Stolberg: Leser werden betört vom Duft der Schwalbenwurz

Stolberg: Leser werden betört vom Duft der Schwalbenwurz

Das Naturschutzgebiet Schlangenberg bietet eine Fülle von besonderer Flora und Fauna, doch für unsere Leser, die an der Sommertour teilnehmen, beginnt die interessante Wanderung nicht mit Natur sondern mit Literatur: „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht“, zitiert Förster Theo Preckel den deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe.

Freilich dient der Ausspruch nur als Überleitung, und Preckel sagt: „Dann botanisieren wir mal ein bisschen!“ Eine Aufforderung, der die Leser gerne nachkommen, und bei einem „bisschen“ bleibt es nicht, denn die Natur zeigt sich am Schlangenberg in einer Vielfalt, die Ihresgleichen sucht.

Lieblingsbaum Vogelbeere

Die Gruppe entdeckt Traubenkirsche, wilden Thymian, Leinkraut, Hornklee, Pfaffenhütchen, wilde Kirsche und mehr. Preckel erläutert, dass Rubinien ein zähes Holz liefern, aus dem etwa Hammerstiele gefertigt werden, und der Förster stellt auch seinen Lieblingsbaum vor: die Vogelbeere oder Eberesche. „Dieser Baum ist ökologisch sehr wertvoll. Er ist eine wichtige Futterpflanze für viele Tierarten, trägt auch im Winter Früchte und verdrängt keine andere Pflanzen.“ Ein anderer Baum bringt Preckel dazu, noch einmal die Literatur zu bemühen. Er erinnert an die Nibelungensage, in der Siegfried beim Bad in Drachenblut ein Lindenblatt zwischen die Schulterblätter fiel, so dass er doch nicht ganz unverwundbar war. Auf dem weiteren Weg begegnet die Lesergruppe dem Marienbecherchen, dem schwarzen Holunder oder dem Spitzwegerich.

Das Botanisieren ist dabei nicht nur „Chefsache“, denn viele der Leser kennen sich gut aus, bestimmen selbst Braunwurz, Schlehe, Beifuß, den man für den Gänsebraten verwenden kann, oder Johanniskraut, das zum Beispiel gegen Depressionen oder Schlafstörungen hilft. Ein wenig überrascht sind manche Leser, als Preckel bei der Wanderung von „FKK“ spricht, bis der Förster aufklärt, dass mit dem Kürzel eine typische Schlagflora, das Fuchskreuzkraut gemeint ist. Die Gruppe erfreut sich an zahlreichen weiteren Pflanzenarten, und bemerkenswert ist, dass die Leser gerade einmal den Wanderparkplatz am Breinigerberg umrundet haben.

Danach geht es in einen Buchenbestand, der im Winter durchforstet wurde. Hier findet die Gruppe „Waldmeister für die Bowle“, Hexenkraut, Maiglöckchen oder Perlgras und Bingelkraut. Förster Preckel lobt unterwegs Ameisen als wichtige Helfer im Forstschutz, die zum Beispiel Borkenkäfer bekämpfen, erklärt, dass die Vertiefungen im Waldboden „Pingen“ genannt werden und vom Galmei-Tagebau herrühren, und zeigt den Lesern eine 140 Jahre alte österreichische Schwarzkiefer. Als die Leser aus dem Schatten des Waldes treten und sich dem eigentlichen Schlangenberg nähern, bekräftigt Preckel, wie positiv sich der Kahlschlag sich auf das Naturschutzgebiet auswirke.

Tausendmal mehr Herbstzeitlose

Vor rund drei Jahren wurden auf dem Schlangenberg etwa 3000 Kiefern gefällt. „Wir haben damit dem Berg das nötige Licht gegeben, damit die Flora gedeihen kann“, beschreibt der Förster. Der gewünschte Effekt sei bereits nach einem Jahr eingetreten, und „heute haben wir hier tausendmal mehr Herbstzeitlose“. Eine Pflanzenart, deren Besonderheit es sei, dass sie ihre Frucht im Frühjahr zeige und im Herbst ihre Blüte. Auch der Seidelbast, diverse Orchideen- sowie Insektenarten kommen nun häufiger vor oder haben sich neu eingefunden.

Einzigartige Galmeiflora

Der kalkhaltige Boden des Naturschutzgebietes enthält auch große Mengen Zink, Cadmium und Blei, was die einzigartige Galmeiflora sprießen lässt, die nun auf dem Schlangenberg wieder genügend Raum und damit auch Sonnenlicht zur Entfaltung bekommen hat. Preckel verweist auf einige Flächen, und die Leser bestaunen das gelbe Galmeiveilchen und die Galmei-Grasnelke.

Wie viele für den Schlangenberg typische Orchideen ist auch das Galmei-Täschelkraut bereits verblüht, aber die Gruppe entdeckt reichlich Galmei-Schwingel, ein blau-grünes, borstiges Gras. Und auch Orchideen wie den Mücken-Händelwurz oder einen Stendelwurz.

Nicht zur Familie der Orchideen sondern zu der der Hundsgiftgewächse gehört der Schwalbenwurz, der die Leser ebenfalls beeindruckt, nachdem Förster Preckel auf den „betörenden Duft“ der Pflanze aufmerksam macht.

Vor dem gemeinen Teufelsabbiss hat keiner Angst, da die Wiesenstaude schön anzusehen ist. Preckel demonstriert ein ums andere Mal, wie Natur mit allen Sinnen zu erkennen und zu genießen ist. Beim Anschauen bleibt es nicht — riechen, reiben, tasten hilft beim Botanisieren und komplettiert das Naturerlebnis. Ebenso wie leichtes Bewegen mancher Pflanzen, etwa eines Klappertopfes. In den reifen Früchten der Pflanze klappern, wenn sie bewegt werden, die Samen hörbar, was wiederum den Namen erklärt.

Belladonna für die Pupillen

Die Begeisterung des Försters für die Schönheit der Natur überträgt sich auf die Leser, die sich eifrig auf die Suche nach dem seltenen und kleinen Farn Natternzunge machen. Auf dem Rückweg durch den Wald erfahren die Leser, dass die giftige schwarze Tollkirsche auch den Namen Belladonna (schöne Frau) trägt, da der Fruchtsaft die Pupillen vergrößert und früher von Frauen zu Schönheitszwecken benutzt wurde.

Als Theo Preckel gegen Ende der zweistündigen Wanderung die Frage stellt, wie die Welt wohl aussähe, wenn die Menschheit 100 Jahre schlafen würde, antworten die naturbegeisterten Leser einhellig: „Grün!“