„Jahrtausendhaus“ bleibt nur eine Vision

Vortrag von Stadtarchivar : „Jahrtausendhaus“ bleibt nur eine Vision

Alt- und Neubau stellen eine geglückte architektonische Synthese dar und ergänzen sich in Funktion und Aussehen hervorragend: Diese Feststellung war eine der Kernaussagen, die Stadtarchivar Christian Altena im Mittelpunkt seines Vortrages machte, der sich kürzlich im Saal des Kulturzentrums an der Frankentalstraße mit der Geschichte des Stolberger Rathauses beschäftigte.

Schließlich ist das am Kaiserplatz liegende Verwaltungsgebäude von einer Geschichte geprägt, die im frühen 19. Jahrhundert mit dem zweigeschossigen klassizistischen Bau außerhalb der Altstadt in der damals neuen Mitte Stolbergs begann: Ein Bau, der nicht nur für die Unterbringung der damaligen Gemeindeverwaltung genutzt wurde, sondern auch drei konfessionelle Schulen und fünf Lehrerwohnungen beherbergte.

Den Plan, die Räumlichkeiten in ihrer Aufteilung im Gebäude sichtbar zu machen, hatte der 38-Jährige in intensiver Auseinandersetzung mit den damaligen Gegebenheiten erstellt. Demnach lagen, so Altena, auf jeder Etage rund zehn Räume, die für Schule, Rathaus und Wohnungen genutzt wurden.

Diese Einblicke in die damalige Raumstruktur stellten für die Besucher des Vortrages, den Altena im Auftrage der Volkshochschule (VHS) hielt, eine Besonderheit dar, weil man bisher diesen Details nur wenig Beachtung geschenkt hatte. Altenas Vortrag lebte aber auch davon, dass sich der Bauhistoriker eingehend mit der Architektur der von ihm vorgestellten Bauten auseinandersetzte. Demnach spielte nicht nur der Klassizismus des Altbaues eine Rolle, sondern auch der Expressionismus eines in den 1920er Jahren geplanten Neubaues.

Schließlich sollte Mitte der 1920er Jahre im späteren Stadtgarten das so genannte „Jahrtausendhaus“ entstehen, das nicht nur die Verwaltungsräume, sondern auch ein Hotel, einen Theatersaal, eine Sparkasse und die damalige Industrie- und Handelskammer (IHK) beherbergen sollte – renommierte Architekten der Region beteiligten sich an einem Gestaltungswettbewerb.

Diese unterschiedlichen, vom Expressionismus geprägten Pläne, es wurde sogar ein Preis vergeben und eine Bauausführung bestimmt, wurden im Rahmen des anderthalbstündigen Vortrags von Altena eingehend vorgestellt. Wie die Besucher erfuhren, hatten einige Architekten einen Turm vorgesehen, um den sich die weiteren Baukörper gruppieren sollten. Allerdings sind diese Pläne nie verwirklicht worden.

Dass man sogar einen Grundstein gelegt hatte, machte Altena deutlich, indem er den Besuchern anhand einer Fotomontage die im hinteren Bereich des Altbaues liegende Stelle zeigte, die man damals für den Grundstein vermutlich vorgesehen hatte.

Rund 50 Jahre später, der Raumbedarf für eine moderne Verwaltung reichte schon lange nicht mehr aus und die Bausubstanz hatte schwer gelitten, wie Altena versicherte, wurde schließlich ein Neubau in Angriff genommen. Ein Neubau, bei dem das in Düsseldorf beheimatete, renommierte Architektenbüro „Hentrich, Petschnigg & Partner (HPP) Mitte der 1970er Jahre zum Zuge kam. Sie hatten einige Jahre zuvor in Düsseldorf unter anderem das allseits bekannte „Dreischeibenhaus“ erstellt. Diese vom Brutalismus geprägte Formensprache wurde auch in Stolberg mit einer Turmlösung und einem zweigeschossigen Baukörper im hinteren Bereich des Altbaues verwirklicht.

Anhand zahlreicher Fotos, die die äußere Gestaltung, Farbgebung und Form des Neubaues zum Inhalt hatten, gelang es Altena, den Besuchern eine neue Sichtweise auf den Rathausbau von 1974 bis 1977 zu vermitteln. Schließlich stellte der Historiker den Bau als eine gelungene Kombination von Alt und Neu vor, die einheitlich wirkt und die Formensprache des Altbaues aufgreift und ergänzt.

Architekturvergleiche, bauliche Durchdringungen, Interpretationen und historische Bezüge des Neubaues wurden erörtert, die den Baukörper als ausgewogen und am Stadtbild orientiert charakterisierten. Die Besucher waren angenehm überrascht und ließen sich von Altena inspirieren und zum Nachdenken anregen. So meinte eine Besucherin: „Unter diesen Gesichtspunkten habe ich den Neubau noch nie betrachtet. Altena hat mir eine neue Sichtweise auf den Bau der 1970er Jahre eröffnet“.

Mehr von Aachener Nachrichten