Stolberg: Kinder- und Jugendärzte fordern: Kein Ramadan-Fasten für Kinder

Stolberg : Kinder- und Jugendärzte fordern: Kein Ramadan-Fasten für Kinder

Für die Muslime hat in der vergangenen Woche die wichtigste Zeit des Jahres begonnen: der Fastenmonat Ramadan. 29 Tage lang darf tagsüber weder gegessen noch getrunken werden. Eine Vorschrift, die auch für Jugendliche gilt, die die Pubertät erreichen. Sie gelten im Islam als mündig. Kinder, die die Pubertät noch nicht erreicht haben, werden ermutigt, so viele Tage zu fasten wie sie können.

Auch in Stolberg gibt es Grundschüler, die fasten. Doch Kinder- und Jugendärzte schlagen nun Alarm. Sie fordern: kein Ramadan-Fasten für Kinder. In Stolberg ruft dieser Vorschlag verschiedene Reaktionen hervor.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat vor Beginn des Fastenmonats darauf hingewiesen, dass das Fasten für Kinder und Jugendliche — vor allem der Verzicht auf Flüssigkeit — aus medizinischer Sicht ungesund und schädlich sei. Immer wieder sehen Kinder- und Jugendärzte in dieser Zeit sehr blasse und unkonzentrierte Kinder, die unter starken Kopf- oder Bauchschmerzen leiden. Der Verband gab in diesem Jahr eine Warnung heraus, da der Ramadan in die Zeit der wichtigsten Wochen des Schuljahres falle. Nicht nur entscheidende Klassenarbeiten, sondern auch Sportwettbewerbe stehen bis zu den Sommerferien Mitte Juli noch auf dem Stundenplan der Schüler.

Das Fasten sei für Kinder und Jugendliche — vor allem an warmen Tagen — nicht nur gefährlich für die Gesundheit, sondern gefährde auch ihre schulischen Leistungen. Das liege daran, dass die Kinder nicht ihren normalen Schlafrhythmus einhalten können, da erst nach Sonnenuntergang gekocht und gegessen werde. So sei es keine Seltenheit, dass Kinder am nächsten Tag in der Schule müde und unkonzentriert seien.

Fastende Kinder sind müde

Diese Erfahrung hat man auch an den Stolberger Grundschulen gemacht. „Grundsätzlich halten wir es für wichtig, den angebrachten Respekt religiösen Haltungen gegenüber zu erbringen. Allerdings bin ich persönlich auch der Meinung, dass Kinder in der Entwicklungszeit nicht fasten sollten und wir merken es deutlich, dass einige der fastenden Kinder morgens unausgeschlafen und müde sind und sich nicht gut konzentrieren können“, sagt Friedrich Kratz-Maurer, Schulleiter der Grüntalschule.

Das betreffe auch Kinder, die zwar tagsüber essen dürften, die aber durch das Fasten in der Familie aus ihrem gewohnten Rhythmus gebracht würden. „Wir müssen vereinzelt sogar zu Hause anrufen, wenn betreffende Kinder verschlafen haben“, so der Schulleiter weiter. Den gewählten Kommunikationsweg der Kinder- und Jugendärzte hält Kratz-Maurer allerdings für überdenkenswert. „Vielleicht wäre eine persönlichere Ansprache und Diskussion des Themas in den Schulen und Moscheen angebrachter“, meint er.

Doch es gibt auch andere Meinungen. Yakub Yerle, Vorstandsekretär der Stolberger Ditib-Moschee, hält das Fasten bei Kindern ebenso unproblematisch wie bei Erwachsenen. „Wenn das Kind sich gut fühlt, kann es ruhig fasten“, sagt er. Wer krank sei oder sich während der Fastenzeit zum Beispiel bei sportlichen Wettkämpfen schwer körperlich betätige, habe schließlich auch die Möglichkeit, den Ramadan zu unterbrechen. Die versäumten Fastentage können dann zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden (siehe Infobox). In der Stolberger Ditib-Moschee fasten etwa 50 Prozent der Muslime, schätzt Yerle. Viele Kinder der muslimischen Gemeinde entschieden sich dafür, am Wochenende „als Hobby“ am Ramadan teilzunehmen. Letztlich solle es jeder so machen, wie er möchte, betont Yerle. „Wir setzen niemanden unter Druck.“

„Fasten auf freiwilliger Basis“

Auch Ahmet Ekin, Vorsitzender des Stolberger Integrationsrats, findet, dass die Teilnahme am Ramadan aus freien Stücken erfolgen muss. „Ebenso wie beim Tragen des Kopftuchs oder beim täglichen Gebet muss auch das Fasten auf freiwilliger Basis passieren“, sagt Ekin. Für Jugendliche hält er das Fasten aber nicht für sinnvoll. Erst ab der Volljährigkeit verstünden die jungen Menschen wirklich, worum es in der Zeit des Verzichts geht. „Solange Kinder den Sinn des Lebens und des Glaubens gar nicht verstehen können, bringt auch das Fasten nichts“, sagt Ekin. In ihrem Alltag stünden Jugendliche ohnehin ständig unter Druck — in der Schule, zu Hause, unter Freunden. Da müsse man ihnen nicht noch eine zusätzliche Aufgabe aufdrücken, die sie neben Klassenarbeiten und Sportunterricht ohnehin nicht zu 100 Prozent erfüllen können.

Dieser Meinung ist man auch in der Grundschule an der Bischofstraße in Büsbach. Lehrerin Susanne Haan meint: „Ich finde das Fasten bei Kindern nicht angemessen. In der Schule fordern wir die Leistung der Kinder während des gesamten Schulvormittags. Trinken und Essen ist dabei für mich unverzichtbar“, sagt sie. Eine eher unschöne Situation bezüglich des Fastens hat vor einigen Monaten ihre Kollegin Cordula Paules, die ebenfalls in der Grundschule an der Bischofstraße unterrichtet, erlebt. Dabei ging es um Lebensmittel wie Schweinefleisch in Wurst oder Gummibärchen mit Gelatine, die Muslime nicht essen dürfen. Zwei Zweitklässler, die streng muslimisch seien, beschimpften und verurteilten andere Kinder, sie würden sich nicht an die Regeln des Korans halten und würden deshalb bestraft. Paules ist der Meinung, dass ein Aufruf der Kinderärzte der richtige Weg sei.

Die wiederum raten muslimischen Eltern dazu, ihren Kindern zu erklären, dass das Fasten für sie ungesund ist. Sie sollen dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche auch tagsüber ausreichend trinken. Wasser, ungesüßte Tees und Fruchtsaftschorlen sollen zum Trinken ermutigen. Ein positiver Nebeneffekt: Die Fastenzeit kann genutzt werden, um von Limo, Fruchtsaftgetränken, Eistee und Cola auf gesundes Wasser umzustellen.

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