Stolberg: Marode Brücke erlebt ihr Jubiläumsfest

Stolberg: Marode Brücke erlebt ihr Jubiläumsfest

Der runde Geburtstag wird still und leise gewürdigt. Die Debatte über eine Sanierung oder Erneuerung der Heinrich-Heimes-Brücke auf der Mühle ist in ihrem zehnten Jahr angelangt. Das Jubiläum gibt Anlass, ein neues Kapitel dem reichlich verwinkelten Lebenslauf Zukunftsgestaltung des Bauwerkes in der Eschweilerstraße beizufügen.

Rund 7000 Euro investierte jetzt der Bau- und Vergabeausschuss in die beiden ersten Leistungsphasen eines Auftrages an ein Ingenieurbüro. Es soll ein Konzept entwerfen, ob und wie das Bauwerk aus den 1930er Jahren so saniert werden kann, dass es zumindest die einseitige Belastung durch einen 40-Tonnen-Lastwagen tragen kann. Denn eigentlich dient die Brücke als Lebensader für die Anlieferung des KME Metallwerks an der Kupfermeisterstraße.

Anbauten abgerissen

Eigentlich, denn seit mittlerweile fünf Jahren ist die Heinrich-Heimes-Brücke für Fahrzeuge mit einem Gesamtgewicht von mehr als zwölf Tonnen gesperrt. Weil das Bauwerk marode ist. Mit einer Zustandsnote von 3,2 ist es nur 0,8 Punkte entfernt von einem sofortigen Handlungsbedarf. Der wurde bereits vor zehn Jahren festgestellt.

Als äußerst dringlich kennzeichnete der damalige Technische Beigeordnete Claus Müller die Herausforderung, eine Lösung zu finden. Unterschiedliche Varianten unterbreitete die Verwaltung dem Rat mit Kosten zwischen umgerechneten 300 000 und 550 000 Euro - angefangen von Sanierungsvorschlägen in minimaler Breite bis hin zu Komplettabriss und Neubau in gewohnter Ausstattung. Als erste Amtshandlung flatterte den Mietern in den damals an der Brücke angebauten Ladenlokalen die Kündigung ins Haus. Weil sie eine Zustandsnote von 3,8 erhalten hatten, sollten sie schnell aus statischen Gründen abgerissen werden. Das erfolgte zwei Jahre später im Sommer 2003. In den Abriss der Brückenbebauung und die Neuverlegung von Versorgungsleitungen investierte die Stadt rund 170 000 Euro, während die politische Diskussion über Vor- und Nachteile einer Erneuerung oder Sanierung der Brücke sowie ihrer Finanzierung andauerte.

Wasserbehörde sagt Nein

Weil eine Entscheidung nicht in Sicht war, folgte am 1. April 2006 die erste Amtshandlung. Die Brücke wurde für Fahrzeuge mit einem Gesamtgewicht von mehr als zwölf Tonnen gesperrt. Seitdem muss das KME-Metallwerk seinen kompletten Werksverkehr über die Frankental- und Rathausstraße zum Mühlener Ring abwickeln - eine logistische Herausforderung für das Unternehmen, dem die Stadt bei der Betriebskonzentration auf die Innenstadt eine Werksverkehrsabwicklung über Eschweiler- und Frankentalstraße zugesichert hatte. Der Druck auf das Rathaus nahm zu.

Noch im gleichen Monat präsentierte Müllers Nachfolgerin, Simone Kaes-Torchiani, dem Bauausschuss erfolgreich den Vorschlag, die Brücke abzureißen und in verkehrsnotwendiger Breite mit sieben Meter Fahrbahn und beidseitigen, zwei Meter breiten Gehwegen neu zu bauen - bei kalkulierten Kosten von 315 000 Euro eine Lösung für die nächsten 80 Jahre. Im Gegensatz dazu hätte eine 190 000 Euro kostende Sanierung die verbleibende Restlebensdauer der Brücke von 25 Jahren nicht mehr wesentlich erhöhen können.

Im März 2007 sollte Baubeginn sein, aber es kam anders. Die Prüfung der Neubaupläne durch die Untere Wasserbehörde zog sich in die Länge. Als im August 2007 ein erster Bescheid eintrifft, steht die Stadt fast wieder am Anfang der Überlegungen. Weil die neue Brücke nicht mit den Bestimmungen eines 100-jährlichen Hochwassers in Einklang zu bringen ist.

Dabei verzichtet der geplante Neubau sogar auf einen Mittelpfeiler, der die bestehende Brücke noch heute trägt. Frei schwingend sollte die Vicht überbrückt werden. Weil wasserrechtlich gesehen aber eine neue Brücke kein Ersatz für eine alte, sondern eben neu ist, wird die Hochwasser-Situation am theoretischen Zustand gemessen, dass gar keine Brücke vorhanden wäre. Damit schnitt der Neubau schlechter ab als die bestehende Heinrich-Heimes-Brücke, die bei einer Sanierung Bestandsschutz genießen würde. Außerdem monierte die Behörde, dass Hauseigentümer am Bachufer Fenster in ihre Keller gebrochen hatten, was bei Hochwasser eine Gefahr für Leib und Leben sein könnte. Entweder sollten die Fenster zugemauert werden oder eine abwärts gelegene Sohlgleite sollte so weit zur Brücke verschoben werden, dass der Wasserspiegel der Vicht gesenkt würde. Dann wären die Fenster bei Hochwasser zwar auch überflutet worden, aber nicht mehr verursacht durch die Brücke, erklärte der seinerzeitige Tiefbauamtsleiter Josef Braun.

Die Ingenieure spitzten wieder ihre Zeichenstifte und präsentierten im Januar 2008 eine andere konstruktive Lösung: Anstelle von Unterzügen sollten die Lasten der Brücke durch Überzüge aufgefangen werden, was einige Zentimeter mehr Wasserdurchfluss ermöglichen würde. Das überzeugte einstimmig den Bauausschuss.

Auf einmal verzichtbar?

Im April 2008 folgte die nächste Variante: Jetzt sollte die Brücke wieder einen Mittelpfeiler erhalten, wodurch dem Bach 50 Zentimeter mehr Spielraum zum Durchfluss geschaffen würden. Mittlerweile war die Kostenkalkulation bei 450 000 Euro für den Neubau angelegt. Dem stimmte der Bauausschuss im Oktober 2008 zu, aber das Warten auf die Sanierung der dortigen Bachufermauer der Vicht verzögerte die Ausführung - bis im Februar 2010 Fachbereichsleiter Josef Braun vor dem Hintergrund der drohenden Überschuldung der Stadt zur großen Kehrtwende blies: Aus Sicht der Verwaltung sei die Heinrich-Heimes- als Autobrücke verzichtbar; eine Fußgängerbrücke sei ausreichend und koste im Vergleich zum Neubau nur 158 000 Euro.

Mit dieser Einschätzung stand Braun auf einer Bürgerversammlung alleine da. KME, Hermannschule und Einwohner plädierten vehement für einen Neubau. Das war im April 2010, und Braun hatte eine Alternative zur Kostenreduzierung parat: Eine Sanierung der bestehenden Brücke mit dem Ziel einer einspurigen Nutzung für Schwerlastverkehr. Die Idee erbte der neue Fachbereichsleiter Bernd Kistermann bei seinem Amtsantritt am 1. April. Erste Kernbohrungen sind erfolgt. Jetzt wird die Braunsche Idee auf ihre Realisierbarkeit überprüft und die Heinrich-Heimes-Brücke nimmt ihr nächstes Jubiläum ins Visier.