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Stolberg: Ju-Jutsu-Meister Dieter Call: Jung im Kopf, unermüdlich auf der Matte

Stolberg : Ju-Jutsu-Meister Dieter Call: Jung im Kopf, unermüdlich auf der Matte

Er spricht nicht gern über sich — dabei hat er so viel zu erzählen. Dieter Call ist Budo-Trainer, hat selbst den achten Meistergrad in Ju-Jutsu, ist Hauptorganisator des größten Stolberger Martinszugs in Büsbach und hat vor fünf Jahren mit Frau Roswitha die karnevalistische Altensitzung in die Hand genommen. Das alles macht er ehrenamtlich. Ein jahrelanges Engagement, das ihm auch hochrangige Auszeichnungen einbrachte.

Seit rund 50 Jahren engagiert er sich unentgeltlich für seinen Sport, zunächst im Judo, dann auch im Ju-Jutsu. Neben den Heimatvereinen in Stolberg und Eschweiler beschäftigte ihn der belgische Nationalverband 13 Jahre lang als Nationaltrainer.

Das Bundesverdienstkreuz hat Call 2011 bereits erhalten, und der japanische Konsul hat ihm an seinem 70. Geburtstag für seinen Einsatz in der deutsch-japanischen Verständigung gedankt. In diesem Jahr hat ihn nun auch die Stadt Stolberg für sein Ehrenamt ausgezeichnet und in die städtische Ehrenamtsgalerie aufgenommen. Jetzt ist Dieter Call einer von zwei Stolbergern, die für den Deutschen Engagementpreis nominiert sind. Da es sich um die Publikumskategorie handelt, kann jeder für ihn seine Stimme abgeben.

Eigentlich war es zunächst das Boxen, das Dieter Call faszinierte. Mit 13 Jahren war der ehemalige Kinderprinz von Stolberg-Mühle begeistert von dem Sport, doch zum Training kam es nie: Die Eltern waren dagegen. Als ihn ein Nachbar etwas später mit zum Judo nahm, schien aber ein zufriedenstellender Ersatz gefunden. Call wurde 1960 Mitbegründer des Bezirks Aachen im Anschluss an den DJK Roland. Einige Jahre darauf wurde seine Leidenschaft dann aber noch für eine andere Kampfsportart geweckt: Das damals noch relativ unbekannte Ju-Jutsu vereint als sanfte Selbstverteidigungstechnik verschiedene Kampfsportarten.

Dieter Call gründete den Verein Samurai Eschweiler-Ost und war ebenso maßgeblich beteiligt an der Gründung des Ju-Jutsu Verbandes Nordrhein-Westfalen, dem heute rund 10.000 Mitglieder angehören. Bis vor einigen Monaten war Call Vorstandsmitglied. Auch diese Position übte er über Jahrzehnte „nebenbei“ aus. Mehrmals in der Woche Training, dazu von freitags bis sonntags auf Wettkämpfen oder Lehrgängen unterwegs sein — „da muss man auch die Familie für haben“, sagt Call.

Als der gemeinsame Sohn klein war, blieb Roswitha Call an den Wochenenden mit ihm zu Hause. „Jahrelang bin ich dann ja auch durch Belgien getigert“, erzählt Dieter Call, „sei es als Nationaltrainer, Trainings- oder Lehrgangsleiter“. Angefragt hatte man ihn, nachdem sein Vorgänger mit der Kasse durchgebrannt war. Auch für den deutschen Bundesverband leitete er Lehrgänge und war als Wertungsrichter tätig. Obwohl überall so eng eingebunden, war Call immer lieber im Hintergrund, an der Basis tätig als in der Öffentlichkeit: „Ich bin kein Sportpolitiker, ich stehe viel lieber auf der Matte.“

Und auf der Matte hat er es weit gebracht: Call ist nicht nur der Träger des höchsten Meistergrades im Ju Jutsu in Europa, des achten Dan, er trägt ebenso den ersten Meistergrad im Bo Jutsu, den zweiten Grad im Judo sowie den sechsten Meistergrad im Hako Rio Jiu Jutsu — alle Meistergrade folgen erst nach den neun Gürtelfarben. „Ein europäisches Ding“, sagt Call. In Japan, wo die Calls die älteste Ju-Jutsu Schule besucht haben, gebe es nur einen schwarzen und einen weißen Gürtel, und niemand lege Wert darauf, welchen Grad oder Titel man trage.

Auch im beruflichen Alltag sammelte Call Meistergrade: In der Abendschule erarbeitete er sich zwei Meistertitel als Zentralheizungs- und Lüftungsbauer und Gas- und Wasserinstallateur.

Ungebrochen ist auch jetzt im Ruhestand die Begeisterung für den Sport: „Das Tolle ist die Vielseitigkeit. Ju-Jutsu verbindet Judo, Karate, Aikido und Hanbo.“ Es bereitet ihm Freude, die große Bedeutung, die der Sport in seinem Leben hat, an andere weiterzugeben. Im Verein trainiert er alle Altersklassen, von Jugendlichen bis hin zu Rentnern.

Auf die Äußerung der Annahme, dass für Hobbys abseits des Kampfsportes ja sicherlich keine Zeit mehr bleibe, winkt Dieter Call ab. Drei Mal in der Woche läuft er 15 Kilometer. Außerdem liest er leidenschaftlich gern. „Die Enkel wissen schon: Nachmittags braucht man den Opa nicht stören.“ Da sitzt er nämlich im Sessel und verschlingt Bücher — bevorzugt historische Romane. Neben Japan haben die Calls auch China, Russland, Indien und Ägypten bereist und waren kreuz und quer in Italien und Deutschland unterwegs. Als Elfjähriger begann für Call noch eine weitere Leidenschaft: Nachdem er in den Hundeverein eingetreten war, bildete er jahrelang Hunde aus. Bis vor zehn Jahren wohnte auch im Büsbacher Haus immer ein Familienhund.

Sport, der prägt

„Der Sport hat mir in der Jugend sehr viel gebracht, hat mich geprägt. Der Verein konnte einem Strukturen geben und ein Gefühl von Zusammengehörigkeit“, berichtet der Judoka. Freunde, die bereits eine Weile im Jugendknast verbracht hatten, seien so wieder auf die richtige Bahn gekommen. „In diesem Sport muss man sich auf den Partner einlassen, Respekt vor dem Gegner zeigen.“ Ein Aspekt, den er in anderen Sportarten nicht sieht — im Fußball vermisst er ihn zum Beispiel — dem Sport, den seine 14- beziehungsweise 16-jährigen Enkel lieben. „Auf die Matte habe ich sie bislang nicht bekommen“, sagt Call. Dabei macht es ihm besonders Spaß, den Kampfsport an die Jugend weiterzugeben. Manchmal fühlt er sich unter denen wohler, als unter gleichaltrigen, gibt er zu. „Er denkt jung“, sagt seine Frau schmunzelnd.