Meilensteine in der Geschichte der Stadt Stolberg

Stolberger Rückblick : In „Jubiläumsschritten“ durch die Geschichte

Das Jahr des großen Jubiläums „900 Jahre Stolberg“ ist vorbei. Blickt man auf römische oder steinzeitliche Funde im Stadtgebiet, wird klar, dass die Heimat Stolberg natürlich eine längere Geschichte hat. Und sieht man auf die pure runde Zahl, fragt man sich: Was steckt dahinter?

Im 901. Jahr ‚runden‘ sich vielfältige Ereignisse der Stadtgeschichte, die wichtige Meilensteine sind oder einfach stellvertretend für bedeutende Entwicklungen stehen. Gehen wir von 2019 in den „üblichen“ Schritten runder Jubiläen zurück, finden wir uns vor 25 Jahren im Jahr 1994 wieder. Hans Fischer (SPD, 1928-2007) wurde Bürgermeister und war der letzte Ehrenamtliche, der das Amt bekleidete. 1997 wurde es in Stolberg wieder mit dem Amt des Verwaltungschefs verschmolzen.

Im 1946 durch britisches Geheiß gegründeten Nordrhein-Westfalen hatte man die kommunale Doppelspitze nach britischem Vorbild mit ehrenamtlichem Bürgermeister und hauptamtlichem Stadtdirektor übernommen. 1994 wurde wieder die klassische Struktur des Stadtoberhaupts ermöglicht.

1969: Das Ende der Straßenbahn

50 Jahre zurückgerechnet ist das Jahr 1969 von Bedeutung. Die letzte Straßenbahnstrecke auf Stolberger Gebiet wurde eingestellt. Seit 1881 wurden in Stolberg mehrere Linien des landläufig „Tram“ genannten öffentlichen Personennahverkehrs etabliert. Das Netz der Aachener Kleinbahn war eines der größten in Deutschland.

Der Kupferhof Schart war der Standort der ersten Stolberger Tuchmanufaktur. Foto: Christian Altena

Die Linie 22 von Eschweiler über Atsch nach Eilendorf wurde 1969 als letzte betriebene Kleinbahnlinie auf Busverkehr umgestellt. Am Rande von Atsch kann man bis heute eine Teilstrecke der Trasse als Wanderweg nutzen, und jüngere Stolberger dürften kaum ahnen, dass hier einst Tramwagen durch die grüne Landschaft glitten, die für ältere Generationen hohen Erinnerungswert besitzen.

Vor 75 Jahren: 1944, im sechsten Jahr des Zweiten Weltkriegs, erreichte die Front Stolberg, das als erste deutsche Stadt am 22. September durch den Bürgermeister den alliierten Truppen übergeben wurde. Ende des Jahres war der fürchterlichste Krieg, den Europa je gesehen hatte, im Stolberger Raum vorbei.

Fünf Jahre später, im Mai 1949, wurde die Bundesrepublik als westlicher Teilstaat gegründet, was nun genau 80 Jahre her ist. Im Jahr 1919 wurde deutschlandweit ein großer Schritt vollzogen, der nun endlich reif war zur Errichtung einer modernen Demokratie: 1918 eingeführt, wurde gleich zu Jahresbeginn das allgemeine und gleiche Verhältniswahlrecht in Deutschland umgesetzt. Zuerst am 19. Januar in der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung und am 26. Januar, als auch in Stolberg die Wahl zur Preußischen Nationalversammlung durchgeführt wurde.

Nun durften alle Staatsbürger wählen, die mindestens 20 Jahre alt waren. Das Dreiklassenwahlrecht war abgeschafft, und das Wahlrecht für Frauen erstmals in einem großen Land Europas eingeführt worden. In den Kommunalwahlen der Stadt Stolberg und der Gemeinde Büsbach wurden 1919 sogleich Frauen in die Kommunalvertretungen gewählt, in den Gemeinden Gressenich und Zweifall dauerte es einige weitere Jahre bzw. Jahrzehnte, bis auch dort Frauen im Gemeinderat aktiv wurden.

Atsch Dreieck als Verkehrsknotenpunkt um 1960 mit Wartehalle der Kleinbahngesellschaft. Foto: Stadtarchiv Stolberg

Viele wichtige Schritte wurden im 19. Jahrhundert in Stolberg getan auf dem Weg von einer kleinen Gemeinde zu einer modernen Stadt. Bände lassen sich füllen mit der Entwicklung des Stadtraumes, der Gesellschaft, der Verwaltung und der Industrie.

1819: Die erste Zinkhütte

Ein Meilenstein für die Entwicklung der Stolberger Industrie fand vor 200 Jahren im Grenzgebiet zu Eschweiler statt. Matthias Ludolph Schleicher, Nachkomme des ältesten Stolberger Kupfermeistergeschlechts und seines Zeichens Messingproduzent, gründete 1819 im ehemaligen Kupferhof Velau die erste Zinkhütte der Aachener Region und das erste Unternehmen, das den Übergang des alten Manufakturbetriebs in industrielle Produktion vollzog. Das metallische Zink machte unabhängig vom Galmei, und Zink wurde als „achtes Metall“ ein neuer Werkstoff für moderne Anwendungen.

Mit vielen weiteren Gründungen in Stolberg, Atsch und Münsterbusch von Zink-, Blei-, Messing-, Glas-, Textil- und Chemieunternehmen in den 1830er bis 1850er Jahren nahm die Industrialisierung in Stolberg Fahrt auf und war integraler Bestandteil der Aachener Industrieregion, der ersten Deutschlands. Die industriellen Unternehmer konnten in Stolberg auf vorhandene Infrastruktur, technisches Know-how älteren Gewerbes und Vorkommen an Bodenschätzen zurückgreifen.

Hans Fischer war der letzte ehrenamtliche Bürgermeister der Stadt Stolberg. Foto: Stadtarchiv Stolberg

Man fing nicht bei Null an, wie auch vor 300 Jahren Matthias von Asten mit Stolbergs erster Tuchmanufaktur. 1719 gründete das Mitglied einer alten Kupfermeisterdynastie im Hof Schart am Rande der Altstadt mit dem Tuchmacherhof erstmals ein anderes Gewerbe zur Produktion technisch anspruchsvoller und hochwertiger Waren.

In der Folge etablierten sich am Vichtbach nahe der Altstadt weitere Tuchmanufakturen, die das alte Messinggewerbe ergänzten und sich auch durch andere Bauformen von den Kupferhöfen absetzten. Wesentlich und prägend waren seither die Kupfermeister mit ihren Höfen und Mühlen.

1619: Finkenbergkirche

Auf religiöser und sozialhistorischer Ebene bedeutend ist auch das Jahr 1619. Vor genau 400 Jahren konnten die Mitglieder der reformierten Gemeinde endlich ihre erste eigene Kirche auf dem Finkenberg eröffnen. Zwei Jahre hatte der Bau gedauert, der als kleiner Fachwerkbau noch nicht die imposante Gestalt des heutigen Kirchengebäudes besaß. Aber man war „angekommen“, die überwiegend aus den Kupfermeisterfamilien bestehende Gemeinde hatte ein eigenes Gotteshaus und war nicht mehr auf die Nutzung der katholischen Kirche und vor allem das Notquartier in den Dachräumen der Kupferhöfe angewiesen, die zuvor genutzt worden waren.

Mehr symbolischer Akt als ökonomisches Instrument war der auch1619 begründete Zunftverband der Kupfermeister. Einige Jahrzehnte währte zu diesem Zeitpunkt die von Burgherren und Kupfermeistern betriebene Entwicklung des bisher lange unbeachteten Tales des kleinen Vichtbaches.

1544: Abbildung der Keimzelle

Die Keimzelle mit einer kleinen, wehrhaften Burg, einer Siedlung von einfachen Fachwerkhäusern mit Reet- und Holzschindeldächern und wenigen Kupfermühlen malte Egidius von Walschaple in genauer und naturalistischer Weise vor genau 475 Jahren. Vor allem historisch-dokumentatorisch ein Kupferstädter Meilenstein, da die älteste Abbildung Stolbergs und der Burg von 1544 erstmals den direkten Blick in die Frühzeit unserer Stadtentwicklung zulässt.

Fast genau 100 Jahre währte zum Zeitpunkt ihrer Erstellung die Entwicklung des neuen Stolberg, da das alte im 14. Jahrhundert mit der Zerstörung der Burg untergegangen war.

Vor 700 Jahren, vermutlich im Jahr 1319 (vielleicht auch 1329?), starb in Köln Kanonikus Johannes von Stalburg. Im damaligen Stolberg wird niemand davon Notiz genommen haben. Relevant ist das Ereignis in der Stadtgeschichte nicht, aber einer Notiz wert. Schließlich war er wohl der letzte des Geschlechts derer von Stalburg, die vermutlich um 1110 die Burg erbaut hatten. Er war im Dienste des Stifts St. Gereon in Köln, wohin Stolberger Geschlechter traditionell gute Verbindungen hatten. Und einige derer von Stalburg hatten im Kölnischen Klerus Karriere gemacht.

Der Verwandte Wilhelm von Stalburg war als Domherr und Unterdechant Mitglied des Kölner Domkapitels. Wenig wissen wir über das alte Adelsgeschlecht, das Stolberg seinen Namen gab. Aber es war nicht unbedeutend im Kreise des rheinischen Adels und bekleidete hohe und angesehene Ämter, während die Herrschaft in anderen Händen in Glück und Unglück geführt wurde. Ein Dutzend Jahreszahlen und Jubiläen im Jahr nach dem Jubiläumsjahr reichen aus, um wesentliche Schlaglichter auf die Entwicklung der Kupferstadt zu werfen. Und um weiterhin den Fokus auf vergangene Ereignisse zu legen, da sie – einmal mehr, einmal weniger – für unsere Gegenwart und Zukunft von Bedeutung sind.