Michael Tings aus Stolberg: Seine Schafherde ist sein Leben

Anschuldigungen zurückgewiesen : Seine Schafherde ist sein Leben

Vorsichtig hebt Michael Tings das Lamm auf und sagt lächelnd: „Das ist erst zwei Tage alt“. Nach einem kurzen Streicheln setzt er den jüngsten Nachwuchs seiner Herde ebenso vorsichtig wieder auf dessen eigene vier Beine und schaut glücklich zu, wie die Mutter es blökend wieder in Empfang nimmt. Michael Tings lebt für seine Schafe – seit Jahrzehnten. Das merkt man dem Schäfer einfach an.

Während seiner Schulzeit hat Tings das Herz für die wolligen Gesellen entdeckt. „Es ist mein größtes Glück, dass ich mir die Schäferei aufbauen konnte“, sagt der heute 61-Jährige. Der Beruf, der den Krauthausener so glücklich macht, ist mit großem Engagement, vielen Entbehrungen, großem Aufwand und geringen Einnahmen im Vergleich zu heute normalen Bürojobs verbunden.

Michael Tings ist von morgens bis abends auf den Beinen, oft genug auch nachts. Seine Herde zählt etwa 700 Mutterschafe und rund 1000 Lämmer. Und wer genau hinsieht, entdeckt auch noch eine Handvoll Ziegen. Überwiegend sind es Schwarz- und Blauköpfe, Coburger, und ein paar Heidschnucken sind auch dabei.

Die Herde von Michael Tings ist permanent unterwegs. Jeden Tag steht sie auf einer anderen Koppel. Der 61-Jährige ist Wanderschäfer. Im Frühjahr und Sommer ist er zumeist im Auftrag der Biologischen Station unterwegs. Für sie sorgen seine hungrigen Freunde dafür, dass die ursprüngliche Natur in den Schutzgebieten erhalten bleibt. Sie fressen frühzeitig die Pflanzen weg, die die geschützten Galmeiveilchen & Co. später überwuchern könnten und verschwinden lassen. Im Herbst und Winter beweiden die Schafe auf Wunsch von Bauern große landwirtschaftliche Flächen, sorgen für Dünger auf der Weide und treten die Maulwurfshügel platt.

Zwei feste Mitarbeiter sowie eine Reihe freiwilliger Helfer unterstützen Tings bei seinem Job. „Tagsüber ist immer einer bei den Schafen“, sagt Michael Tings. Um eben nach dem Rechten zu sehen und sie sicher zur nächsten Koppel zu geleiten.

Wieder fit auf den Beinen auf der Weide am Stall: das fixierte Schaf. Foto: Jürgen Lange

„Es ist ein stressiger Job, wenn sich eine Schafherde in Bewegung setzt“, sagt Michael Tings. Und er sieht sich absolut zu unrecht verurteilt bei einem Ereignis, das in der vergangenen Woche für Schlagzeilen sorgte: ein gefesseltes Schaf. Mit Unkenntnis versucht der Schäfer einige Kommentare noch zu entschuldigen; andere haben ihn tief getroffen. Etwa die Behauptung, das Schaf sei gefesselt worden, damit es ein Wolf fressen könne. Das bringt selbst Martin Cordewiner auf die Palme. Von Hause aus studierter Maschinenbauer, unterstützt er Michael Tings in der Praxis und vor allem mit dem immer weiter zunehmenden Papierkram.

Besagtes Schaf, so berichtet Michael Tings, war nicht mehr in der Lage, der Herde zu folgen, als diese über eine schmale Brücke unterwegs war zur neuen Weide. Es konnte nicht mehr weiter und die Gefahr bestand, dass es im Bach ertrinken würde, wenn es einfach zurückgelassen worden wäre.

Deshalb ist es mit einem Strick fixiert worden – über Kreuz so, dass es sich weder losreißen noch verletzten kann. Sofort hat der Mitarbeiter, der sich selbst weiter um die Herde kümmern musste, Tings verständigt. „Es hat vielleicht eine halbe Stunde gedauert, bis ich es abgeholt habe“, sagt der Schäfer. Von stundenlanger Qual in der Sonne könne gar keine Rede sein. „So etwas würde ich doch nie machen“, sagt er und schaut einen dabei fragend an, wie man ihm dies unterstellen kann.

Das Schaf kam auch nicht, wie behauptet, in die Wurst, sondern zum Stall am Sebastianusweg. „Dort haben wir es sofort versorgt und behandelt“; berichtet Cordewiner. Längst hat es sich erholt und tobt augenscheinlich wieder pudelwohl auf der Weide herum. Bald kann es wieder zu seiner Herde.

Durstiger Nachwuchs: Rund 700 Mutterschafe und 1000 Lämmer zählt die Herde von Schäfer Michael Tings. Foto: Jürgen Lange

Bald beginnt wieder die Tournee

„Es kann immer wieder vorkommen, dass ein Schaf in der freien Natur sich verletzt, verletzt wird, erschöpft oder erkrankt“, sagt Martin Cordewiner und betont: „Michael Tings kümmert sich um jedes einzelne Tier.“ Mitgebracht hat er einen Stapel medizinischer Unterlagen. Es sind die Obduktionsberichte aus dem Jahr 2016, als acht Lämmer starben. „Ursache war eine Virusinfektion“, sagt Cordewiner und weist die Vorhaltungen der Vergangenheit ins Reich der Fabel. „Die Tiere hatten und haben immer Wasser“, sagt er.

Seinerzeit habe es einen Tümpel im Bereich der Koppel gegeben, und wenn auf einer kein Wasser ist, dann werden Tränken aufgestellt und gefüllt. Eine Reihe von unliebsamen Anekdoten kann Cordewiner beitragen, wie Michael Tings in dieser Zeit übel mitgespielt worden sei. „Der Schafgesundheitsdienst NRW hat das alles überprüft, und er war auch vor Ort“. Was wohl nicht für alle Behörden gelte. Es waren schlechte Tage für den Schäfer, und auch heute wurmen falsche Anschuldigungen wieder.

Schlecht sind auch die Tage, wenn Vandalismus und Diebstahl die Arbeit des Schäfers und das Wohlbefinden der Schafe gefährden. Cordewiner erzählt von geöffneten Koppeln, demolierten Stromaggregaten, krumm getretenen Haltestangen und Einbrüchen in die Stallungen. „Das kostet immer wieder Nerven, Geld und unnötigen Ärger.“

Derweil schaut der Schäfer nach ein paar anderen Schafen und Lämmern, die sich im Stall erholen. „Früher waren oft Kinder hier bei den Schafen zu Besuch.“ Viele blieben über die Jahre, wurden zu Freunden und stehen auch immer wieder gerne parat, wenn Unterstützung gefragt ist. Heute dränge es die Jugend kaum danach, den verantwortungsvollen Umgang mit Tieren näher kennenzulernen. „Leider“, sagt Michael Tings. „Aber wer Geld verdienen will, muss auch etwas anderes machen als die Schäferei.“

20 bis 40 Cent wird für das Kilo Wolle gezahlt, 30 bis 40 Euro für ein Fleischschaf. Mitarbeiter, Medikamente, Tierarzt, Versicherungen und ein kleiner Fuhrpark lassen von den Einnahmen nicht viel übrig.

Apropos Tierarzt. Der Mediziner, mit dem Tings lange Jahre zusammengearbeitet hat, ist nun im Ruhestand. „Jetzt müssen wir erst einmal dringend wieder einen finden, der regelmäßig die Schafe versorgt“. Nur wenige Veterinäre kümmerten sich um Großvieh.

Mit Katze, Hund, Hase und Meerschweinchen, Deutschlands beliebteste Haustiere, lasse sich bequemer mehr Geld verdienen als mit Schaf, Kuh und Schwein auf der Weide, meint Tings. „Der Doktor und das liebe Vieh“, die beliebte BBC-Serie nach Erzählungen des Landtierarztes James Herriot alias James Alfred Wight, die ab 1979 in der ARD zu sehen war, ist auch nur noch ein Spiegelbild vergangener Zeiten.

Michael Tings hängt an seinen Schafen und hält sie solange es geht bei sich. Erst wenn sie nicht mehr fit genug sind für die Wanderschäferei oder Probleme mit den Zähnen haben, trennt er sich schweren Herzens. „Wenn das Gebiss nicht mehr richtig funktioniert, können sie nicht genug futtern und haben auch nicht mehr genug Milch für die Lämmer.“

Um sich um alle Problemfälle zu kümmern, fehlen einfach die Kapazitäten. „Längst nicht alle Tiere gehen dann zur Fleischindustrie“, sagt Martin Cordewiner. „Wir versuchen sie auch an Händler für die Deiche abzugeben.“ Aber letztlich könne man das nach dem Verkauf auch nicht mehr kontrollieren. „Aber eines sei gewiss“, betont Michael TIngs. „Ich verkaufe kein Schaf an einzelne Interessenten“, die es möglicherweise unfachgemäß schlachten könnten, etwa zu bestimmten Feiertagen.

Zeit ist übrigens das, was Michael Tings im Frühjahr besonders fehlt. „Dann ist einfach das meiste zu tun“, erzählt der Schäfer. Dann müssen bis zu einem bestimmten Datum alle Gebiete der Biologischen Station mit einer Erstbeweidung besucht werden – von der Buschmühle und dem Kohlbusch über Büsbach und Breinig bis zum Struffelt bei Rott. Dann wird die Herde auch schon mal geteilt, um alle Standorte fristgerecht abgrasen zu können. Zugleich kommen in den ersten Frühlingsmonaten die Lämmer. Nicht alle Mutterschafe bringen ihren Nachwuchs problemfrei zur Welt. Michael Tings und seine Helfer stehen als „Hebamme“ zur Seite – am Tag wie in der Nacht, bei Regen, Sonnenschein oder Kälte. Das sind die Tage, an denen Michael Tings auf seine vielen Freunde angewiesen ist. Schäfer sind selten geworden. „Im vergangenen Jahr hatte ich eine Schäfermeisterin angestellt“, sagt er kopfschüttelnd. „Als die arbeitsreichen Tage kamen, hat sie sich davor gedrückt.“ Die Wege trennten sich.

Als nächstes steht die Schur im Kalender des Schäfers: Die Schafe müssen ihre Wolle lassen. Gut 3,5 Tonnen stapeln sich dann am Ende im Stall, bis sie zur Weiterverarbeitung abgeholt werden.

„Und am 5. Juni gehen wir wieder auf Tournee“: Dann wandern Michael Tings und seine Herde nach genauen Vorgaben der Biologischen Station wieder durch die Stolberger Umgebung – bis zum Struffelt in dreistündigem Fußmarsch – und hoffentlich ohne Probleme.

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