Stadt Stolberg sucht Pflegeeltern: Klingt einfach? Ist es aber nicht immer.

Stadt Stolberg sucht Pflegeeltern : Klingt einfach? Ist es aber nicht immer.

Das Thema ist nicht unbedingt neu: Pflegeeltern werden dringend gebraucht. Doch genau da ist auch das Problem. Denn die sind in Stolberg zwar vorhanden, doch die Nachfrage wächst immer weiter. Helfen soll nun eine groß angelegte Kampagne.

Nino ist zwei Jahre alt. Seine Eltern sind mit dem Auto unterwegs und bauen einen Unfall. Im Krankenhaus müssen sie notoperiert werden. Aber wer kümmert sich um Nino? Großeltern, Tanten oder Onkel hat der Kleine nicht. Dennoch muss er untergebracht werden. Ähnlich geht es Marie – auch, wenn sich ihre Situation ganz anders darstellt. Maries Eltern haben sich scheiden lassen. Ihr Vater ist in eine andere Stadt gezogen, nun lebt sie bei ihrer Mutter. Sie kümmert sich alleine um die Sechsjährige. Bislang hat alles gut funktioniert. Bis Maries Mutter ihren Job verloren hat. Seitdem greift sie öfter zur Flasche.

Mittlerweile hat sie eingesehen, dass sie professionelle Hilfe braucht und macht einen Entzug. Doch wo wird Marie in dieser Zeit ein neues Zuhause finden? Bei Pascal sieht es diesbezüglich ein wenig anders aus. Erst vor wenigen Tagen ist er auf die Welt gekommen. Kümmern können und wollen sich seine Eltern um den Jungen nicht. Sie sind beide schwer drogenabhängig. Wie wird seine Zukunft aussehen? Diese drei Fälle sind allesamt erfunden. Weder die Namen, noch die Begebenheiten sind wirklich passiert. Unrealistisch sind sie allerdings keineswegs. Erfahrungen wie diese müssen Kinder immer wieder machen – auch in Stolberg.

Bis zu 70 Familien

Damit Kinder wie Nino, Marie oder Pascal in diesen Situationen schnell ein neues Zuhause finden können, werden Pflegeeltern dringend gebraucht. Doch genau da ist das Problem. Denn die sind in Stolberg zwar vorhanden, doch die Nachfrage wächst weiter. Gerade für kleinere Kinder werden in Stolberg dringend Pflegeeltern gebraucht. Helfen soll nun eine groß angelegte Kampagne mit dem Titel „Ja! Auch ihr könnt Pflegeeltern sein“, die den Fokus nicht nur auf das klassische Familienmodell legt. Doch dazu später mehr.

Wie hoch der Bedarf an neuen Pflegeeltern ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Rund 140 Pflegekindern – diese werden nicht nur über den Kinderpflegedienst des Jugendamtes der Stadt Stolberg betreut – stehen zwischen 68 und 70 Pflegefamilien gegenüber. Zudem gebe es 16 Familien in der Bereitschaftsbetreuung. Vor allem in der Urlaubszeit könne es das eine oder andere Mal ganz schön eng werden, sagt Jugendamtsleiter Willy Seyffarth. Im Rahmen der Kampagne will die Stadt deshalb nicht nur auf klassische Familienkonstellationen, bestehend aus Ehepaar und ein oder mehreren Kindern, setzen, sondern auch junge und gleichgeschlechtliche Paare oder Alleinstehende als Zielgruppe ansprechen.

Eine Kampagne, die sich nicht nur an klassische Familienmodelle richtet, soll bei der Suche helfen. Foto: imago stock&people

Eine Idee, die nicht neu ist. Nach einem Urteil des Amtsgerichts München sind miteinander verpartnerte homosexuelle Paare seit dem 5. August 2016 berechtigt, als Pflegeeltern die Vormundschaft für Kinder und Jugendliche auch gemeinsam auszuüben; bis zu diesem Zeitpunkt hatte eine gesetzliche Regelungslücke bestanden und dies verhindert. Dass dies möglich ist, sei oft jedoch nicht bekannt. Oft höre man Sätze wie „Ach, die dürfen das auch?“, erläutert Christine Stadler, Leiterin der Abteilung Sozialpädagogische Sonderdienste. Sie ist sich sicher: „Menschen mit Behinderung, gleichgeschlechtliche oder junge Paare können Kinder – so wie auch die klassischen Familienmodelle – sehr gut versorgen.“

Bevor ein Kind in eine Pflegefamilie kommt, ist übrigens schon eine Menge passiert. Potenzielle Pflegeeltern müssen beispielsweise an Schulungen teilnehmen. Diese finden gemeinsam mit dem Haus St. Josef in Eschweiler statt. Dabei geht es nicht nur um rechtliche Fragen oder Berichte von erfahrenen Pflegeeltern, sondern auch die eigenen Familien werden eingebunden. Wer diesen Kurs absolviert hat, kann sich auch noch in Sachen Bereitschaftspflege weiterbilden. Dabei geht es um die kurzfristige Unterbringung von Kindern. Das ist jedoch kein Muss. Ein intensives Kennenlernen der potenziellen Pflegeeltern mit dem Pflegekinderdienst steht ebenfalls an. „Wir führen viele Gespräche und gehen auch in die Haushalte“, sagt Nadine Dujardin vom Pflegekinderdienst. Ebenfalls eine wichtige Rolle spiele das Thema Supervision. Auch Angebote für die Pflegekinder seien vorhanden. Prinzipiell gilt: „Das Kind muss zu den Pflegeeltern passen und die Pflegeeltern müssen zum Kind passen“, sagt Seyffarth.

Nicht nur positiv besetzt

Generell lässt sich zwischen der Bereitschaftspflege sowie zwischen der mittelfristigen – das bedeutet in vielen Fällen zwischen sechs Monaten und zwei Jahren – und langfristigen Pflege unterscheiden. Das kommt allerdings ganz auf das Kind und dessen familiäre Situation an. Im Beispiel des kleinen Nino könnte es sich um eine kurzfristige Unterbringung handeln, die nur wenige Tage dauert. Bei Marie könnte es zu einer mittelfristigen Unterbringung kommen – also so lange, bis ihre Mutter wieder in der Lage wäre, sich um sie zu kümmern –, bei Pascal könnte die Unterbringung bei Pflegeeltern langfristig ausfallen. Wichtig sei jedoch: „Die Situationen müssen nicht immer dramatisch sein“, sagt Seyffarth. Er und seine Kollegin Christine Stadler wissen allerdings, dass das Thema Pflegefamilien in der Öffentlichkeit nicht nur positiv besetzt ist.

Ein Vorurteil betrifft immer wieder den finanziellen Aspekt. Ist dies allerdings gerechtfertigt? Wer ein Pflegekind bei sich aufnimmt, wird von der Stadt unterstützt. Seit dem 1. Januar 2017 gelten beispielsweise für die Vollzeitpflege folgende Tarife, die durch das Land Nordrhein-Westfalen festgelegt wurden: Wer ein Kind bis zum vollendeten siebten Lebensjahr aufnimmt, erhält 770 Euro im Monat. 522 Euro für materielle Aufwendungen und 248 Euro für die Erziehung. Letzteres ändert sich nicht. Wer ein Kind zwischen dem siebten und 14. Lebensjahr aufnimmt, erhält materielle Aufwendungen in Höhe von 596 Euro und kommt monatlich auf einen Gesamtbetrag von 844 Euro. Bei Jugendlichen zwischen dem 14. und 18. Lebensjahr betragen die materiellen Aufwendungen 726 Euro, so dass im Monat ein Gesamtbetrag von 974 Euro zustande kommt. „Das sind keine Summen, mit denen man große Sprünge machen kann“, sagt Stadler.

Die Pflegeeltern in Stolberg sind übrigens vernetzt und treffen sich einmal im Monat oder alle sechs Wochen zum Austausch. Dann spricht man über Erfahrungen oder auch Probleme, die auftauchen – natürlich in einem geschützten Raum. Eine Herausforderung für Pflegeeltern könnte sein: Sie müssen den Herkunftsfamilien Akzeptanz entgegenbringen. Das könne genauso herausfordernd sein wie die Tatsache, dass Pflegekinder vielleicht irgendwann auch wieder in ihre Ursprungsfamilie zurückkehren können. „Das hört sich vielleicht alles relativ einfach an. Aber es gibt viele Aufgaben, die dahinter stecken“, meint Bürgermeister Patrick Haas.

Der Kinder- und Jugendausschuss sprach sich bereits für die Kampagne aus. Nun steht dem Start nichts mehr im Weg. Die Plakate sollen im Stadtgebiet und in Einrichtungen wie Kitas verteilt werden. Interessierte können sich auch direkt bei der Stadt melden. Dann gibt es nur noch einen weiteren Punkt, den potenzielle Pflegeeltern erfüllen müssen: „Sie müssen Herz, Verstand, Raum und Zeit mitbringen“, so Stadler.