Stolberg: Mahnwache zu Pogromnacht: „Wehret den Anfängen aktueller denn je“

Stolberg: Mahnwache zu Pogromnacht: „Wehret den Anfängen aktueller denn je“

Der Abend des 9. November. Seit vielen Jahren treffen sich Stolberger im Steinweg vor Haus Nr. 78. Seit 1988 im Boden eingelassen erinnert eine Gedenktafel an die Familie Falkenstein, die in diesem Haus einst ein „Betlocal“ für ihre jüdischen Mitbürger zur Verfügung stellte.

Dem Schicksal dieser und weiterer Familien aus der Kupferstadt gedenken alljährlich Stolberger auf Einladung von „Gruppe Z“ und dem „Bündnis gegen Radikalismus“ der sogenannten Reichspogromnacht.

In der Nacht zum 10, November „vor 79 Jahren brannten Synagogen, wurden Geschäfte und Wohnungen jüdischer Mitbürger demoliert und geplündert, Friedhöfe geschändet, unzählige Menschen geschlagen, verhaftet, getötet, weil sie Juden waren“, mahnt Bündnis-Sprecherin Beatrix Oprée sich immer wieder dieser „Nacht, die alles veränderte“, zu erinnern, „und dabei den Blick zu weiten für die Situation, in der wir uns heute befinden.“

Die Hetze von einst sei auch in der verbalen Aufrüstung in der Mitte der Gesellschaft wieder en vogue geworden. „Wehret den Anfängen, dieser Spruch gilt heute wieder mehr denn je“; sagt Oprée.

Während brennende Grabkerzen die Bodenplatte erleuchten, rückt Karen Lange-Rehberg das Schicksal verfolgter Kinder in den Mittelpunkt des Gedenkens. Etwa 1,5 Millionen jüdische Kinder wurden von Nazis getötet, rund 100.000 überlebten als „versteckte Kinder“ — auch Stolberger.

Wie Sala alias Sylvia Zinader. 1939 verlässt die Familie Stolberg; die Neunjährige wird zu Onkel und Tante nach Brüssel geschickt. Die beiden Brüder Ignatz und Isidor folgen kurze Zeit später. Mit der Besetzung Belgiens beginnt auch dort die Verfolgung der Juden. Letztlich wird Sala in ein von Nonnen geleitetes Kinderheim gegeben. Sie muss den katholischen Glauben annehmen, überlebt aber als einzige ihrer Familie und siedelt nach Palästina über...

Karen Lange-Rehberg erzählt auch von Hans Philipp aus der Stolberger Kaufmannsfamilie von Berthold Wolff, die sich in Brüssel versteckt. Auch der Zehnjährige wird in ein Internat zunächst in Wetteren geben und muss Namen, Lebenslauf und Religion wechseln, um eine Chance zum Überleben zu haben.

Das gelingt mit viel Glück, ebenso wie im Januar 1945 die Überfahrt in die Vereinigten Staaten. „Die Menschlichkeit und Opferbereitschaft vieler Belgier soll nicht vergessen werden“, sagt Lange-Rehberg. Und Friedrich Gruschei spielt Rheinhard Meys Song „Die Kinder von Izieu“ ein, dem die Teilnehmer andächtig lauschen.

Hanne Zakowski zitiert aus dem Talmud bevor Udo Beitzel den Bogen aus der Vergangenheit in die Gegenwart schlägt: „Ich fühle mich so ungewollt“, sei das Gefühl vieler Minderjähriger, die nach Deutschland gekommen seien. Während Beitzel viele Kritikpunkte an der staatlichen Praxis im Umgang mit Flüchtlingen anbrachte, benannte er das Aachener Projekt „Babylon Tamam“ als positives Beispiel der Integration. Mit deren Lied „Ich will in einen Himmel schauen“, endet der offizielle Teil dieser Mahnwache.

Aber viele Teilnehmer verweilen noch eine Zeit lang, tief in Gedanken versunken vor Ort.

(-jül-)
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