Treue Besucher des CHIO: Kupferstädter besuchen alle Jahre wieder das Reitturnier

Treue Besucher des CHIO : Kupferstädter besuchen alle Jahre wieder das Reitturnier

Es ist ruhig in dieser Woche in der Kupferstadt. Das hat nicht nur mit den Sommerferien zu tun. Halb Stolberg trifft man in Aachen. Der CHIO lockt sie an wie Fliegen das Licht. Nicht nur Pferdesportbegeisterte. Die Soers ist während des Weltfestes des Pferdesports so etwas wie der Nabel der Welt. Man trifft sich, verfolgt den Sport, kommuniziert, arbeitet, kauft ein – und feiert.

Schon die ersten Schritte auf dem Turnierplatz sind wie ein Staffellauf des Wiedersehens. Man „stolpert“ schlichtweg über Bekannte – aktuelle wie solche aus früheren Zeiten, die man lange nicht mehr oder halt zuletzt vor einem Jahr an selbiger Stelle getroffen hat.

Beim Blick in die Auslagen im Village – der Shoppingmeile des CHIO – kommt gleich der entlarvende Satz: „Sie sind doch aus Stolberg! Ich kenne sie irgendwoher“, sagt die Beraterin in einem der Bekleidungszelte. Schnell hakt man die möglichen Berührungspunkte ab: Schule, Bus, oder halt das „Toulouse“. In früheren Jahren war das Café an der Jordanstraße für viele Stolberger halt das, was in dieser Woche der CHIO für die Menschen aus der Region, ja aus der ganzen Welt ist: der Nabel.

Schnell wird beim Gespräch auch klar, dass man die gleichen Wurzeln hat: Frauke Vaßen, geborene Gläsmann, ist Büsbacherin. Seit einem Dutzend Jahren arbeitet sie beim Ausstatter Wienand. Und ist somit eben alljährlich auf dem CHIO anzutreffen. An diesem Tag sind die Büsbacher Mädchen gleich im Doppelpack anzutreffen. Vaßens Chefin ist als Michaela Buschmann im Barenland aufgewachsen und hat vor 23 Jahren Frank Wienand geheiratet. Da braucht man nicht lange raten, um zu wissen, wie lange Michaela Wienand auf dem CHIO in der Boutique des Familienbetriebes anzutreffen ist.

Dieter Nerlich und René Gerhards (r.) spekulieren beim CHIO, ob sie Karten für die EM in München erhalten. Foto: Jürgen Lange

Apropos Barenland: Der Turniermittwoch erscheint wie ein Tag der Büsbacher und ihrer großen Themen zu sein: Was wird nun aus Angie’s Bistro und dem Saal? Kann es sich die KG Büsbach überhaupt leisten, sich in der Immobilie zu engagieren? Wie sieht die Zukunft der Karnevalsgesellschaft ohne den Saalbetrieb aus? Und wie sieht die Zukunft des Büsbacher Reitervereins, der vom 9. bis 11. August zu seinem großen Turnier einlädt, aus, wenn Gut Hassenberg wirklich verkauft werden sollte? Wird der Nahversorger im Ort weiter bestehen? Was wird aus dem Einkaufsort?

Ernste Probleme vor der Haustüre sind am Rande des Parcours ebenso Thema wie der große Reitsport. Den haben zuerst auch Michael und Claudia von der Weiden, Jeannette Oleschkowitz und Sascha Löhrer geschnuppert, bevor sie sich auf den Bummel durch die Zeltstadt gemacht haben und nun am früheren Warsteiner-Oxer eine Verschnaufpause einlegen. Seit Jahren wird hier schon Bitburger ausgeschenkt, aber geblieben ist der „Oxer“ ein Treffpunkt, ein Ort der Kommunikation. Dann geht es mitten in Aachen um Stolberger Themen. Urlaub, Hobby und Ausflüge sind Gesprächsstoff, aber auch kulturelle Belange. Michael von der Weiden ist Mitglied des Ensembles „Die Fünflinge“.

Die Stolberger a-capella-Gruppe stand vor wenigen Tagen bei der Chorbienale auf dem Aachener Münsterplatz, war Eröffnungsact des Stolberger Musiksommers in seinem 25. Jubiläumsjahr und plant nun einen großen Auftritt in der Heimatstadt. Welche Location werden sich die fünf Hobbymusiker – die nur aus Spaß an der Freude auf der Bühne stehen, aber einen großen Aufwand mit dem Auftritt finanzieren müssen – leisten können? In diesen Tagen soll die Entscheidung fallen.

Michael und Claudia von der Weiden, Jeannette Oleschkowitz und Sascha Löhrer (v.l.) bummeln durchs Village, schauen den Springen zu und genießen den Tag in Aachen. Foto: Jürgen Lange

Schon lange ist die Entscheidung für eine andere Gruppe aus dem größten Stolberger Stadtteil gefallen: Sabine Crombach, Martina Wirthmüller, Nele Rombach und Ute Schiffer sind überzeugte Wiederholungstäter. Der CHIO gehört für sie zum Jahresablauf wie Ostern oder Weihnachten. Auch diese „Büsbacher Mädels“ genießen in der Soers die Mischung aus Sport, Shopping und Konversation, sehen und gesehen werden.

Entsprechend vielseitig ist die Themenpalette – von Karneval über Küche, Klamotten, Kinder und Katze bis selbstverständlich zum Reitsport, dem beispielsweise Ute Schiffer von Kindertagen an eng verbunden ist. Als Andrea und Thomas Schaffrath – weitere Büsbacher – vorbeikommen, wächst die Runde wie selbstverständlich an. Die Beiden gönnen sich in der Soers einen besonderen Abend – noch einmal nachträglich zum Hochzeitstag zwei Tage zuvor – und genießen einfach das zufällig Treffen mit Freunden, Bekanntem und Verwandten.

Nicole Wirtz begleitet nicht nur Ehemann Axel Wirtz, sondern hat Interesse am Reitsport, weil sie früher selbst auf dem Rücken von Pferden gesessen hat. Foto: Jürgen Lange

Über ganz andere sportliche Herausforderungen als im Parcours, aber auch über das Nehmen von Hindernissen spekulieren derweil Dieter Nerlich und René Gerhards. Sie sammeln quasi Endspiele von Fußball-Meisterschaften. Im vergangenen Jahr haben die beiden Stolberger die Tickets für das WM-Finale in Moskau ergattert, dass sie auch ohne deutsche Beteiligung begeisterte. „Die Eindrücke sind unglaublich“, strahlt der frühere „Klimbim“-Inhaber Dieter Nerlich noch immer ganz beeindruckt.

Nun wollen die Freunde die nächste Hürde nehmen, während sie sich am „Oxer“ in der Soers erst einmal ein Bier genehmigen: Die Spiele der Fußball-EM im nächsten Jahr in München sind ihre Hürde. Dort kann man drei Gruppenspielen und ein Viertelfinale der über Europa verteilten EM erleben. Insgesamt gibt es dafür drei Millionen Tickets, „aber bereits über 20 Millionen Bewerbungen dafür“, sagt Gerhards. „Ob wir da Chancen haben?“

Sabine Crombach, Martina Wirthmüller, Nele Rombach und Ute Schiffer (v.l.) sind überzeuge Wiederholungstäter. Spätestens nach der Arbeit geht’s ab in die Soers. Foto: Jürgen Lange

Aber neben München ist natürlich auch Stolberg Thema am Tresen. Die Entwicklung der Gastronomie-Szene ist besorgniserregend, sagt Nerlich: „Wo soll das nur enden. Und wohin kann man dann noch gehen?“

Für die Politik aus der Städteregion kann man diese Frage am Turniermittwoch nur mit einem Wort beantworten: Soers. An diesem Tag geht es im abendlichen Springen um dem Preis der Städteregion „in memoriam Landrat Hermann-Josef Pütz“, und dazu lädt natürlich der Städteregionsrat ein. In seiner neuen Funktion meistert Tim Grüttemeier den ersten CHIO mit Bravour. Aber dafür hat er schon jahrelang trainieren dürfen. Seine Eltern haben ihn schon als Kind immer in die Sporen „mitgeschleppt“, und bereits als Stolberger Bürgermeister war das Turnier für ihn eine halbe Dienstveranstaltung: Netzwerken, Probleme in angenehmer Atmosphäre lösen, neue Kontakte knüpfen und Ideen „ausbrüten“.

Darum geht es für die vielen Funktionsträger aus der Region aus Politik, Verwaltung, Behörden und Unternehmen. Und wenn am Rande über die Fusion der Versorgungsunternehmen oder den weiteren Ausbau von Euregiobahn und Regio-Tram philosophiert wird, hat Nicole Wirtz einen entscheidenden Vorteil: Die Gattin des stellvertretenden Städteregionsrates und ehemaligen Vorsitzenden des Sportausschusses des Landtages ist Stammgast in Aachen und ist als Mädchen selbst durch den Zweifaller Wald galoppiert – auch ohne Sattel.

Maria Sonntag begleitet Knut Kurschatke. Die Hüfte des Pferdeheilpraktikers macht nicht mehr so mit, wie einst, und Pferde sind die große Leidenschaft des Rechtsanwaltes. Foto: Jürgen Lange

Derweil blickt Axel Wirtz schon einmal auf den BSR-Cup im Jubiläumsjahr „seiner“ Stolberger SG, der am Mittwoch auf dem Gressenicher Kunstrasen beginnt.

Pferde und ihr Sport bedeutet dagegen Knut Kurschatke alles. Er hat aktiv geritten, ist unter anderem Heilpraktiker für Pferde. Aber die Gesundheit des Rechtsanwaltes spielt nicht mehr so mit: „Die Hüfte“, sagt er. Zu Fuß kann er die Strapazen der Soers nicht bewältigen. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen und froh, dass sich eine gute Freundin um ihn kümmert: Maria Sonntag begleitet und umsorgt den Anwalt, kümmert sich um Essen und Trinken wie auch um den rechten Ausblick auf die Pferde.

Kurzum: Maria Sonntag bereitet Knut Kurschatke einen schönen Tag in der Soers und freut sich mit ihm: „Ist doch schön, dass Knut nach hier rauskommt“; sagt die Büsbacherin und strahlt.

Strahlen kann auch ein Mausbacher: Adolf Konrads. Er hatte im vergangenen Jahr sein Jubiläum verpasst, konnte aber im Urlaubsdomizil alles Wichtige rund um den CHIO dank E-Paper und Online-Service unserer Zeitung verfolgen. Aber diesmal hat er bei der Urlaubsplanung auf den Live-Effekt geachtet:

Der 80-Jährige ist mittlerweile zum bereits 60. Mal beim Weltfest des Pferdesportes dabei. Der CHIO ist halt eine Veranstaltung mit Ansteckungsgefahr. Und heute bei Military und Geländefahren der Kutschen, ganz sicher aber am Sonntag beim Großen Preis von Aachen wird wieder halb Stolberg in der Soers anzutreffen sein.

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