Stolberg: Mehr Stauraum für die Vicht in der Nordeifel benötigt

Stolberg : Mehr Stauraum für die Vicht in der Nordeifel benötigt

Es war zwar eine heftige, aber nur einsame Gewitternacht, die im Atscher Schnorrenfeld wieder zu Problemen mit dem Münsterbach führte. Sandsäcke mussten am Morgen des 30. Aprils her, um die Wohnhäuser zu schützen.

Bei Hochwasser schwappt hier regelmäßig der Münsterbach über seine Spundwand aus modrigen Holzbrettern. Aber das Anschwellen des Baches um mehr als einen Meter innerhalb einer Viertelstunde hatte auch für das Schnorrenfeld eine neue Qualität. Das ebenso schnelle Absinken des Scheitels verhinderte Schlimmeres.

Problem komplexer als gedacht

Der Münsterbach bereitet den Anwohnern im Schnorrenfeld schon seit Jahrzehnten Kopfzerbrechen. Es fehlt in keiner Kommunalwahl das Versprechen der Ratskandidaten jeglicher Couleur, sich für eine Problemlösung einzusetzen. Das mögen sie gemacht haben, nur eine Lösung wurde bis dato nicht gefunden.

Und auch dem eigentlich zuständigen Wasserverband Eifel-Rur (WVER) fehlt ein Patentrezept für das Schnorrenfeld. Selbst zehn Jahre, nachdem seine Experten im städtischen Umweltausschuss die Brisanz der Hochwassergefahr in Stolberg beleuchtet hatten, sind konkrete Maßnahmen an der Vicht und am Münsterbach für das Schnorrenfeld noch nicht in trockenen Tüchern.

Umgesetzt wurde vor sechs Jahren eine aufwendige Neugestaltung des Münsterbach-Tales in der Hamm, mit dem so gerade die Vorgaben für ein Hochwasserereignis, das statistisch gesehen alle 100 Jahre eintreten kann, eingehalten werden können. Gut 850 000 Euro wurden dort investiert, um vor allem den Atscher Gewerbepark und die untere Spinnereistraße bei Hochwasser überschwemmungsfrei halten zu können. Aber mit dieser Renaturierungsmaßnahme wurde das Problem Schnorrenfeld nicht gelöst.

Unterschiedliche Ansätze hat der WVER mittlerweile untersucht — ohne durchschlagenden Erfolg. Das Problem ist komplexer als gedacht, hat eine Diplomarbeit ergeben. Weder die Aufweitung des Münsterbachs an der zur Bebauung gegenüberliegenden Seite oder die Räumung des Lichtraumprofiles der Zweifeldbrücke der Euregiobahnstrecke noch die Absenkung des Wasserspiegels durch den Um- oder Rückbau des Wehres unterhalb dieser Brücke würden die Hochwassergefahr für die Anwohner effektiv und nachhaltig mindern können. Aber die seit Jahren als Interimslösung immer wieder angesprochene Ertüchtigung der Holzspundwand ist bis dato auch nicht erfolgt.

Aktuell wartet der WVER auf die Kölner Regierungspräsidentin: „Die Bezirksregierung überarbeitet zurzeit die hydrologischen Grundlagen zur Aufstellung von Hochwassergefahrenkarten bis Mitte 2018“, erklärte WVER-Sprecher Marcus Seiler auf Anfrage. Danach komme es zu einem Abstimmungsprozess zwischen RP, den Kommunen und dem WVER.

Die Altstadt ist gefährdet

„Dabei wird die Plausibilität der Plandaten, nicht zuletzt auch anhand von Erfahrungen, evaluiert“, sagt Seiler weiter: „Nach dieser Abstimmung rechnen wir damit, Anfang 2019 eine Machbarkeitsstudie zu beauftragen, bei der grob Möglichkeiten des Schutzes anhand der dann aktuell abgestimmten Daten erstellt werden.“ Dies werde circa ein halbes Jahr in Anspruch nehmen. Danach erfolge eine Abstimmung der Ergebnisse mit den Behörden, und eine Genehmigungsplanung für das weitere Verfahren kann in Angriff genommen werden.

Mit anderen Worten bedeutet der Gang der Verfahren: Wann es zu konkreten Maßnahmen im Schnorrenfeld kommen wird, steht also noch in den Sternen. Und dies gilt für den Hochwasserschutz Stolbergs im Einzugsbereich der Vicht in noch größerem Maße, da gegen die vom WVER in der Nordeifel ins Auge gefassten Maßnahmen mit Einsprüchen von Bürgern und Naturschutzverbänden zu rechnen ist.

Ab einem 20-jährlichen Hochwasser kann die Vicht erste deutliche Schäden in der Altstadt anrichten. Diese Marke unterschritt das Hochwasser vor vier Jahren nur knapp. Bei einem 50-jährlichen Hochwasser prognostiziert der WVER Schäden in Höhe von 13,4 Millionen Euro — Stand 2008.

Nach intensiven Berechnungen sieht der WVER im Bau von zwei Auffangbecken mit 825 000 Kubikmeter unterhalb von Rott und ein 405 000 Kubikmeter unterhalb von Mulartshütte die Möglichkeit, ein 100-jährliches Hochwasser zu bewältigen. Vor einem Jahr hat der Verband aber noch einmal damit begonnen, nachzurechnen, um die frisch vorgelegen „Kostra“-Daten, die sogenannten Koordinierten Starkniederschlags-Regionalisierungs-Auswertungen des Deutschen Wetterdienstes, berücksichtigen zu können. „Dies hat sich auch als richtig herausgestellt“, sagt Seiler heute. Die beiden Beckenvolumina wurden nun neu berechnet und erreichen nun 880.000 und 440.000 Kubikmeter und damit mehr als bisher zugrunde gelegt“, so Seiler weiter.

Mit Widerstand ist zu rechnen

Die beiden Beckenstandorte sollen im Prinzip bestehen bleiben, aber größere Volumina ließen sich zunächst nur durch eine Erhöhung der Einfassung oder eine Vergrößerung der Fläche bewerkstelligen. Um den erwartbaren Eingriff in die Natur zu minimieren und die Belange der Ökologie sicherzustellen, sollen die vorgesehenen starren Auslässe aus den Becken nun durch eine aktive Steuerung ersetzt werden. Dadurch kann eine bessere Ausnutzung der Stauvolumina erreicht werden.

Dies ziehe jedoch einen komplexen Planungsprozess nach sich. „Wir rechnen nun mit einer Einreichung der Genehmigungsplanung an die Bezirksregierung bis Mitte 2018“, sagt Seiler. Danach werde das Planfeststellungsverfahren in Gang gesetzt. Und zu dessen zeitlichen Verlauf könne keine seriöse Schätzung abgeben werden, da auch mit Widerständen zu rechnen ist.

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