Stolberg: Kuchen zum Geburtstag? Nicht in der Kita in der Foxiusstraße

Stolberg : Kuchen zum Geburtstag? Nicht in der Kita in der Foxiusstraße

Neugierig beobachten die Kinder wie Alina Pfeffer die dunkelrote Flüssigkeit in die durchsichtigen Becher schüttet und diese dann verteilt. Sobald jedes Kind eine Kostprobe bekommen hat, wird gemeinsam probiert. „Ist es Kirschsaft?“, fragt ein Mädchen. „Nein“, lautet die Antwort von Alina Pfeffer. Auch um Erdbeer- und Himbeersaft handelt es sich nicht.

Kurz bevor Alina Pfeffer das Geheimnis um die dunkelrote Flüssigkeit lüften möchte, raten die Kinder erneut. „Ich glaube, das ist Johannisbeersaft“, sagt ein Junge und damit liegt er richtig. Doch längst nicht alle Kinder kennen sich mit Obst, Gemüse & Co. so gut aus wie der Nachwuchs in der Kita in der Foxiusstraße. Dort legt die Kita-Leitung nämlich besonders großen Wert auf eine gesunde Ernährung. Kuchen, Schokolade und Chips kommen dort nicht auf den Tisch — auch nicht zum Geburtstag.

Fast alle Eltern ziehen mit

„Als wir das den Eltern am Anfang mitgeteilt haben, waren sie schon geschockt. Wenn sie aber sehen, dass ihre Kinder das toll finden, ist es gut. Und es funktioniert super. Fast alle Eltern machen mit“, sagt Hanna Schadok, stellvertretende Leiterin der Einrichtung. Bereits vor einigen Jahren habe man sich das Thema gesunde Ernährung auf die Fahne geschrieben. Denn: „Wenn man besser isst, dann fühlt man sich auch besser“, ist sich Hanna Schadok sicher.

Und wie wird dies im Kita-Alltag umgesetzt? „Wir achten darauf, dass die Kinder keine Süßigkeiten mitbringen und bitten die Eltern darum, sich auch an Geburtstagen daran zu halten“, so die stellvertretende Leiterin und fügt hinzu: „Wenn sie unbedingt backen möchten, dann sollte es etwas Herzhaftes sein.“ Bei Klein und Groß komme dies gut an. „Seitdem lassen sich die Eltern viel einfallen. Wir haben hier schon Monster aus Wassermelonen gesehen und andere tolle Dinge aus Obst und Gemüse“, sagt Schadok.

Zum Frühstück gebe es für Kinder und Erzieherinnen Wasser und ungesüßte Tees, nach dem Mittagessen können sich die Kleinen an Obst und Gemüse bedienen. Natürlich ziehen auch die Erzieherinnen mit. „Nur wenn wir den Kindern ein gutes Vorbild sind, klappt das mit der gesunden Ernährung auch“, sagt Schadok. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass das Thema mittlerweile auch in den Familien angekommen ist.

Wie wichtig die Arbeit einer Kita in Sachen gesunde Ernährung heutzutage ist, weiß auch Alina Pfeffer. Sie und ihre Kollegin Jennifer van Dornick vom Verein „Mehr Zeit für Kinder“ sind an diesem Tag in der Kita zu Gast und veranstalten dort einen Workshop unter dem Titel „Achtsamkeit in der Ernährung“. Seit Oktober des vergangenen Jahres arbeitet die Einrichtung mit dem Verein zusammen. An vier Terminen besuchen Alina Pfeffer und Jennifer van Dornick die Kita. Bei jedem Workshop steht ein anderer Sinn im Vordergrund. An diesem Tag ist es das Schmecken. „Mittlerweile ist das Thema Ernährungsbildung in den Einrichtungen angekommen. Kitas sind heute in der Pflicht. Schließlich verbringen die Kinder dort einen Großteil des Tages“, sagt Alina Pfeffer.

Das Essen genießen

Dass sich in Sachen gesunde Ernährung etwas tun muss — auch in Stolberg — zeigen die aktuellen Zahlen. „Momentan ist jedes sechste Kind in Stolberg etwas zu schwer. Bei den Erwachsenen trifft dies auf jeden Zweiten zu“, sagt Ralf Steinbrecher von der Actimonda Krankenkasse, die die Workshops unterstützt. „Uns geht es darum, dass die Kinder bewusst essen, ihr Essen genießen und eine Liebe zu Lebensmitteln entdecken. Daraus erwächst der Gedanke, auch Gesundes zu essen. Natürlich darf es auch mal Schokolade sein, aber lieber weniger, dafür mit richtig Genuss“, so Steinbrecher.

Nachdem die Kinder erraten haben, was sich hinter dem dunkelroten Saft verbirgt, wird gegessen. Pfeffer und van Dornick haben eine kleine Auswahl an gesunden Snacks dabei: Karotten, Knäckebrot und Bananenchips. Besonders Letztere kommen bei den Kleinen gut an — auch, wenn die Kinder nicht auf Anhieb erkennen, was sich hinter den harten Chips verbirgt. Dafür schmeckt es dann fast allen Kindern gut.

„Uns ist es wichtig, dass die Kinder wieder ein Bewusstsein für natürliche Lebensmittel entwickeln“, sagt Alina Pfeffer. Gar keine einfache Aufgabe, wie auch Ralf Steinbrecher zu berichten weiß. „Mittlerweile wird man so von der Lebensmittelindustrie manipuliert, dass man den Geschmack einer richtigen Erdbeere gar nicht mehr kennt, weil sie im Joghurt, der voller Zucker ist, ganz anders schmeckt als in Wirklichkeit“, meint Steinbrecher. „Wenn wir bei den Kindern nur ein wenig Erfolg damit haben, zahlt sich das schon aus“, meint Hanna Schadok.

Projekt ausbauen

Bislang ist die Einrichtung in der Foxiusstraße die einzige Kita, die diese Workshops anbietet. Man stehe allerdings mit der Stolberger Verwaltung in Kontakt. „Es kann sein, dass das Projekt in Zukunft noch weiter ausgebaut wird“, sagt Steinbrecher. Schaden könnte es zumindest nicht, sind sich alle Verantwortlichen sicher.

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