Manfred Steffens und Rosita Przybylski im Interview

Interview der Woche : AWO-Ortsverein Stolberg: Sozial sein in der Ellenbogengesellschaft

AWO-Bundesverband wird in diesem Jahr 100. Seit fast 75 Jahren gibt es die AWO auch in Stolberg. Der erste Vorsitzende Manfred Steffens und seine Stellvertreterin Rosita Przybylski setzen sich für die Ärmsten ein.

Seit 2011 ist Manfred Steffens Vorsitzender des AWO-Ortsvereins Stolberg. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Bundesverbands führte unsere Kollegin Eva Johanna Onkels mit ihm und seiner Stellvertreterin Rosita Przybylski ein Interview über seine und die Arbeit des Ortsvereins.

Herr Steffens, sie sind seit 2011 erster Vorsitzender des Ortsvereins Stolberg. Wieso engagieren Sie sich für die AWO?

Steffens: Ich bin ein Mensch, der gerne hilft und ich versuche, den Menschen zu helfen, die Hilfe brauchen: bei Behördengängen zum Beispiel. Ich habe eine soziale Ader und sehe auch immer das Gute im Menschen.

Die AWO wird 100 – was sind für Sie die wichtigsten Stationen?

Przybylski: Die Gründung 1919. Die AWO wollte da helfen, wo die Not am Größten ist. Außerdem war damals die Frauenbewegung besonders stark.

Welche Aufgaben hat die AWO in Stolberg?

Steffens: Wir stellen zehn Haushaltshilfen, die vor allem Senioren helfen, länger im eigenen Haus wohnen zu können. Dann bieten wir mit dem Projekt „Erlkids“ für Kinder Fahrten in den Ferien an. Seit 2007 gibt es in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt das Programm „Mieki“, das Kindern aus finanziell schwachen Familien ein Mittagessen bezahlt. Damals gab es das Bundesteilhabegesetz noch nicht. (Dieses Gesetz ermöglicht unter Anderem die Finanzierung eines Mittagsessens für Kinder, bei dem die Eltern nur einen Euro bezahlen müssen. (Anm. d. Red)) Doch auch mit der neuen Regelung gibt es immer noch Familien, die sich das nicht leisten können. Wir übernehmen dann den einen Euro, damit die Kinder ein warmes Mittagessen bekommen.

Wir organisieren zudem eine Karnevalssitzung, Geburtstagsbesuche und am zweiten Mittwoch im Monat ein Frühstück. Dazu kommen vier Tagesfahrten im Jahr, ein gemütlicher Nachmittag mit Ehrungen langjähriger Mitglieder und die Vorweihnachtsfeier, zu der jeder kommen kann. Nur anmelden sollte man sich vorher.

Wie relevant ist eigentlich das A für Arbeiter noch bei der Arbeiterwohlfahrt?

Steffens: Das hat sich schon geändert. Es gibt nicht mehr den klassischen „Arbeiter“ von früher.

Przybylski: Auch der Begriff der Wohlfahrt ist in der Gesellschaft nicht mehr so weit verbreitet.

Welche Rolle spielt der Ortsverein der AWO für Stolberg?

Steffens: Wir sind in verschiedenen Ausschüssen aktiv. Im Kinder- und Jugendausschuss sind wir stimmberechtigtes Mitglied, im Ausschuss für Soziales und Generationengerechtigkeit sind wir beratendes Mitglied. Auch im Inklusionsausschuss der Städteregion ist die AWO vertreten sowie im Kultur- und Generationenhaus Kugel.

Was denken Sie ist das wichtigste Angebot der Stolberger AWO?

Steffens: Die Betreuung älterer Menschen im Haushalt und die Angebote für Kinder.

Przybylski: Beide Projekte sind gleichberechtigt.

Welches Erlebnis mit dem Ortsverein ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Przybylski/Steffens: Das ist schwer.

Steffens: Jede Fahrt steht für sich. Jede hat was für sich.

Wie sieht es aus mit Kontroversen?

Steffens: Es gibt keine. Wir haben mit der Verwaltung und Politik ein gutes Verhältnis. Einen guten Draht und ein gutes Miteinander. Dabei ist auch egal, um welche demokratische Partei es sich handelt.

Die AWO wurde von einer Frau gegründet. Welche Rolle spielen Frauen im Stolberger Ortsverein?

Steffens: Wir haben aktuell drei Männer und drei Frauen im Vorstand. Dann haben wir zwei Revisionistinnen und einen Revisionisten.

Przybylski: Das ist gut ausgewogen.

Für welche Projekte im Stolberger Raum würden Sie sich mehr Geld wünschen?

Przybylski: Für alles, was sozial ist. Es würde für die Kommunen teuer werden, wenn die sozialen Einrichtungen nicht mehr wären.
Steffens: Bei dem Geld, das an die sozialen Einrichtungen geht, handelt es sich überwiegend um freiwillige Ausgaben. Es wäre allgemein – für alle sozialen Einrichtungen, nicht nur für die AWO – gut, wenn noch ein bisschen mehr von der Stadt an Finanzierung käme.

Wie steht es um das soziale Engagement der Bürgerinnen und Bürger?

Steffens: Schlecht. Wir haben ein Problem, Leute zu finden, die im Vorstand arbeiten wollen. Die Interessen haben sich geändert. Früher gab es das Schützenfest, die Kirmes und Karneval. Das waren die Highlights im Dorf. Heute gibt es viel mehr Angebote, aber das Interesse für die Vereine nimmt ab, viele Vereine, nicht nur die AWO, haben Schwierigkeiten.

Przybylski: Heute sind die Menschen viel mobiler. Man kann am Wochenende auch einfach nach Jülich fahren. Für uns ist es schon etwas Besonderes, wenn ein Mitglied unter 60 ist.
Steffens: Wir können es aber nicht ändern, es kommt wie es kommt.

Welche Veränderung würden Sie sich für die AWO wünschen?

Steffens: Die Basis muss gestärkt werden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Verbandes?

Steffens: Das es weitergeht. Es wird wahrscheinlich nicht besser werden mit der Gesellschaft und insbesondere der Armut. Die Sozialverbände werden weiterhin gebraucht werden, Armut wird ein Thema bleiben.

Wie lange wollen Sie noch Vorsitzender des Ortsvereins Stolberg bleiben?

Steffens: Im Prinzip wollte ich das Amt niederlegen, aber es wird vermutlich nicht so kommen. Aktuell gibt es keinen Nachfolger.

Przybylski: Für mich wird wohl jemand Neues kommen.

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