Kinderarmut in Ober-Stolberg soll bekämpft werden

Integriertes Handlungskonzept : Kinderarmut in Oberstolberg soll bekämpft werden

50 Prozent der insgesamt 450 Kinder und Jugendlichen bis 14 Jahre, die in Oberstolberg leben, sind von Armut betroffen. Das ist eigentlich keine Neuigkeit und geht bereits aus dem Sozialbericht der Stadt Stolberg hervor.

Neu ist allerdings, dass bald schon ein Projekt starten soll, das die Kinderarmut in Oberstolberg – und vor allem die damit verbundenen gesundheitlichen Probleme – eindämmen will.

Das Projekt soll den Titel „Starkes Aufwachsen – Gesund im Quartier Oberstolberg“ tragen und wird mit insgesamt 90 Prozent – also 400.000 Euro – aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert. Zehn Prozent beträgt der Eigenanteil für die Stadt Stolberg. Damit ist es eines der ersten Projekte aus dem Integrierten Handlungskonzept „Berg- und Talachse – Miteinander für Münsterbusch, Ober- und Unterstolberg“, das nun umgesetzt werden soll.

„Zentraler Baustein“

„Das Projekt ist eines der Schlüsselprojekte des Integrierten Handlungskonzepts vor allem für den sozialen Bereich“, sagt Stolbergs Erster Beigeordneter Robert Voigtsberger. Es soll nicht nur an Kinder gerichtet sein, die in die Schule kommen, sondern auch an die, die von der Grundschule in die weiterführende Schule wechseln. Dabei soll auch das Thema Engagement durch Nachbarn und Bürger eine wichtige Rolle spielen. So soll ein Arbeitsprogramm gegen Bildungshürden, Arbeitslosigkeit, Armut, Gesundheitsrisiken, soziale und politische Exklusion sowie psychische und physische Beeinträchtigung auf den Weg gebracht werden. „Es wird darum gehen, die Kinder in das Zentrum der gesamten Quartiersentwicklung zu stellen, sie selbst aktiv zu beteiligen, die Eltern zu stärken und mit der Bewohnerschaft die Lebensräume des Viertels im Sinne integrierter Gesundheitsförderung zu gestalten“, fasst Voigtsberger das Vorhaben zusammen.

Warum gerade Oberstolberg mit dem Projekt angesprochen werden soll? Die Bevölkerung dort ist überproportional von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen, wie aus dem Sozialbericht der Stadt hervorgeht. Dort leben etliche junge Menschen, viele davon in kinderreichen Familien mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung. Die Kinderarmutsquote liegt dort weit über dem städtischen Gesamtdurchschnitt und ist mit knapp 50 Prozent extrem hoch. Die Bildungseinrichtungen im Stadtteil – dazu gehören die Grundschule Grüntalstraße, die Kita Steinweg und die Kita Zauberkiste – erleben die Lebenslagen vieler Familien als problematisch.

Arbeiten beim Projekt „Starkes Aufwachsen - Gesund im Quartier Oberstolberg“ zusammen: Margit Schmitt, Nathalie Schneider, Astrid Natus-Can, Paul Schäfermeier, Robert Voigstberger und Leo Jansen (von links). Foto: ZVA/Sonja Essers

Der Anteil an Familien mit Hilfen zur Erziehung ist hoch. Sprachbarrieren und Fluchterfahrungen erschweren zudem den Zugang zu den Familien und die Auseinandersetzung über Bildungs- und Erziehungsfragen. Der Anteil an auffälligen Schülern wird als hoch beschrieben. Die Bildungs- und Teilhabechancen der Kinder und Jugendlichen werden hingegen als gering eingeschätzt. Hinzu kommt: Viele Eltern sind langzeitarbeitslos, wodurch die Familien und besonders die Kinder belastet sind. Das Aufwachsen vieler Kinder ist außerdem von gesundheitlichen Defiziten geprägt. Auch das wird auch dem Sozialbericht der Stadt deutlich. Darunter vor allem Übergewicht und mangelnder Zahngesundheit, erklärt Sozialamtsleiter Paul Schäfermeier und verweist auf die Schuleingangsuntersuchungen.

Bis zum 14. Lebensjahr

Genau an dieser Stelle soll das Projekt „Starkes Aufwachsen – Gesund im Quartier Oberstolberg“ ansetzen. Das Ziel: Alle Kinder Oberstolbergs bis zum 14. Lebensjahr sollen mit ihren Familien durch das Projekt angesprochen und zum Mitmachen eingeladen werden. Dazu hat sich ein Trägerverbund aus Helene-Weber-Haus (HWH) Stolberg, Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Stolberg und dem Verein Betreute Schule Aachen-Land  gemeinsam mit der Stadt formiert, der ab Januar bis einschließlich Dezember 2020 das Projekt durchführt.

Sechs verschiedene Bausteine beinhaltet das Projekt. Der Sozialdienst katholischer Frauen übernehme dabei die Netzwerkarbeit. Man fungiere als eine Art „Brückenbauer“, bringe alle Akteure an einen Tisch und vermittle die Klienten, sagt die SkF-Geschäftsführerin Margit Schmitz. Wichtig sei, dass man auf die Familien zugehe, mit ihnen in Kontakt trete und sie begleite, so Schmitt weiter. Eine Herangehensweise, die auch das Helene-Weber-Haus verfolgt.

Ein Ökotrophologe und Hauswirtschafter soll sich um das Thema gesunde Ernährung kümmern – Haushaltsführerschein inklusive. Er soll den Familien zeigen, wie sie ihre Lebnssituation verbessern können, ohne dabei viel Geld in die Hand nehmen zu müssen, sagt Astrid Natus-Can, Geschäftsführerin und Leiterin des Helene-Weber-Hauses. Sie und ihre Mitarbeiter waren auch für die Antragstellung zuständig und kümmern sich um die Verwendungsnachweise.

Mit dem Thema Bewegung setzt sich der Verein Betreute Schulen Aachen-Land auseinander. Im Fokus stehen Spielangebote, die während der Freizeit stattfinden sollen und sich an Kinder richten, die sich regelmäßig an öffentlichen Plätzen aufhalten und bereits in der Schule durch ungesunde Ernährung auffallen, erklärt Fachberaterin Nathalie Schneider. Auch ein Elterncafé, bei dem die Möglichkeit zur Begegnung und zum Austausch besteht, soll initiiert werden. Der Projektstandort soll übrigens im städtischen Gebäude Grüntalstraße 5 sein – ein weiteres Projekt aus dem Integrierten Handlungskonzept.

Personal- und Standortfrage

Und wie sehen nun die weiteren Schritte aus? Standort- und Personalfragen seien nun geklärt. Ende Januar findet ein erstes Treffen des Projektteams statt, erklärt Sozialplaner Leo Jansen. Anfang Februar soll dann die Umsetzung beginnen. Jansen ist der Meinung, dass es sinnvoll sei, sich auf ein Viertel und dessen Bewohner zu konzentrieren. „450 Kinder kann man durchaus erreichen. Uns ist es vor allem wichtig, dass wir keines davon übersehen“, sagt er.

Wie wichtig es sei, die Familien mit einzubinden, weiß Robert Voigtsberger. Nur so könne auch eine Identifikation mit dem eigenen Viertel entstehen. Damit Oberstolberg nicht länger als der Ortsteil mit der höchsten Kinderarmut, sondern als der mit den stärksten Familien wahrgenommen werde.

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