Stolberg/Aachen: Kibiz: Noch läuft nicht alles nach Plan

Stolberg/Aachen : Kibiz: Noch läuft nicht alles nach Plan

Ein halbes Jahr ist es jetzt alt, das Kinderbildungsgesetz Kibiz. Die Erfahrungen, die Tagesstätten und ihre Träger gemacht haben, sind durchaus unterschiedlich. In Aachen wird am 28. April ein Erfahrungsbericht vorgestellt, und der nennt nicht nur positive Auswirkungen des Gesetzes.

Schon jetzt sagt Manfred Ernst vom dortigen Fachbereich Kinder, Jugend, Schule: „Kibiz hat Weniges verbessert, aber Vieles schwieriger gemacht.” Viele Befürchtungen, die schon die Geburt des neuen Gesetzes begleitet hatten, hätten sich mittlerweile bewahrheitet -Êbei Trägern, Mitarbeitern und Eltern.

Gelassener Amtsleiter

In Stolberg gibt es keinen Erfahrungsbericht, doch scheint in der Kupferstadt der Bedarf, seine Probleme mit Kibiz zu artikulieren, auch weniger groß zu sein. Jugendamtsleiter Willi Seyffarth jedenfalls blickt gelassen auf das erste halbe Jahr mit dem neuen Gesetz zurück. Kibiz sei eben eine Mischkalkulation. Es könne da schon sein, dass ein Träger mit älterem Personal schlechter dastünde als vorher.

Genau das beklagen nämlich die Träger in Aachen: Die Pauschalen, mit denen die Einrichtungen nach dem neuen Gesetz finanziert werden, seien „nicht auskömmlich”, heißt es da. „Die knapp beziehungsweise unzureichend bemessenen Pauschalen zwingen die Einrichtungen, ihre Elternbeiträge anzuheben, um Defizite aufzufangen”, beklagt der städtische Bericht.

Tatsächlich geht es wohl auch anders herum. „Manche Einrichtungen stehen nun besser da”, sagt Willi Seyffarth. Man habe durch Kibiz schließlich auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten bekommen, die auch für die Personalplanung gelten.

Doch der Bericht aus Aachen kreidet weiter an, dass die Mitarbeiter ebenfalls mit den Konsequenzen der neuen Finanzierung leben müssen. So würden Alter und Berufserfahrung nicht mehr berücksichtigt. In Aachen habe es laut städtischem Bericht in einigen Fällen Änderungskündigungen gegeben, weil erfahrene Erzieherinnen nicht mehr finanziert werden konnten. Sie müssen nun für deutlich weniger Geld arbeiten, als nach dem alten Gesetz. „Auch Kündigungen hat es gegeben”, sagt Ernst. „Die Kindpauschalen sind faktisch so niedrig, dass es in verschiedenen Einrichtungen zu Kündigungen kommen musste”, heißt es wörtlich im Kibiz-Bericht.

Änderungskündigungen gab es dagegen in Stolberg bisher nicht, schon gar keine Kündigungen. „Im Gegenteil, wir haben es sogar geschafft, alle neuen Stellen aufgrund von Kibiz unbefristet laufen zu lassen”, sagt Willi Seyffarth mit Blick auf die Kitas in städtischer Trägerschaft. Kleinere Träger, räumt er ein, hätten dagegen Schwierigkeiten gehabt, ihr erfahrenes Personal mit den Pro-Kopf-Pauschalen aus Kibiz zu finanzieren und ihren bisherigen Personalschlüssel zu halten.

In einem weiteren Kritikpunkt stimmt der Stolberger Jugendamtschef mit dem Aachener Bericht überein: Der Termin, bis zu dem die Belegung jeder Einrichtung festgeschrieben sein muss, ist zu früh und zu unflexibel. Die Eltern sollten nämlich nach Möglichkeit bis zum 15. März wissen, wann, ob und wie lange sie ihr (U3-)Kind in einen Kindergarten schicken. „Das trägt den Lebenssituationen der betroffenen Familien nicht ausreichend Rechnung”, kritisiert der Aachener Bericht und Seyffarth stimmt zu: „Der Stichtag 15. März ist natürlich sehr knapp.”

In Stolberg müssen bis Ende Februat die Betreuungsverträge vorliegen. Die Entwicklungsplanung beginnt bereits am Ende eines Jahres für den Beginn des Betreuungsjahres im August. „Die Eltern müssen sich also bereits ein halbes Jahr im Voraus entscheiden, ob ihr Kind in den Kindergarten soll. Das ist gerade in dem Alter eine enorme Entwicklungsstufe”, so Seyffarth.

Bei einem einjährigen Kind, vermutet der Jugendamtsleiter, möge man im Winter das Gefühl haben, es sei noch nicht reif für die Kita, ein halbes Jahr später sehe das dann schon ganz anders aus. Dann kann es aber zu spät sein, denn gerade im ländlichen Bereich, wo knapp kalkuliert wird, könnte dann das Angebot schon nicht mehr verfügbar sein.

„Flexibilität geschaffen”

Und die Einrichtungen sind in ihren Planungen vom Buchungsverhalten (25, 35 oder 45 Stunden) der Eltern abhängig. Dadurch entstehen Unsicherheiten und Unzufriedenheit. Doch Minister Laschet wehrt sich: „Man kann den März-Termin unflexibel nennen, aber bei Rot-Grün vor 2005 hatten wir nur 16000 U3-Plätze. Nun haben wir 86000. Kibiz hat für die Eltern von 70000 Kindern die Flexibilität geschaffen, die sie früher vermisst haben.”

Tatsächlich biete Kibiz viel mehr als früher, sagt Seyffarth: andere Öffnungszeiten, andere Angebote. Dazu gehört auch die Sprachförderung. Die wird nun, gesetzlich verankert, über zwei Jahre organisiert und über eine Pauschale finanziert. Seyffarth: „Man hat dadurch eine gewisse Zuverlässigkeit. Die Mittel pro Kopf sind aber nicht gerade viel, um qualifizierte Sprachförderung zu machen.”