Kaufland fordert jetzt Blauer Scheibe

Wohin mit dem Auto? : Altstadt-Bewohner auf der Parkplatz-Suche

Wir befinden uns im Jahr 2019. Ganz Stolberg ist glücklich über die Errungenschaften der Neuzeit. Ganz Stolberg? Nein, ein von unbeugsamen Bewohnern bevölkertes Quartier beginnt Widerstand zu leisten. Ihre größte Sorge: Wo sollen wir parken?

Es ist erneut die Altstadt in der sich zunehmend Unmut regt. Nachdem der Durchgangsverkehr vom dem holprigen Kopfsteinpflaster weitgehend verbannt ist, macht eine andere Sorge den Bewohnern der engen Gassen im Schatten der Burg Sorgen: Wo sollen wir Parken?

Stefanie Schulz, Lutz Scheffler, Roman Groß und Benjamin Lehrheuer bringen stellvertretend für viele Leidensgenossen das Problem auf den Punkt, das sich durch Entwicklungen der vergangenen Wochen verschärft hat. „Nach dem Burg-Center hat nun auch Kaufland die Nutzungszeit seiner Parkplätze rund um die Uhr auf zwei Stunden beschränkt“, berichtet Groß. Wer die Parkzeit überschreitet, dem drohen 20 Euro Strafe. Bewirtschaftet wird das Gelände im Auftrag von Kaufland durch die German Service Group (GSG). Sie überwacht und kassiert. Wer abstelltFahrzeug auf dem Parkplatz fährt, schließt automatisch einen Vertrag mit der GSG; so steht es zumindest auf den zahlreichen Hinweisschildern. „Eine rechtlich fragwürdige Angelegenheit“, meint Scheffler.

Vorreiter war im vergangenen Herbst bereits das Burg-Center. Park-Control kontrolliert dort rund um die Uhr, dass 90 Minuten kostenfreie Parkzeit nicht überschritten werden; anderenfalls werden 30 Euro fällig. Begründet hat das die Betreibergesellschaft mit den zahlreichen Dauer-Parkern, die potenziellen Kunden des Centers den Parkraum streitig machen. Sie kamen auch aus der Altstadt.

Nach dem Burg-Center werden nun auch die Kaufland-Parkplätze zeitlich befristet bewirtschaftet. Foto: Jürgen Lange

Neugestaltung verschärft Problem

Durch die Neugestaltung des Oberstolberger Marktes gewinnt für die Altstädter das Problem an Brisanz. Die Anzahl der Parkplätze, die nun ohne zeitliches Limit zur Verfügung stehen, kann man im weiten Umfeld an wenigen Händen abzählen. Und selbst wer nur über Nacht sein Vehikel abstellen möchte, muss sich zunehmend auf die Suche begeben. Wenn in wenigen Wochen die Arbeiten am Willy-Brandt- und im direkten Anschluss am Heinrich-Böll-Platz beginnen, entfällt Parkraum. Und mit der Fertigstellung sinkt das Angebot am Oberstolberger Markt von heute 89 auf 84 mit einem höheren Anteil von Stellplätzen für Behinderte und an E-Ladesäulen.

Nur wer am Nachmittag bei Dienstschluss ein früher Vogel ist, hat eine Chance, auf dem Oberstolberger Markt oder „An der Krone“ einen freien Stellplatz zu finden. Kann man an normalen Wochentagen noch Glück haben, wird ab freitags eng.

Als Insider-Tipp gilt der EWV-Parkplatz auf dem Dach des Burg-Centers, der außerhalb der Dienstzeiten kostenfrei zur Verfügung steht. Foto: Jürgen Lange

Das war einmal anders – bis Ende 2007 die Arbeiten für Burg-Center und Kaufland begannen. Bis dahin bot der auch für die Stadtkirmes genutzt Altstadt-Parkplatz ein reichhaltiges Angebot – im vorderen Bereich werktags bis 19 Uhr mit Parkscheibe auf drei Stunden reglementiert, im hinteren Bereich kostenfrei ohne Einschränkungen.

„Mit Kaufland begann das Problem“, markiert Lutz Scheffler den Wendepunkt der Stolberger Auzofahrernation. Dabei hatten Stadt und Investoren seinerzeit genau über den Punkt lange gerungen, den Verlust öffentlicher und Parkplätze für die Mitarbeiter der EWV zu ersetzen und langfristig zu sichern. Sogar ein neues Angebot mit 27 Stellplätzen in den früheren Gärten der Häuser des oberen Steinwegs wurde angelegt, nachdem auch über eine Parkpalette spekuliert wurde. Freilich vor einem anderen Hintergrund. Anfangs hatte Norbert Hermanns gehofft, auch die Gebäude zu einem respektablen Preis erwerben und in eine weitere Einkaufslage verwandeln zu können – eine Vision, die nur ein Traum blieb.

Ein Bild aus 2004: Bis zum Bau von Kaufland bot der Altstadt-Parkplatz reichlich Platz für Autos und die Kirmes. Foto: Jürgen Lange

Nun stellt sich für die Altstadtbewohner die Frage, ob die vertraglich zugesicherten Parkplätze für die Öffentlichkeit noch öffentliche Parkplätze sind, wenn der Parkraum den ganzen Tag über zeitlich bewirtschaftet wird?

Für sie ist die Antwort eindeutig: Nein. Schulz, Scheffler, Groß und Lehrheuer fordern von der Stadtverwaltung eine Prüfung der Verträge ein. Dabei sind die Vier bei weitem nicht alleine. Unterschriftenlisten liegen aus in den Geschäften und Gaststätten Oberstolbergs. Eine Online-Petition hat Benjamin Lehrheuer auf www.change.org (unter http://chng.it/NdfTyDrM) eingestellt. Hunderte Betroffene haben bereits unterschrieben. Ihre Forderung: kostenfreie oder zumindest kostengünstige Anwohnerparkausweise für die Altstadtbewohner.

Lutz Scheffler hat sich Gedanken gemacht, wo zusätzlicher Parkraum entstehen könnte: Parkpaletten auf dem städtischen Gelände an der Brauereistraße und der privaten früheren Tankstelle an der Zweifaller Straße. Foto: grafik

„Unannehmbares Angebot“

Brüskiert sehen sie sich durch eine Antwort des Ersten Beigeordneten. „Im Altstadtbereich bieten zahlreiche Grundstückseigentümer Garagen oder Stellplätze auf privaten Flächen an“, hatte Robert Voigtsberger auf ihre Sorgen geantwortet. „Alleine es fehlt das Angebot“, sagt Lutz Scheffler, während die Nachfrage reichlich sei. Ein Angebot gab es dann aber doch. Es sei ein solches gewesen, das man es nicht annehmen könnte. Auf einem günstig gelegenen Privatareal seien monatlich 100 Euro verlangt verlangt worden – ausschließlich an den Wochenenden und nur nachts.

Voigtsberger verwies die unbeugsamen Altstädter auf die untere Aachener Straße und die Brauereistraße, wo eine große Anzahl kostenfreier und zeitlich nicht reglementierter Stellplätze öffentlich zur Verfügung stünden. Die sind an der Aachener Straße nach der Neugestaltung längst nicht mehr so zahlreich, oft von den eigenen Anwohnern belegt sowie abends, an Wochenenden und bei Veranstaltungen zumeist ausgebucht.

Die Parkmöglichkeiten an der Brauereistraße, bis vor wenigen Wochen noch von Voigtsberger als Standort eines Wohnmobilstellplatzes favorisiert, gelten als Insider-Tipp, weil sie nicht ausgeschildert sind, und werden ebenfalls von den eigenen Anliegern reichhaltig, wenn auch nicht ausschließlich genutzt. „Und neuerdings werden ,Fremdparker’ gerne auch mit Eierwürfen begrüßt“, weiß Groß.

Der dann auch eine weitere Facette anspricht. Touristen, die Stolberg doch so umwerbe, finden keinen Parkraum. Zumindest nicht in dem Maße, wie sie in die Kupferstadt kommen. „Wer dann nicht am Tor der Altstadt einen Parkplatz findet, fährt weiter und kommt nicht wieder“, hat nicht nur Groß beobachtet. Das ist eine Erfahrung, die auch Restaurantbetreiber immer wieder gemacht haben und machen. „Wer nicht nahe am Lokal einen Parkplatz findet, sucht sich etwas anderes“, berichten Gastronomen.

„Aber wo sollen Touristen parken?“, fragen Scheffler und Schulz eher rhetorisch. Sie betreiben in der Schart ein stark nachgefragtes Gästehaus, dessen Besucher immer vor dem Parkplatz-Problem stehen.

Willy-Brandt- und Heinrich-Böll-Platz sind eigentlich durchgehend belegt und selbst bis Samstag um 15 Uhr zeitlich reglementiert. Einem Lottogewinn gleich kommt es, dort einen Stellplatz zu finden. Den Parkplatz hinter der EWV – so es denn dort einen freien Platz gibt – fänden Auswärtige nicht. Wenn doch würden sie abgeschreckt durch die Ausschilderung als Mitarbeiter-Parkplatz und die neuen Regelungen bei Burg-Center und Kaufland.

„Kein Wunder, dass die Besuchs- und Beherbergungszahlen seit Jahren kontinuierlich zurückgehen“, sagt Stefanie Lutz. Es grenze für Auswärtige schon an ein Wunder, den Parkplatz auf dem Faches-Thumesnil-Platz zu finden, um dann dort festzustellen, dass er belegt sei und durch die halbe Stadt zu fahren, um erneut sein Glück in Oberstolberg zu suchen.

Und letztlich sei das einst stolz präsentierte Parkleitsystem längst nicht mehr stimmig. Wunsch und Wirklichkeit, Zahlen der Stadt und eigene Zählungen passen nicht zusammen, sagt Scheffler und hat nachgerechnet.

Was machen Touristen?

Im März 2014 veröffentlichte die Stadtverwaltung die Zahl von 3532 Parkplätzen in der gesamten Innenstadt zwischen Krautlade und Kaufland. Davon wurden 1106 gebührenfreie Parklätze ohne zeitliche Beschränkung angegeben. Davon entfielen auf ein altstadtnahes Oberstolberg: Altstadt-Parkplatz Kaufland (58), Parkplatz Brauereistraße (65), Brauereistraße (23) und Faches-Thumesnil-Platz (40). Und was besonders ärgerlich erscheint ist der Umstand, dass vor den Schranken Kauflands zur Zweifaller Straße hin 60 Stellplätze nun in die Bewirtschaftung durch GSG einbezogen sind, die aber fast immer frei sind.

Es gebe zwar Altstadt-Bewohner, die vor der Burg parken würden, falls sie einen Stellplatz finden, sagt das Quartett – siehe oben. Gleiches gelte für die Brauereistraße. Entlang der Fahrbahn und auf den befestigten Teil des Parkplatzes stehen überwiegend die dortigen Anwohner. Der unbefestigte Teil werde de facto von Wohnmobilen und -anhängern sowie Kleinlastern so genutzt, dass andere ihn kaum nutzen könnten oder Sorge um ihr Fahrzeug hätten.

Bleiben die 58 Stellplätze vor den Schranken von Kaufland. 20 davon neben der Zufahrt sind nun für Mitarbeiter reserviert worden, weitere vier für das Burg-Center. Hinter Kaufland sind 30 überdachte Stellplätze in die Bewirtschaftung einbezogen worden. 15 sind als P+R-Plätze mit Bescheinigung für Bahnkunden reserviert. Unter dem Strich verblieben 17 öffentliche Parkplätze, resümiert Lutz Scheffel.

Es sind die einzigen 17 von insgesamt 553 Stellplätzen, die er ohne Brauereistraße zwischen Kaufland und an der Krone gezählt hat. Und selbst an der Brauereistraße hat er heute geringere Zahlen in der Praxis ermittelt, als von der Verwaltung vor fünf Jahren angegeben. „Es stimmt hinten und vorne nicht übereinander“, bilanzieren die Altstädtler.

Denen fällt auf, dass die Verwaltung immer wieder die Brauereistraße als Alternative anbietet. „Aber man kann doch nicht einen Parkplatz drei Mal als Ausweichort anpreisen, wie soll das denn gehen?“

Ein Hoffnungsschimmer könnten die EWV-Stellplätze auf dem Dach des Burg-Centers sein, die nach 16 bis 8 Uhr und an den Wochenenden ohne Einschränkung für die Allgemeinheit freigegeben sind. Touristen würden sie kaum finden können.

 Aber Menschen wie Roman Groß können sie kaum helfen. Er ist aus Stolbergs Dörfern auch deshalb in die Altstadt gezogen, um möglichst wenig mit dem Auto zu fahren, „was ja auch propagiert wird“. Denn im Schatten der Burg kann er immer noch fast alle Erledigungen zu Fuß absolvieren. Das bedeutet aber auch, dass er einige Tage lang sein Auto nicht braucht und es auf Dauer  abstellen können möchte – nur wo?

Alternativen vorgeschlagen

Dazu hat sich Lutz Scheffler Gedanken gemacht und zwei Ideen skizziert. Auf dem Parkplatz Brauereistraße könnte eine dreistöckige Parkpalette mit Überbrückung des Gleisfächers und Treppenturm zum Kaufland-Areal rund 200 zusätzliche Parkplätze schaffen. Und das private, frühere Tankstellen-Gelände an der Zweifaller Straße wäre ein idealer Standort für ein Parkhaus – insbesondere für Touristen am Tor zur Altstadt.