Merzbrück macht Weg frei für Elektrifizierung

Bau der neuen Startbahn : Flugplatz Merzbrück macht der Euregiobahn den Weg frei

Flugzeug und Eisenbahn haben schon seit jeher enge Berührungspunkte. Nicht nur heute, wo sie gegenseitig als Zubringer moderner Verkehrsströme dienten, sondern schon vor einem Jahrhundert befruchteten sie sich gegenseitig. Das erfuhr ein exklusiver Kreis unserer Leser bei der Sommertour unserer Zeitung zu FAM und EVS in deren Betriebssitz im Stolberger Hauptbahnhof.

Eigens seinen Urlaub im Westerwald hatte Uwe Zink unterbrochen, um die neuesten Entwicklungen der Flugplatz Aachen Merzbrück GmbH und gemeinsam mit dem Geschäftsführer-Kollegen Thomas Fürpeil von der Stolberger Euregio-Verkehrsschienennetz GmbH die Schnittmengen mit der Euregiobahn zu erläutern.Beiden Gesellschaften ist eins gemeinsam: Sie sind ausschließlich für die Infrastruktur verantwortlich. Sie kümmern sich um Tower, Lande- und Startbahnen des Airports sowie Signale, Weichen, Schienen und Stellwerk für den Schienenbetrieb.

Um den Flug- und Zugbetrieb kümmern sich andere Institutionen. Beispielsweise die Segelflugvereine und Privatflieger in Merzbrück sowie der Nahverkehr Rheinland als Besteller und die DB Regio als ausführendes Unternehmen der Euregiobahn.Und dennoch kreuzen sich die Wege aller Beteiligten immer wieder. Das war schon in der Vergangenheit so, plaudert Uwe Zink aus der durchaus bewegten Geschichte des heutigen Verkehrslandepunktes Merzbrück.

1914 war es das Militär, das den Flughafen anlegte. Genau dort, wo an der Kreuzung der Provinzialstraße und der Eisenbahnstrecke nach Stolberg eine große Wiese lag. Mit der „Rumpler Taube“ wurden 1914 Erkundungsflüge über Belgien und Luxemburg bis nach Frankreich unternommen, um den Aufmarsch der deutschen Truppen vorzubereiten.

Ab Herbst wird gebaut

Nach dem Ersten Weltkrieg übernahmen belgische Truppen das Flugfeld. Aber im Laufe der Weimarer Republik kehrte die zivile Luftfahrt zurück in Form von Segelflug und durchaus auch als Forschungsfeld für die frühen Luftfahrtkonstrukteure. „Schon damals hatten Professoren und Studenten der Aachener Hochschule ein reges Interesse an Merzbrück und den Flugbetrieb“, sagt Zink und zieht Parallelen zur heutigen Zeit – wenn auch unter etwas anderen Vorzeichen.

Geselligkeit nach dem Segelflug und die Forschung rund um das Flugzeug waren ein ebenso neues wie verlockendes Feld. Beispielsweise entwickelte der Aachener Professor Hans Reissner seine „Ente“, die mit gezackten Wellblechflügeln sogar flog. Aber auch Hugo Junker testete seine ersten Flugmobile auf dem Rasen von Merzbrück.

Das war von 1931 an für drei Jahre sogar ein richtiger Verkehrsflughafen der „Luft Hansa“, die von dem kleinen Flecken im Dreieck von Stolberg, Eschweiler und Würselen den Linienflugbetrieb aufnahm – im Direktflug zum Butzweiler Hof in Köln mit Anschlüssen in die weite europäische Welt. Es gab sogar eine kleine Abfertigungshalle am Rande des Flugfeldes, das über zwei x-förmig angeordnete Start- und Landebahnen verfügte. 1934 war der Traum vorbei. Die neue Autobahn 4 war zur übermächtigen Konkurrenz in der frühen Luftmobilität geworden.

Uwe Zink und Thomas Fürpeil (r.) tischten beim Leserforum unserer Zeitung viele Neuigkeiten auf. Foto: Jürgen Lange

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem die Piste bombardiert wurde, übernahmen erneut belgische Truppen die Hoheit über Merzbrück. Segelflugvereine durften sich bald hinzu gesellen. Später wurden Rundflüge angeboten. Es folgte der zunächst militärische Rettungshubschrauber, den mittlerweile der ADAC betreibt.

Das Flugfeld hat nicht nur für Segel- und Rundflüge, sondern auch für Geschäftsreisen eine Bedeutung. „Nach Bielefeld fliege ich in einer Stunde“, nennt Zink ein Beispiel. „Mit dem Auto habe ich drei Stunden gebraucht; damit sind schon sechs Stunden alleine für An- und Abreise verbraucht.“ Der Flug spart Zeit, was auch ein Gleisbauer zu nutzen wusste. Von Merzbrück aus „klapperte“ er alle Baustellen seines Unternehmens an einem Tag ab. „Wer weiß, wie lange er mit dem Auto gebraucht hätte?“; so Zink. „Wohl mehrere Tage.“

Nun ist Merzbrück gute 100 Jahre nach seiner Gründung in die Jahre gekommen. Mit 530 Meter ist die Startbahn zu kurz. Durch ihre Lage würden Broichweiden und Teile Aachens mehr durch Lärm belästigt als es erforderlich wäre, sagt Zink.  Die Stadt- und Landebahn steht einer Elektrifizierung der Euregiobahnlinie im Wege. Und die Aachener Hochschulen haben Merzbrück als Forschungsflughafen neu für sich entdeckt.

In der Summe steht unter dem Strich ein neu gestaltetes Merzbrück mit Forschungsinstituten, Gewerbegebiet, Bahnanschluss, P+R-Anlage und neuer Fluginfrastruktur. Eine neue, um zehn Grad verschwenkte Start- und Landebahnen von 1160 Meter Länge und 18 Meter Breite nebst Taxi-Way sowie für Segelflugzeuge eine Motor- und Windenstart- und eine Landebahn entstehen. Bereits in wenigen Wochen soll der Baubeginn für das Projekt mit einem Volumen von „unter acht Millionen Euro“ sein.

Das Konzept für den neuen Flugplatz Merzbrück mit verlängerter und verlegter Start- und Landebahn. Foto: grafik

Laut Plan soll in diesem Herbst der Baubeginn sein. Mit einer Fertigstellung wird dann für das späte Frühjahr 2020 gerechnet. Damit wird in der Ecke zur Bundesstraße ein neues Gewerbegebiet mit möglich. Jenseits der neuen Landebahn sind die Forschungseinrichtungen und Hangar von RWTH und FH Aachen vorgesehen. „Nur in München gibt es in Deutschland noch, dass zwei Hochschulinstitute sich der Luft- und Raumfahrttechnik widmen“; markiert Zink eine Ausnahmestellung von Merzbrück.

Aktuelles Ziel der Forschungsvorhaben ist die Entwicklung autonomer Flugzeuge und solcher mit umweltfreundlichem Hybridantrieb. Merzbrück ist auf dem Weg, sich als Zukunfts-Flughafen zu etablieren.

Umliegende Ortschaften sollen durch veränderte Flugschneisen von Lärm entlastet werden. Der bisherige Flugbetrieb bleibe weiterhin beschränkt auf bis zu drei Tonnen bei einmotorigen und bis zu 5,7 Tonnen bei zweimotorigen Maschinen. „Die von Gegnern befürchteten Jets wird es nicht geben“, versichert Uwe Zink.

Ausbau Hammer Bahnhof

Realisiert werden kann aber dank der Verlegung der Start- und Landebahn ein Euregiobahn-Haltepunkt gleich vor den Toren des Airports nebst einer komfortablen P+R-Anlage, dank derer Pendler ebenfalls in einen Zeitvorteil bei der Zugreise gelangen. Zudem wird so die Voraussetzung für eine Elektrifizierung der Euregiobahnstrecke geschaffen.

Nur wann es sie geben wird, „kann ich derzeit nicht sagen“: Thomas Fürpeil verweist auf aktuelle Überlegungen des NVR. Der muss den zukünftigen Betrieb der Euregiobahn neu ausschreiben und überlege, mit welcher Technik die Regionalbahn 20 zukünftig unterwegs sein soll. Denkbar ist sicherlich die bisher verfolgte Variante von Elektro-Zügen, geprüft werde aber auch ein Hybridantrieb, etwa Strom in Kombination mit Batterie oder Wasserstoff.

Dann würde beispielsweise nur von Stolberg aus die Ringbahn in Richtung Alsdorf und die Strecke in Richtung Langerwehe elektrifiziert, während die „Lücken“ mit dem alternativen Antrieb bewältigt würden. „Der technische Fortschritt bietet derzeit viele Perspektiven“, sagt Fürpeil. Wenn der NVR sich entschieden habe, könne die EVS kurzfristig mit der Umsetzung beginnen; die Pläne liegen in der Schublade.

Geplant werden in der Stolberger EVS-Zentrale derzeit bereits die Details einer Befahrbarmachung eines neuen Streckenabschnittes von Alsdorf aus über Mariagrube in Richtung Siersdorf und später als Neubauabschnitt bis Baesweiler. Dabei geht es um die Lage von und Alternativen für Haltepunkte. Freigeschnitten wurde die alte Kohlestrecke  bereits. Aktuell laufen Messungen des Gleisbettes um eine vorläufige Befahrbarmachung viellleicht schon ab 2021 zu ermöglichen.

Eine Junkers F1 im Reiseverkehr auf dem Flugplatz Merzbrück. Foto: Flughafen Aachen Merzbrück GmbH

Die gute Nachricht ist, dass der NVR den Zuschuss dazu schon einmal eingeplant hat. „Damit haben wir aber noch nicht den Bewilligungsbescheid in den Händen“, warnt Fürpeil vor verfrühten Hoffnungen. „Wir sprechen nun intensiv mit dem NVR erst einmal über Voraussetzungen und Details einer Umsetzung.“

Verfrüht ist derweil ebenfalls die Aussicht, bereits im Dezember diesen Jahres mit der Euregiobahn zwischen Breinig und dem Stolberger Hauptbahnhof pendeln zu können. Das wird jetzt – anders als bisher berichtet – für den Herbst 2020 avisiert.

Grund dafür sind umfangreiche Umbauarbeiten im Bahnhof Hammer – dem Euregiobahn-Haltepunkt Altstadt. Für einen fahrplanmäßigen Regelbetrieb muss der Bahnsteig deutlich verlängert werden und eine Reihe von Einzelmaßnahmen am Gleisfächer realisiert werden. Das kann erst im kommenden Jahr in Angriff genommen werden. Ob es in der Zwischenzeit zu einem Pendelverkehr zwischen Breinig und Altstadt kommen kann, wird derweil sondiert.

Die Arbeiten am neuen Rüstbach-Viadukt gehen voran. Foto: Euregio Verkehrsschienennetz GmbH

Jedenfalls wird der Breiniger Bahnhof zu einem richtigen Haltepunkt ausgebaut, und es gibt bereits einen Einplanungsbescheid des NVR für den Bau einer neuen P+R-Anlage in Breinig mit rund 30 Stellplätzen, erklärt der städtische Beigeordnete Tobias Röhm.

Derweil liegen die Arbeiten am neuen Rüstbach-Viadukt im Zeitplan. Nach Sprengung und Abriss im März diesen Jahres, werden derzeit die neuen Pfeiler gegossen, und es wird mit einer Fertigstellung in diesem November kalkuliert. Allerdings wird im Rahmen der Befahrbarmachung der Strecke die Euregiobahn über historische Stahlschwellen der Baujahre 1910 bis 1925 rollen. Sie können erst gegen zeitgerechte Betonschwellen ersetzt werden, wenn der NVR die Mittel für einen regulären Streckenausbau bewilligt hat, berichtet Fürpeil.

Derweil nehmen die Ingenieure der EVS bereits das Falkenbach-Viadukt an der Schleuser Mühle ins Visier. Dieses Bauwerk muss saniert werden, wenn die Euregiobahn zwar absehbar, aber noch ohne zeitliche Perspektive einmal bis zur Bundesgrenze fahren und Walheim und Schmidthof wieder ans alte Schienennetz anbinden soll. Das große Ziel im Westen bleibt es, über Raeren den Anschluss von Eupen wieder herzustellen – zunächst für eine touristische Nutzung.

BrainTrain, RegioTram, Railport

Mit im Boot sitzt die Partner der EVS auch bei der Realisierung weiterer Visionen. So wird im Kreis Düren eine „BrainTrain“ genannte Verbindung von Jülich über Setterich nach Puffendorf und nach Siersdorf geplant. Und von Baesweiler aus soll es einmal mit der „RegioTram“ bis in die Aachener Innenstadt gehen. Dabei ist es denkbar, dass die Schienenbahn über den Carl-Alexander-Park mit einem Schlenker via Übach-Palenberg, wo der Lidl-Konzern ein modernes und zentrales Produktionszentrum eingerichtet hat, in Richtung Alsdorf fährt, von dort die EVS-Gleise bis Merzbrück benutzt, um dann durch den Würselener Stadtpark sowie über den Prager Ring und die Jülicher Straße den Aachener Bushof an der Peterstraße erreicht. In den Projektskizzen ist als Alternative auch ein Schwenk zum Stolberger Hauptbahnhof enthalten.

Für die weitere wirtschaftliche Nutzung arbeitet die EVS intensiv mit bei der Projektierung des Euregio-Railports als ein Mehrwert bringendes Logistikzentrum als Hinterlandterminal der großen Nordseehäfen. Unter dem Stichwort ZARA werden die Häfen Zeebrügge, Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam zusammengefasst, deren logistische Kapazitäten zunehmend an ihre Grenzen gelangen.

Solche Kapazitäten können im Hinterland geschaffen werden, so der Gedanke. Da bietet sich Stolberg mit seiner Lage an der Hauptgleisstrecke in Richtung Rheinschiene sowie dem Potenzial seines Güterbahnhofes mit 35 Gleis- und Abstellanlagen mit einer Gesamtlänge von rund 14 Kilometern geradezu an.

Die EVS plant bereits dei Sanierung des  Falkenbach-Viaduktes an der Schlauser Mühle, zwischen Venwegen und Kornelimünster gelegen. Foto: Jürgen Lange

Enge Beziehungen bestehen bereits zu Rotterdam und den Logistikkonzernen Hutchinson und Offergeld, die im vergangenen Jahr zu ein viel beachteten Probelauf des Container-Umschlags im Stolberger Hauptbahnhof geführt haben, den auch NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst als Vorbild würdigte.

Mit ihrer bislang stets erfolgreichen Salami-Taktik arbeitet die EVS in Stolberg bereits an der Optimierung des Umschlags zwischen Schiene und Straße. Brammen, Holzstämme und aktuell die Rohre für die Zeelink-Pipeline werden in einem verbesserten Umschlagspunkt umgeladen. Und in einem anderen Bezirk des Güterbahnhofs hat die EVS Einfahrts- und Ausfahrtsgleise auf Längen von um die 700 Meter erweitert, damit extra lange Gütertransporte in Stolberg bewältigt werden können.

In diesen Tagen steht ein Informationsbesuch einer Delegation aus Stolberg und der Städteregion in Venlo an, wo bereits ein Computer-Terminal realisiert worden ist, wie es Stolberg anstrebt. „Wir möchten uns austauschen und vom Knowhow profitieren“, gibt Fürpeil die Marschrichtung vor.

Gleichzeitig werde mit Saint-Gobain gesprochen, das ebenfalls über ausgedehnte Grundbesitz im Bahnhofsumfeld verfügt. Es soll für den Ausbau als Hinterland-Terminal ebenso in Wert gesetzt werden, wie gut das Filetstück des Gewerbegebietes Camp Astrid an der Bahnstrecke dafür vorgesehen sind. Rund 575.000 Quadratmeter warten in ersten Ausbauschritten auf den Euregio Railport.

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