Konvertieren als letzter Schritt zum Ziel: Keine Leitung der Atscher Grundschule wegen falscher Konfession

Konvertieren als letzter Schritt zum Ziel : Keine Leitung der Atscher Grundschule wegen falscher Konfession

An der Katholischen Grundschule Atsch fühlt sich Martina van West so richtig wohl. Seit 14 Jahren ist sie dort Lehrerin, seit fast vier Jahren ein Teil der Schulleitung. Zum 1. Februar hat van Westen sogar die kommissarische Leitung der Schule übernommen. Direktorin kann sie allerdings nicht werden.

Der Grund: Sie ist evangelisch. Ihr Beispiel zeigt, wie weit die Paragraphen des nordrhein-westfälischen Schulgesetzes und die Realität auseinanderklaffen. Ein Stück aus dem Leben.

Um die aktuelle Situation der KGS Atsch und Martina van Westen, zu erklären, muss man ein wenig ausholen. Als die bisherige Direktorin die Schule Ende Januar verließ, stand für das Kollegium und die Eltern schnell fest, dass van Westen die Leitung übernehmen soll. Schließlich sei sie die dienstälteste Kollegin an und habe in den vergangenen Jahren bereits entsprechende Erfahrungen sammeln können. Die Stelle als Direktorin wurde ausgeschrieben. Beworben hat sich – außer van Westen – bis heute niemand. Ein Trend, der häufiger zu beobachten ist, denn jede neunte Schule in Nordrhein-Westfalen hat keinen regulären Leiter. Das geht aus einer Anfrage an das Schulminierium von März hervor.

Martina van Westen hat die kommissarische Leitung damals übernommen, obwohl sie nicht Schulleiterin werden darf. Heißt im Klartext: Sie trägt die Verantwortung, wird aber nicht entsprechend bezahlt. Hoffnung darauf, dass sie mit ihrer Konfession doch noch Direktorin werden darf, gibt es nicht. Schließlich ist im nordrhein-westfälischen Schulgesetz verankert, dass Bekenntnisschulen auch nur von Schulleitern einer entsprechenden Konfession geleitet werden dürfen.

Regeln waren noch schärfer

Bis 2015 waren die Regeln sogar noch schärfer. SPD und Grüne setzten sich damals im Landtag dafür ein, dass an Bekenntnisschulen auch Lehrer unterrichten dürfen, die selbst nicht die entsprechende Religionszugehörigkeit haben. Das war bis dato nämlich nicht möglich. Die Schulleitung muss allerdings weiterhin entsprechend getauft sein. Warum dieser Zusatz damals nicht direkt mit abgeschafft wurde? „Grund hierfür ist, dass die Bekenntnisprägung einer Schule maßgeblich durch die Lehrkräfte der Schule vermittelt wird“, heißt es aus dem Schulministerium. Ändern soll sich daran auch künftig nichts.

Wenn van Westen aufgrund ihrer Konfession also nicht Schulleiterin werden darf, wie wäre es, wenn die Schule einfach konfessionslos wird? Ändern würde sich nämlich nichts. Der Träger bleibt weiterhin die Stadt. Das ist nicht unüblich, denn: Die Kirche hat weder eine Träger- noch eine Aufsichtsfunktion. Heißt: Fallen Kosten an – beispielsweise für die Instandhaltung des Gebäudes oder Material – kommt der Träger, also die Stadt Stolberg, dafür auf. Die Kirche bietet den Katholischen Grundschulen lediglich an, sie bei ihrer „Profilierung als Katholische Grundschule“ zu unterstützen. Bedeutet: Für die Schulleitungen bietet sie beispielsweise Seminare an.

Das Bistum Aachen ist von einer Umwandlung nicht begeistert. Zwar gebe es durchaus Konstellationen vor Ort, die einen solchen Schritt notwendig machen würden. „Generell ist es aus Sicht des Bistums sehr bedauerlich, wenn ein entsprechendes Verfahren, das nach den gesetzlichen Vorgaben zu regeln ist, eingeleitet wird“, teilte eine Sprecherin mit. Verhindern könnte die Kirche dies allerdings nicht.

Laut dem nordrhein-westfälischen Schulgesetz haben Eltern nämlich die Möglichkeit, die Schulart der Grundschule ihres Kindes selbst zu ändern. Die Voraussetzung dafür: Zehn Prozent der abstimmungsberechtigten Eltern müssen bis zum 1. Februar eines Jahres einen Antrag auf die Einleitung des Verfahrens an das Schulamt stellen. Dieses Antragsverfahren gliedert sich in ein Einleitungsverfahren und ein Abstimmungsverfahren.

Ende Januar dieses Jahres haben die Eltern der KGS Atsch einen entsprechenden Antrag bei der Stadt Stolberg eingereicht. Insgesamt sind 26 Anträge (13,8 Prozent) eingegangen, teilte die Stolberger Verwaltung mit. Die vorgegebene Quote von zehn Prozent wurde somit erfüllt.

Der Weg für die Umwandlung schien also geebnet. Bevor das Abstimmungsverfahren der Eltern allerdings starten konnte, musste die Politik ihr Go geben. Doch der Stolberger Schulausschuss hatte mit der Vorlage der Verwaltung so seine Schwierigkeiten. In dieser war nämlich nicht zu lesen, dass die Schulleiterin evangelisch ist und dies wohl der Hauptgrund für die Umwandlung der Schule sein könnte. Zwar betonte die Politik in der Sitzung immer wieder, dass sie höchst zufrieden mit van Westen sei und hinter ihr stehen würde, allerdings forderten die Ausschussmitglieder Erklärungen von Bistum und Schulkonferenz, um neu über das Thema beraten zu können.

Jede Stimme zählt

Eine Sondersitzung soll nun nach den Sommerferien einberufen werden, denn die Zeit drängt. Schließlich müsse vor der nächsten Anmeldephase geklärt sein, welche Ausrichtung die Schule habe. Das Prozedere, das nach der Entscheidung des Ausschusses auf die Schule zukommen wird, dürfte ebenfalls noch einmal Zeit in Anspruch nehmen. Denn erst dann können die Eltern darüber abstimmen, ob die Schule umgewandelt wird, oder nicht. Die Stimmabgabe soll per Brief erfolgen. Doch: Eltern können nur abstimmen, wenn sie sich vorab auch bei der Verwaltung dafür eingetragen haben. Eine Umwandlung findet nur statt, wenn mehr als die Hälfte der Eltern dafür gestimmt haben. Jede nicht abgegebene Stimme wird als Stimme dagegen gewertet.  Ist dies erfolgt, muss die Politik dem Beschluss zustimmen. Ein komplexes Unterfangen, bei dem es auf jede Stimme ankommen könnte.

Doch einen Schimmer Hoffnung gibt es. Denn erst im vergangenen Jahr gab es in Gladbeck einen ähnlichen Fall. Dort darf eine evangelische Lehrerin an einer katholischen Grundschule Schulleiterin werden, weil sich trotz mehrerer Ausschreibungen kein katholischer Bewerber gefunden hatte. Die Schulaufsicht hatte deshalb eine Ausnahme zugelassen. Die evangelische Bewerberin war – wie Martina van Westen – bereits vorher kommissarische Leiterin der Schule.

Sollte keine dieser Optionen greifen, bliebe Martina van Westen nur noch ein letzter Schritt, um die Schule doch noch leiten zu können: Sie müsste konvertieren. Eine Option, über die sie nachdenke, die zu einer Lösung des grundsätzlichen Problems allerdings nicht beitragen würde.

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