitzerin gefunden, für 13 Euro.

Ein Handy für die Frau

Auch Karstaedt zieht zufrieden aus. Was er mit den Handys macht? „Weiß ich noch nicht. Eins bekommt auf jeden Fall meine Frau.” Dann geht er.

Die Versteigerung geht aber noch weiter, diesmal in der Tiefgarage des Rathauses, dort werden Fahrräder und ein Motorroller versteigert. Auktionator Conrads ist mittlerweile zu Höchstform aufgelaufen, er murmelt die Eurobeträge in einem fort, und am Ende hat er 17 der 18 Fahrräder verkauft. Auch der Motorroller ist weggegangen, ohne Schlüssel und Papiere, für 160 Euro.

Insgesamt spült die einstündige Aktion 650 Euro in die Stadtkasse und jetzt hört sich Dieter Conrads an, wie jemand, der mit sich zufrieden ist: „Also ich finde, das ist gut gelaufen.”

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